Umzug nach München

Berliner Sat.1-Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

Der Privatsender Sat.1 kehrt Berlin nach neun Jahren den Rücken. Von dem Umzug nach München sind 350 Redakteure und Verwaltungsmitarbeiter betroffen. Sie alle sollen ein Jobangebot oder eine "angemessene Abfindung" erhalten, heißt es. Widerstandslos wollen die das nicht hinnehmen.

Foto: ddp / DDP

Die Nachricht kam um 17.25 Uhr. Per E-Mail lud der Vorstand der ProSiebenSat.1 Media AG am Mittwoch zur Mitarbeiterversammlung am nächsten Morgen ins Hilton. Zarte Hoffnung machte sich breit unter den Mitarbeitern. War der Umzug des Unternehmens nach München, von dem seit zwei Wochen im Flurfunk und in den Medien die Rede war, doch nur ein Gerücht? „Wir dachten schon, alles wird gut und wir können in Berlin bleiben“, sagt Uwe Theuerkauff, Redakteur und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Immerhin sei die Mail ja unterschrieben mit: „Wir freuen uns auf Ihr Kommen.“ Am Donnerstagmorgen um 9.30 Uhr wurde dann aus der zarten Hoffnung bittere Realität: Das Unternehmen zieht nach Unterföhring bei München.

Man müsse reagieren, das „Schiff sturmfest“ machen, sagte der Vorstand im Hilton Hotel. Und dazu gehöre auch der Umzug nach München. Vielen der Mitarbeiter stockte der Atem. Andere reagierten wütend. „Sie wären fast aufs Podium gesprungen“, sagt Theuerkauff. Zurück im Sender am Hausvogteiplatz sei an normales Arbeiten nicht mehr zu denken gewesen, berichtet ein Mitarbeiter. „Der Schock war für die meisten einfach zu groß.“ Um fünf vor zwölf versammelten sich deshalb rund 400 Mitarbeiter mit roten Sat.1-Luftballons auf dem Hausvogteiplatz. Sie stellten sich als Herz auf – ihre Liebeserklärung an Berlin.

Zahlen statt Gefühle

Doch dem Unternehmen geht es nicht um Gefühle, sondern um nackte Zahlen. Und die müssen besser werden. Die ProSiebenSat.1 Media AG steht vor einer umfassenden Neuordnung, von der sich die Senderfamilie offenbar erhebliche Einsparungen verspricht. Zuletzt hatte das Medienunternehmen seine Gewinnerwartung von 780 Millionen Euro auf 670 bis 700 Millionen Euro senken müssen. Ein neues Vermarktungsmodell war von den Werbekunden nicht angenommen worden. Zudem belasten ProSiebenSat.1 etwa 3,4 Milliarden Euro Schulden. Die Eigner des Konzerns, die Finanzinvestoren Permira und KKR, hatten zu diesem Preis die skandinavische Senderkette SBS gekauft. Die Kosten dafür wurden ProSiebenSat.1 aufgebürdet.

Bis Juni 2009 soll nun das gesamte Unternehmen in München sein. Dann werde dort die komplette Verwaltung der Gruppe zusammengefasst und auch die Konzernkommunikation gebündelt. Die Berliner Abteilungen des Vermarkters Seven One Media ziehen ebenfalls nach München. Der Online Vermarkter Seven One Interactive wird mit Seven One Media zusammengelegt.

Insgesamt sind von dem Umzug in Berlin 350 Mitarbeiter betroffen. Sie alle sollen ein Jobangebot in München oder eine angemessene Abfindung erhalten. Denn unabhängig vom Umzug will die Senderfamilie 225 Arbeitsplätze streichen. Das sind sieben Prozent der in Deutschland beschäftigten Mitarbeiter. Nach Angaben eines Sprechers werden davon alle Bereiche betroffen sein. Auch betriebsbedingte Kündigungen wollte er nicht ausschließen.

In der Hauptstadt bleibt nur die Sat.1-Zentralredaktion, die das Frühstücksfernsehen und das Sat.1-Magazin produziert sowie der Nachrichtensender N24. Nach Unternehmensangaben bleiben in Berlin so 450 Arbeitsplätze erhalten.

Eine weitere Überraschung ist der Wechsel von Sat.1-Chef Matthias Alberti in die Geschäftsführung der German Free TV Holding, wo über die Geschicke der Senderfamilie entschieden wird. Neuer Sat.1-Chef wird Guido Bolten, der bisher dem ebenfalls zur Senderfamilie gehörenden TV-Kanal Kabel Eins vorstand.

