Jüdisches Leben in Berlin

Ein Paar für Gott und Jahwe

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Jessica Schulte am Hülse

Foto: Amin Akhtar

Sie ist Jüdin, er Protestant. Dass sie unterschiedlichen Religionsgemeinschaften angehörten, spielte für die beiden Berliner anfänglich kaum eine Rolle – bis sie heiraten wollten. Heute gehen die Hofmanns als Ehepaar durchs Leben, haben zwei Kinder und bewegen sich im Alltag zwischen Kompromissen und Tradition.

Im Kühlschrank der Familie Hofmann liegen koschere und nicht koschere Lebensmittel ganz selbstverständlich nebeneinander. Hofmanns feiern Weihnachten, Chanukka, Shabbat, Rosch Haschana und Ostern. Klingt nach einer grotesken Mischung, aber das Leben von Christian und Esther Hofmann ist eben manchmal etwas chaotisch, denn sie ist Jüdin und er Protestant. Seit zehn Jahren ist das Paar verheiratet und bis heute gibt es immer wieder Diskussionen, weil beide ihre religiösen Traditionen und Ansichten mit in die Ehe brachten. „Meistens finden wir einen Kompromiss“, sagt Christian Hofmann. „Aber manchmal kracht es richtig“, entgegnet seine Frau mit einem Lächeln.

Die Liebesgeschichte der Hofmanns begann an einem wenig romantischen Ort: im Club „Oxymoron“ in den Hackeschen Höfen in Mitte. An der Bar bestellte der damals 28-jährige angehende Anwalt einen Drink, kam mit der blonden, attraktiven Journalistin ins Gespräch. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Esther Hofmann. Die beiden wurden ein Paar, zogen bereits nach wenigen Wochen zusammen. Dass sie zwei unterschiedlicher Religionsgemeinschaften angehörten, darüber sprachen sie anfänglich kaum – bis sie heiraten wollten.

Erste Schwierigkeit: Trauung

In ihrer großzügigen Altbauwohnung in Wilmersdorf stehen Fotos von der Trauung in silbernen Rahmen auf einer Kommode im Wohnzimmer. Sie trägt die Haare hochgesteckt und ein klassisches, weißes Kleid, er einen schwarzen Frack. Über dem Brautpaar schwebt ein weißes Tuch, die Chuppa. So nennt man den Baldachin unter der nach jüdischem Brauch die gesamte Trauungszeremonie stattfindet.

Doch der Weg unter den Trauungshimmel war nicht einfach. „Wir durften nicht in einer Synagoge heiraten, nicht mal in einer der liberalen Juden“, sagt Esther Hofmann. So entschied das junge Paar, dass es sich auch im Freien das Ja-Wort geben könnte. In der jüdischen Gemeinde fanden die angehenden Eheleute einen Rabbiner, der sie trauen wollte. „Ich muss zugeben, dass meine Eltern auf der Hochzeit schon etwas verwirrt waren“, sagt Christian Hofmann. Sie erwarteten natürlich einen Pfarrer und nicht einen Mann mit schwarzem Hut, der hebräische Gebetssprüche murmelte. „Es wurde trotzdem eine wunderschöne Feier“, sagt Christian Hofmann. Es sei eine vollkommen gemischte Hochzeitsgesellschaft gewesen: Juden, Christen, Atheisten. „Alle waren einfach glücklich über unsere Hochzeit“, sagt er weiter. „Vielleicht hielten sie sich deshalb an diesem Tag mit Fragen zur Religion zurück.“ Der Rabbiner habe sogar mit seiner Mutter getanzt. So begann das Leben innerhalb zweier Glaubensgemeinschaften und schien in Ordnung. Zumindest vorerst. Bis ein knappes Jahr später Tochter Rahel auf die Welt kam.

Nach dem jüdischen Gesetz vererbt die Mutter das Jüdischsein an ihre Kinder. Somit gelten auch alle Kinder aus einer interreligiösen Beziehung als jüdisch, wenn die Mutter Jüdin ist. „Rahel war noch keine Woche alt, da rief eine Tante von Christian an und wollte wissen, wann denn nun die Taufe sei“, erinnert sich Esther Hofmann schmunzelnd. Sie habe ihr gesagt, dass Rahel doch jüdisch sei. „Die Kleine kann ja meinetwegen jüdisch sein, aber sie muss doch getauft werden“, so die spitze Antwort der Tante. Rahel wurde nicht getauft und die Tante verstand die Welt nicht mehr. Das passierte Familie Hoffmann nun häufiger.

