Serie "Das ist Berlin"

Frohnau ist der Garten der Hauptstadt

Die Frohnauer gelten als entspannt und tolerant. Das mag an dem Grün und der guten Luft liegen. Doch die Zeiten, da Frohnau als ein Viertel der älteren Generation galt, sind vorbei. Zu den Villen und Alleen im hohen Norden zieht es nun auch wieder junge Familien.

Ja, wo laufen sie denn? Der Liedermacher Reinhard Mey joggt unter den Kastanien am Sigismundkorso, der Unternehmer und CDU-Politiker Frank Steffel trainiert am ehemaligen Todesstreifen für den nächsten Marathon, und die Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer marschiert mit Schäferhund Tim über die Stolper Heide. Die Frohnauer sind vom Lauffieber gepackt, angesteckt durch Natur pur rundherum.

„Das Gelände umfasst 3000 Morgen, ist mit herrlichem Wald bestanden und zahlreichen Seen ausgestattet. Es liegt inmitten meilenweiter königlicher Forsten, die Luft ist daher besonders rein und gesund.“ So lockte schon 1912 ein Werbeprospekt der „Direktion der Gartenstadt Frohnau“ Berliner hinauf in die zwei Jahre zuvor gegründete Kolonie im Norden der Reichshauptstadt. Den Bauwilligen wurde gleich auch noch Steuerfreiheit versprochen: keine Kommunalsteuer, keine Gemeinde-, Wertzuwachs- oder Umsatzsteuer. Geblieben ist allein die reine, gesunde Luft.

Frohnau, eine Kombination aus „froh“ und „Aue“, zählt mit seinen architektonisch interessanten Landhäusern, den Alleen und Parks zu den guten Adressen der Stadt.

Was zeichnet einen alteingesessenen Frohnauer eigentlich aus? „Dass er die Betonung auf die erste Silbe legt …“ Johannes Neumann muss es wissen. Seine Familie zählt zum Inventar des 1920 Groß-Berlin zugeschlagenen Ortes, der seitdem zum Bezirk Reinickendorf gehört. Der Großvater erlag 1912 den Verlockungen der Werbeprospekte, der Enkel und Jurist ist seit vielen Jahren Vorsitzender des Grundbesitzervereins der Gartenstadt Frohnau. Das ist eine nicht minder traditionsreiche Vereinigung: Gründungsjahr 1911.

Der Verein sieht seine Hauptaufgabe darin, das Gesamtensemble Gartenstadt vor weiteren verschandelnden Eingriffen zu bewahren. „Einer unserer großen Erfolge ist der Stopp der weiteren Zersiedelung. Wir haben beim Bezirk erreicht, dass wieder nur noch in eingeschränkter Höhe gebaut werden darf.“ Dankbar ist Neumanns Verein auch dafür, dass sich die Bezirksgärtner endlich wieder intensiver um die Pflege der von den Gründern kunstvoll angelegten Grünanlagen kümmern.

Frohnau galt lange als Altersheim. Legende. Eltern mit Kinderwagen oder Sprösslingen an der Hand sind längst wieder zum Normalfall geworden, künden von der Attraktivität der Gartenstadt für junge Familien. So gibt es auch viele Kindergärten. Julia Kofahl hat es vor zwei Jahren mit ihrem Mann Gunnar und dem zweieinhalbjährigen Jannis aus der hippen Mitte nach Frohnau gezogen. Warum? „Alles hat seine Zeit. Ich bin in Frohnau aufgewachsen, als Studentin hat mich Prenzlauer Berg gereizt. Jetzt als Mutter genieße ich wieder die höhere Lebensqualität hier draußen. Die Natur vor der Tür tut dem Kind gut, keiner tritt mir im Gedränge mehr auf die Füße, es gibt weniger Stress, und die Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf sind auch sehr gut.“

Eingekauft wird rund um den Zeltinger und den Ludolfingerplatz. Konsumtechnisch betrachtet ist Frohnau autark: Supermärkte, Feinkostläden wie der von John, wo sich sonnabends halb Frohnau begegnet, gleich fünf Banken, eine Post, Modeboutiquen, Bioprodukte in allen Variationen, die Buchhandlung Haberland, sogar ein Schuster und dreimal die Woche Markttag.

