Sommersaison

In diesem Freibad bin ich richtig

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Silvia Meixner

Foto: dpa Picture-Alliance / KAI-UWE HEINRICH TSP / Tagesspiegel

Berlin hat viele Bäder. Aber wer schwimmt wo? Und welches Becken ist für Sie das richtige? Vom Poser bis zur Diva: Eine kleine Typenkunde.

Schwimmen können Sie woanders! Wir wissen nicht, wie man in diesem See Seerosen am Leben erhält, vielleicht werden sie jede Nacht heimlich ausgewechselt. Denn niemand krault am "Ku'damm Beach", vormals jahrzehntelang als schnödes "Strandbad Halensee" bekannt.

Hier herrscht seit Jahren Badeverbot wegen der schlechten Wasserqualität. Kein gutes Omen für Strandbadbetreiber, aber man muss jetzt einfach auch einmal die Vorteile sehen: Nichtschwimmen schont die Badekleidung, man muss nicht so oft zum Friseur und der Nagellack hält 1,4 Tage länger.

Alles Argumente für Tussis deluxe, die man hier antrifft. Am "Ku'damm Beach" badet (wieder) die Grunewald-Klientel, wenn ihr der Wannsee (wieder einmal) zu weit ist. Drinkphilosophie: Champagner statt Weiße mit Schuss. Mit gutem Willen lässt sich der Lärm von der angrenzenden Autobahn als Chill-out-Wummern auslegen. Wo andere einen Steg haben, hat dieser Beach eine "VIP-Lounge".

Hier verkehren keine Hartz-IV-Empfänger

Schon an den Champagnerkühlern merkt man, dass an diesem Ort keine Hartz IV-Empfänger verkehren. Der Eintritt kostet zu vernachlässigende drei Euro, das bezahlt man hier aus der Portokasse. Da man sowieso nicht schwimmen darf, ergibt es auch keinen Sinn, schon frühmorgens zu öffnen. Die ersten Getränke gibt es ab 12 Uhr. Schade, dass nur eine Handvoll Cabrios vor der Tür parken können. Ist aber auch wirklich ein bisschen eng, diese Königsallee.

Weil wir nicht parken konnten, fuhren wir gleich beleidigt weiter an den Wannsee. Dort machten wir die Bekanntschaft mit einer zauberhaften Dame, die nicht zu übersehen war. Männer jeden Alters gucken Helga Isvoranu hinterher. Sie wissen schon. Charme und Esprit sind keine Frage des Alters und sie sieht einfach hinreißend-sommerlich aus in ihrem Flatterkleidchen, mit der Blume im Haar.

"Ich komme seit 60 Jahren hier her", sagt sie. Von solchen Stammgästen können andere Badeanstalten nur träumen. Auch wenn es Menschen gibt, die sagen, dass das Strandbad Wannsee out sei. Wir sagen: Es hat was.

Zwei Palmen zum Beispiel. Die suggerieren: Wir sind nicht St. Tropez, aber Zsa Zsa Gabor hätte sich an diesem Sandstrand trotzdem wohl gefühlt. Die schlechte Nachricht: Früher sahen die Männer besser aus. Durchtrainierter. Schlanker. Sagt Frau Isvoranu.

Früher, das war in den 50er-Jahren, früher, das war, als man im Strandbad Wannsee noch jene Menschen traf, die man sonst nur in den bunten Blättern fand, aber damals hatte man ja auch als Star noch kein Häuschen auf Mallorca. Damals fanden am Wannsee sogar Misswahlen statt.

Berlin, wie Wowi es mag

Die gibt es auf dem Badeschiff in Kreuzberg täglich. Nonstop. Inoffiziell. Jeder kürt seine Siegerin selbst. Hier badet die Szene aus Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain. Glamour-Faktor: Mittendrin. Ein Ort für Warmduscher, der Pool, früher der Mittelteil eines Frachtschiffes, ist beheizt. 24 Grad! Um die Jahrhundertwende, allerdings die vorletzte, waren Flussschwimmbäder schon mal modern.

Hier zählt das Hier und Jetzt und man denkt bestenfalls an den nächsten Abend. Wer vom Nichtstun müde ist, legt sich ins Bett. In richtige Betten, die Matratzen sind hübsch weiß bezogen. Hier ist Berlin genau so, wie Wowi es gern hat. Jung, dynamisch, multikulti.

Vielleicht sollte Helga Isvoranu vom Wannsee mal ins Strandbad Tegel fahren. Dort gibt es sie auch heute noch, die durchtrainierten Männer. Wagemutig springen sie vom Turm. Ihr Fitnessrezept klingt überzeugend: Wem der Ball beim Dribbeln runterfällt, der muss 20 Liegestütze machen. Sehr effizient. In Tegel flanieren die Poser. Zeigt her Eure Muskeln!

Hier badet man "in Familie"

Die sind im und am Weißen See in Pankow völlig unwichtig. Glamourös ist hier nichts, hier badet man "in Familie". Die Bar ist ziemlich ramponiert, als hätte es gerade eine Schlägerei gegeben, weshalb leider nur zwei Korbstühle und ein paar Biergartenbänke übrig geblieben sind.

Dafür verheißt die Cocktailkarte gleich "Sieben Weltmeere". Weil die Ostsee und der Weiße See natürlich auch dazu gehören. Abends sporadisch Theater (ohne Schlägerei). Nostalgiker ohne Anspruch auf Glamour schicken wir nach Grünau. In diesem Strandbad, so versichern die Gäste, sei es immer "so schön leer". Das liegt vielleicht auch daran, dass man sich hier keine große Mühe gibt, Gäste, eventuell mit Renovierungsmaßnahmen, anzulocken. Sogar die Uhren machen hier mit, sie zeigen einfach verschiedene Zeiten an. Als wollten Sie sagen: Schick sein können Sie anderswo. Hier baden die, die schon gestern und vorgestern hier planschten...