„Ob Chanukka oder Schweinefleischverbot, Synagoge oder Hebräisch, für mich waren die jüdischen Gepflogenheiten früher auch recht fremd“, so Christian Hofmann. Für seine Eltern sind sie es teilweise bis heute. Von den Tagen an denen die Kinder bei ihren Großeltern väterlicherseits sind, gibt es diverse Anekdote. „Am schönsten ist Lennys Gesangsgeschichte“, sagt Papa Hofmann. Der Kleine konnte aus dem jüdischen Kindergarten einige hebräische Kinderlieder singen und trug sie stolz den Großeltern vor. „Kennst du auch Hänschen Klein“, fragte der Opa anschließend. „Nö, so einen Quatsch mache ich nicht mit“, antwortete der vierjährige entschlossen. Als Lenny dann noch Opas selbst gemachte Schweinebouletten ablehnte, wusste der Großvater keinen Rat mehr. „Er rief uns halb lachend, halb verwirrt an“, so Esther Hofmann. Sie riet im das nächste Mal Rinderbouletten zu braten und versprach, einige deutsche Kinderlieder zu üben.

Das nächste Problem: Weihnachten. „Eigentlich feiern Juden dieses Fest natürlich nicht“, so Esther Hofmann. Was soll sie ihren Kindern sagen, die in einer christlichen Gesellschaft aufwachsen, wenn im Dezember die Schaufenster voller verheißungsvollen Geschenken und Weihnachtsbäume nur so triefen? „Man kann doch einem kleinen Jungen oder Mädchen schlecht erklären, dass es an dieser Feier nicht teilnehmen darf.“ Die Lösung à la Hofmann lautet: Das christliche Weihnachtsfest feiern sie bei den Großeltern und das jüdische Chanukka zu Hause.

Ehekrise wegen der Beschneidung

Als 2002 das zweite Kind geboren wurde, musste das Paar die größte Krise meistern. „Nach der Geburt unseres Sohnes Lenny, ging es rund“, sagt Esther Hofmann. Über das Thema Beschneidung hatten die Eheleute vorher überhaupt nicht gesprochen. Für die Mutter stand fest, dass ein jüdischer Junge nicht unbeschnitten in die Welt gehen kann. „Und ich habe sofort gesagt: Dass kommt nicht in Frage“, so der bis dato tolerante Vater.

Nach dem jüdischen Glauben müssen Jungen am achten Tag nach ihrer Geburt von einem Mohel beschnitten werden. So steht es in der Bibel. „Ich dachte ich werde wahnsinnig, als mein Mann sich auch am sechsten Tag nach der Geburt noch stur stellte“, sagt Esther Hofmann. Doch auch dieser Konflikt wurde gelöst. „Wir einigten uns auf eine halbreligiöse Beschneidung im jüdischen Krankenhaus. Kein Mohel, sondern ein Arzt nahm die Beschneidung vor“, so Christian Hofmann. An dem Tag als das Paar dann mit dem acht Tage alten Säugling auf dem Weg ins Krankenhaus war, war es Mama Hofmann, der die Nerven durchgingen. „Es kam ein Team von drei Ärzten und mir wurde ganz schlecht bei der Vorstellung, was die mit meinem Kleinen anstellen würden“. Die heulende Mutter ging nicht mit in den Operationssaal. Drückte dafür ihrem Mann mit dem Worten „nimm du es auf“, eine Videokamera in die Hand. Der überforderte Vater zitterte dermaßen, dass „alles vollkommen verwackelt war“.

Selbst über ein noch fernes Thema diskutieren sie. Den Tod. Esther Hofmann will nicht, dass sie und ihr Mann auf verschiedenen Friedhöfen begraben werden. „Wenn wir im Leben zusammen bleiben, wollen wir doch nicht im Tod getrennt werden“, sagt sie. Dafür muss er eigentlich konvertieren. Aber Familie Hofmann wird sicherlich auch hier noch einen jüdisch-christlichen Kompromiss finden.