Sanierungsplan

Staatsoper soll vierten Rang bekommen

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Stefan Kirschner

Foto: Stephan Braunfels Architekten

Ein neuer Kompromissvorschlag belebt die Diskussion um die Sanierung der Staatsoper. Der Architekt Stephan Braunfels will die Decke im Zuschauerraum erhöhen und einen zusätzlichen Rang einbauen. Damit würde der denkmalgeschützte Saal erhalten bleiben, gleichzeitig würde aber auch die Akustik verbessert.

Die Diskussion um die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden bekommt neuen Schwung: Der Architekt Stephan Braunfels hat in seinem Berliner Büro einen Entwurf vorgestellt, bei dem der Zuschauerraum nahezu so aussieht wie bisher, aber trotzdem die Akustik und sogar die Sichtverhältnisse verbessert werden. Das hört sich nach der hochemotionalen Diskussion vom Sommer, in deren Folge der Senat den Wettbewerb für die Neugestaltung des Zuschauerraumes stoppte und lediglich eine „Pinselsanierung“ des denkmalgeschützten Paulick-Saales beschloss, nach der Quadratur des Kreises an.

Die Vorschläge des Architekten, der in Berlin im Regierungsviertel das Paul-Löbe- und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus entworfen und das Foyer der Komischen Oper neu gestaltet hat, klingen eigentlich ganz einfach: Braunfels möchte den „ganzen Raum nach oben strecken“ und einen vierten Rang (den gab es in der Geschichte des mehrfach neu gestalteten Hauses tatsächlich zweimal) als „Kopie des bestehenden dritten“ einbauen. Durch das größere Raumvolumen würde sich der Klang verbessern. Die Decke soll im Zuge dieser Maßnahme um knapp vier Meter angehoben werden. Die äußere Erscheinung des Opernhauses bleibt unverändert, weil sich unter der Decke ein entsprechender Hohlraum verbirgt.

Bessere Sicht auf die Bühne

Für eine bessere Sicht auf die Bühne schweben Braunfels Modifizierungen im Bereich der Proszeniumslogen vor. Derzeit gelten je nach Betrachtungsweise zwischen einem Viertel und einem Fünftel der 1400 Plätze als sichtbehindert, weil die Proszeniumslogen weit in den Raum ragen. Braunfels möchte die auf jeder Seite ein Stückchen zurücksetzen. Dadurch könnten die seitlich in den Rängen Sitzenden mehr vom Bühnengeschehen sehen. Außerdem soll das Parkett künftig etwas mehr ansteigen.

Im Zuge der Erhöhung des Raumes will Braunfels auch eine zweite Proszeniumsloge auf jeder Seite des Orchestergrabens im Stile der vorhandenen einbauen, damit die Proportionen stimmen. Die Platzzahl könnte sich durch den neuen Rang um 260 erhöhen, wobei es dem Architekten eigentlich lieber wäre, „das nicht auszureizen“, um dem Gefühl der Enge, das einen in der Staatsoper befällt, etwas entgegenzusetzen. Braunfels' Vorstoß kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Ausschreibung für die denkmalgerechte Sanierung der Staatsoper noch läuft. Den ersten Wettbewerb zur Neugestaltung des Zuschauerraums hatte der Senat im Sommer abgebrochen, nachdem eine Jury einen modernen Entwurf zum Sieger gekürt hatte und auch die zweit- und drittplatzierten Architekturbüros von Richard Paulicks denkmalgeschützten Saal aus den 1950er Jahren nicht viel übrig gelassen hatten.

Berlins Regierender Bürgermeister und amtierender Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) war damals zu der Erkenntnis gelangt, dass eine Verbesserung der Akustik und der Sichtverhältnisse bei gleichzeitiger Erhaltung des Zuschauerraumes nicht möglich ist. Daraufhin – und auch um Schadensersatzforderungen zu vermeiden – erklärte Wowereit, dass im Rahmen der auf vier Jahre angelegten und rund 230 Millionen Euro teuren Generalsanierung der Zuschauerraum mit allen Mängeln gewissermaßen unangetastet bleiben solle.

Der Begriff „Pinselsanierung“ machte die Runde. Er klingt gleichermaßen bestandserhaltend wie harmlos. Allerdings zeigt die gerade laufende Renovierung des Zuschauerraums des Deutschen Theaters (DT), dass Sanierungsmaßnahmen nicht spurlos an Räumen vorübergehen: Im Rahmen des Einbaus einer Lüftungsanlage wurde der DT-Zuschauerraum entkernt, es gibt ein neues Parkett, breitere Stühle, größere Abstände zwischen den Reihen, die Wandbespannung wird nachgewebt und die Ränge bekommen einen neuen Zuschnitt, damit die Platzzahl erhalten bleibt. Und die gesamte Baumaßnahme hat den Segen des Denkmalschutzes.

Insofern täte die Politik gut daran, Braunfels' Entwurf nicht gleich abzutun. Sein Vorschlag könnte der Kompromiss sein, nachdem lange gesucht wurde: Äußerlich sieht alles nach Paulick aus, aber wesentliche Mängel des Raumes werden gemildert. Ob sich Braunfels an der gerade laufenden Ausschreibung beteiligt, „ist noch offen“, wie er gestern sagte. Seine Präsentation dürfte auch eine Art Testcharakter haben. Er selbst rechnet sich „wenig Chancen aus“, weil er im Gegensatz zu potenziellen Konkurrenten im Theaterbau beziehungsweise der Sanierung wenig Erfahrung nachweisen könne.

„Paulick weiterentwickelt“

Möglicherweise kommt noch ein zweiter Punkt dazu. Braunfels hat sich nämlich bereits am ersten Wettbewerb beteiligt. Er hatte seinerzeit Skizzen für einen modernen Zuschauerraum eingereicht, wurde aber für den Wettbewerb nicht zugelassen. Als er den späteren Siegerentwurf von Klaus Roth sah, kam ihm dieser vertraut vor. Er erinnerte ihn an seinen eigenen.

Mittlerweile aber hat sich Braunfels vom „Paulus zum Saulus“ gewandelt. Ob die Politik ihm das abnimmt, werden die nächsten Tage zeigen. Aus seiner Sicht hat er mit dem neuen Entwurf „Paulick nicht verändert, sondern nur weiterentwickelt“.