Klosterviertel

Berlins Geburtsstätte soll wieder aufgebaut werden

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Dirk Westphal

Foto: SenStadtUm

Im Klosterviertel begann die Geschichte Berlins. Doch im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört. Was übrig blieb, wurde in der DDR beiseite geräumt. Nun soll das Viertel wieder entstehen – als moderne Interpretation. Doch zuvor müssen die Archäologen anrücken. Sie erwarten viel unter der Betonplatte eines Parkplatzes.

Lange, allzu lange war der Ort aus den Erinnerungen seiner Bewohner gelöscht, unter Asphalt vergraben, Parkplätzen und Straßen geopfert, ein Unort, und doch: Berlins Geburtsstätte - das Klosterviertel. Das Viertel, in dem Berlins Gründer die Stadtrechte verliehen bekamen, wo das älteste Gymnasium stand und wo die Juden im Mittelalter ihre Heimstatt errichteten

Mit Jüdenhof, Synagoge und Tauchbad. Was der Zweite Weltkrieg davon übrig ließ, räumte die DDR beiseite - für den Bau der Grunerstraße. Zurück blieben nur klägliche Reste wie die Ruine der Klosterkirche. Nun soll das Quartier wieder erstehen, mit Gassen, Arkaden, Höfen und lauschigen Plätzen.

Wenn voraussichtlich 2010 die ersten Bauherren loslegen, werden auch Berlins Landesarchäologen anrücken. Denn der Ort, an den sich abends nur wenige Menschen verirren, ist aus archäologischer Sicht ein Sehnsuchtsort. Einer, an dem für die Stadt Berlin alles begann. Weil dort eine attraktive Furt an der Spree lag, ein gewinnverheißendes Örtchen für Händler.

Die Aussichten für die Archäologen sind verheißungsvoll, fast wie beim Hoffen auf einen Schatz. Zwei bis drei Meter tief, unter der Betonplatte eines Parkplatzes neben dem Neuen Stadthaus, verbirgt sich Wertvolles, die Urzelle der Metropole. Verschüttete und längst vergessene Gänge, Flure, in denen Berlins Gründer wandelten.

Nun soll alles viel schicker, luftiger und aufgeräumter werden. Nicht mit Spitzbögen und allzu runden Formen, sondern modern, mit viel rechtem Winkel. Keine Patrizier, Höflinge und Ständevertreter wie vor Jahrhunderten werden dort einziehen, sondern Büromitarbeiter, Gastronomen, Galeristen, Lobbyisten und ganz normale Bürger.

Ein Viertel unter Ultraschall

Bevor sie einkehren, müssen die Archäologen ihre Arbeit erledigt haben, sichten, was noch zu sichten ist, und alles für die Nachwelt dokumentieren. Schichten aus dem Mittelalter und vielleicht sogar aus älteren Epochen. 8000 bis 10.000 Jahre sind die ältesten Siedlerspuren in Berlin alt. Bei Ultraschalluntersuchungen des Geländes entstehen plötzlich wie aus dem Nichts auf Monitoren die Umrisse alter Gemäuer, wo Rabbis einst entlangliefen und Kaufleute handelten.

Mit Spätelchen, Pinseln und Pinzetten werden die Ausgräber sich durch die Stadtgeschichte zurückwühlen, um am Ende in einer Zeit anzulangen, die uns dunkel vorkommt, weil wenig erhalten ist. "Bei den Grabungen werden wir viel finden", sagt der Historiker Dieter Hoffmann-Axthelm. Er wühlte sich durch Archive, untersuchte verstaubte Karten und Grundrisse. Ergebnis der Recherche war das Buch "Der Große Jüdenhof" (Lukas Verlag), in dem nachzulesen ist, was diesen Ort einst ausmachte. Ein abgeschlossenes quadratisches Gehöft, in dem die Urzelle der Berliner Juden lag.

Der Jüdenhof lag in der Nähe der Stadtmauer, unweit des Molkenmarktes. Seine Spuren und die anderer Funde will der Senat mittels "archäologischer Fenster" kenntlich machen. Ähnlich wie in Köln, wo begehbare Bodendenkmale über die Römerzeit informieren, sollen auch Berliner in die Vergangenheit abtauchen können - wenn die Investoren dem zustimmen. Während der Senat den Jüdenhof zumindest in seinen Konturen wieder sichtbar machen will, wird der Molkenmarkt wohl ein Name auf dem Stadtplan bleiben. Auch nach dem Wiederaufbau des Quartiers, das einen dreistelligen Millionenbetrag kosten wird, würde der Molkenmarkt künftig auf der neuen Kreuzung Mühlendamm/Spandauer/Stralauer Straße liegen. Vor dem Quartier, aber nicht darin.

SPD und Linke streiten um einen Platz

Weil täglich bis zu 65.000 Fahrzeuge den Verkehrsknoten passieren, müssen die Straßen einen bestimmten Mindestdurchmesser haben. Auch wird in der Mitte der Straße Platz für eine Straßenbahn vom Alexanderplatz zum Kulturforum gelassen. Die rot-rote Koalition ringt nur noch um ein Detail des Wiederaufbaus. So will die Linkspartei vor dem Alten Stadthaus einen Platz anlegen, die SPD lehnt dies ab. "Das Stadthaus ist ein Symbol für die kommunale Selbstverwaltung", sagt der Stadtplanerexperte der Linken, Thomas Flierl. Der Platz soll begrünt werden und mit Bänken Berliner und Touristen zum Verweilen einladen.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) lehnt die Pläne ab. "Ein Platz vor dem alten Stadthaus wäre weder städtebaulich noch historisch begründet", sagt Junge-Reyers Projektleiter Werner Schlömer. Die Nazis hätten dort einen Platz geplant, und diese Pläne wolle der Senat nicht reaktivieren. In den nächsten 14 Tagen wollen beide Fraktionen über das strittige Thema reden.

Unweit des Hauses barg das Quartier einen weiteren Schatz, Berlins ältestes, 1574 gegründetes Gymnasium, das "Zum Grauen Kloster". Stüler, von Schadow, Schinkel, Otto von Bismarck lernten dort. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Tradition unterbrochen, das Gebäude war zerstört, und 1958 verbot Walter Ulbricht sogar den Namen. 1963 nahm im Westteil Berlins eine Schule die Tradition wieder auf: das Evangelische Gymnasium in Wilmersdorf. Jetzt plant es die Wiederkehr an den historischen Ort mit einer Dependance, und der Senat unterstützt dies. Er gründete mit der Schule und der evangelischen Kirche hierzu einen Förderverein. Neben der Klosterkirchenruine soll die neue Schule entstehen. Es wäre auch ein Schallschutz für die dahinter vorgesehenen fünf- bis sechsgeschossigen Wohnhäuser.

Seit Kriegsende wohnen nur wenige Menschen in dem Viertel. Abends wirkt es wie ausgestorben. In der Waisenstraße 14 liegt das gemütliche Restaurant "Zur Letzten Instanz". Es schmiegt sich an die Reste der alten Stadtmauer. Napoleon soll dort gespeist haben, kurz bevor er nach Russland zog, mit seiner Grande Armée. Restaurantinhaber Rainer Sperlings Erwartungen an das neue Viertel sind klein: "Wenn hier Hotels, Büros und Wohnungen entstehen, kommen Menschen, das ist gut."