„Sie vernichten alles“

Ein Mitarbeiter, der aus Angst um seinen Job ungenannt bleiben will, sitzt in seinem Büro. Über den Flachbildschirm an der Wand hat er das Bild einer Heuschrecke geklebt. „Sie vernichten einfach alles“, sagt er. Seine Stimme klingt bitter. Zu Hause warten seine drei Kinder und seine Frau, die er vor vielen Jahren im Sender kennengelernt hatte. Ihr galt sein erster Anruf nach dem Schock. „Sie hat fast einen Nervenzusammenbruch bekommen“, sagt er. Die Kinder wissen noch nicht, dass sie schon im kommenden Jahr in München zur Schule und in den Kindergarten gehen werden. „Das können sie sich gar nicht vorstellen. Sie haben doch hier ihre Freunde, ihr ganzes Umfeld.“ Vielleicht sagt er ihnen am Abend erst mal noch nichts. Lieber erst am Wochenende.

Es ist noch nicht lange her, dass die Familie am Stadtrand das Haus gekauft hat. „Mit Absicht ganz in der Nähe von Oma und Opa“, sagt der Mitarbeiter leise. „So etwas können wir uns in München gar nicht leisten.“ Er sei vor 14 Jahren extra nach Berlin gezogen, weil „hier alles passiert“. Die Entscheidung nach München zu gehen, hält er für absolut falsch.

Wowereit schaltete sich ein

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sagte, er bedauere den Umzug von Sat.1. Zusammen mit Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) hatte er in den vergangenen Tagen noch versucht, Sat.1 zum Verbleib in der Stadt zu überreden. Die Chefin der Senatskanzlei, Barbara Kisseler, bezeichnete den Umzug nach München als „unternehmerische und medienpolitische Fehlentscheidung“.

Dabei hatte es 1994 mit einem Überraschungscoups begonnen. Damals entschied der vom Medienunternehmer Leo Kirch beherrschte Sender, seine Aktivitäten in der Hauptstadt zu bündeln. Dort schlage das Herz der Politik und dort müssten auch die Redaktionen sein, ließ der Unternehmer verlauten. Gesagt. Getan. Ein Großteil der Mitarbeiter zog von Hamburg nach Berlin. Geschlossen wurden die Standorte Bonn und Mainz.

Nach einigen Wochen der Suche war ein Grundstück gefunden, zwischen Jägerstraße und Hausvogteiplatz. Kein Zufall. Leo Kirch hatte in dem Karreé bereits Anfang der 90er-Jahre drei Gebäude von der Treuhand erworben. Rund 275 Millionen Mark investierte der Sender in die Sanierung der Häuser, von denen eines ein komplett neues und um zwei Etagen aufgestocktes Dach erhielt, mit Blick auf den Friedrichswerder und in Reichweite der großen Politik. Direkt gegenüber liegt das Auswärtige Amt. 1999 war der Umbau der Gebäude beendet. Die bis dahin auf mehrere Standorte zwischen Mainz, Berlin (Frühstücksfernsehen) und Hamburg verteilten Aktivitäten konzentrierte die Senderkette fortan am Hausvogteiplatz.

In vielen TV-Spots des Senders wurde seither die Phalanx der Satellitenschüsseln auf dem Sendergebäude hoch über dem Hausvogteiplatz zu einem Markenzeichen von Sat.1. Ein über Berlin hinaus bekanntes Logo, immer wieder eingeblendet, auch in zahlreichen Meldungs-Teasern.

Standort mit Geschichte

Es ist ein alter, geschichtsträchtiger Standort. Zu DDR-Zeiten hatte dort die Defa ihr Dokumentarfilmstudios untergebracht. Im 17. Jahrhundert lag dort eine der Bastionen der alten Festungsmauer. Heute sind in dem feinen Quartier auch einige Botschaften ansässig. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder ging dort mittags im „Vau“ dinieren, und die Rothschilds unterhielten im Karrée eine ihrer ersten Banken in Berlin.

Und auch die meisten Mitarbeiter sind jeden Morgen gern an ihren Arbeitsplatz gekommen. „Es war etwas Besonderes, hier zu arbeiten“, sagt eine Angestellte traurig. Auch Katrin Schulze, Betriebsratsvorsitzende, wird ihr Büro verlassen. „Wir ziehen ja nicht mal nach München“, sagt sie, „sondern nach Unterföhring. Das ist wirklich ein Albtraum!“

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