Noch stimmt der Mix der Geschäfte. „Aber wir müssen uns immer mehr einfallen lassen, um die Kunden an Frohnau zu binden“, sagt Heinz-Ingo Grosse, Inhaber eines Damenmodegeschäfts am Maximiliankorso und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Frohnauer Geschäfte. Zu den sichtbarsten Aktivitäten gehören viermal im Jahr Kunst- und Handwerksmärkte.

Manche Vermieter erschweren das Geschäft. Am Zeltinger Platz steht schon seit Jahren eine große Ladenfläche leer. „Der Eigentümer verwechselt Frohnau mit der Maximilianstraße in München“, sorgt sich Grosse.

Frohnau ist überschaubar. Von oben vom Casinoturm, derzeit leider nicht zu erklimmen. Ebenerdig trifft und sieht man sich rund um die beiden Plätze, die mit der Brücke über die S-Bahn verbunden sind. Eine Brücke auch zum Verweilen. Dazu laden gleich zwei Cafés ein. Der „Frohnauer Café Garten“ auf der Sonnenseite wird von der eher etwas älteren Generation bevorzugt, im gegenüberliegenden schattigen „Bistro Piccadilly“ sind die Jüngeren in der Mehrheit. Man lächelt und winkt sich zuweilen freundlich zu. Der Frohnauer an sich, ob Alteingesessener oder Zugereister, ist tolerant.

Das bestätigen Thomas und Ralf. Der eine kommt aus Schmargendorf, der andere aus Staaken, zusammen betreiben sie seit 21 Jahren einen Blumenstand auf dem Wochenmarkt. „Das geht hier alles entspannter zu, viel weniger Alltagsärger als in der Innenstadt“, sagt Thomas. Und viel treuer seien die Kunden, mehr Freude beim Einkaufen hätten sie auch. „Das liegt wohl am besseren Einkommen …“ Vom menschlichen Miteinander zeugten auch die Blumen und Kerzen, die Frohnauer unlängst an einem Buswartehäuschen am Zeltinger Platz niederlegten: Sie galten einem verstorbenen Obdachlosen, der dort gelebt hatte.

Vom Umzug der Regierung und des Parlaments nach Berlin hat auch Frohnau profitiert. Viele höhere Beamte, Lobbyisten und Journalisten sind überzeugte Frohnauer geworden. Einer von ihnen ist Werner Gößling, Wirtschaftskorrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio. Als Rheinländer akzeptiert zu werden hatten er und seine Familie kein Problem. „Die meisten Berliner sind ja Zugereiste. Wir fühlen uns hier wohl und schätzen vor allem das viele Grün. Wenn ich abends aus der S-Bahn steige, riecht es ganz anders als in Mitte.“ Fahrtzeit übrigens nur eine knappe halbe Stunde. Weil in Frohnau selbst alles fußläufig zu erreichen ist, hat er längst sein Auto verkauft.

„Kein Auto zu brauchen, ist auch eine hohe Lebensqualität“, sagt der Journalist. Und die Schulwahl bedeutete hier draußen ebenfalls kein Problem: „Mit der Evangelischen Schule haben wir eine sehr gute für unsere Tochter gefunden“, widerlegt Gößling ein weit verbreitetes Vorurteil über Berlins Bildungsanstalten.

Frohnau – das ist auch ein Lebensgefühl: eins mit der Natur, aber der Metropole nah; gutbürgerlich, aber nicht aufgesetzt; gute Nachbarschaft, aber kein Klüngel. Hier fühlen sich die Menschen noch als mitverantwortliche Anwohner, nicht als anonyme Großstädter.

>>> Nächste Folge der Serie "Das ist Berlin": Rudow.