Nach Mord an Jesuiten

Kardinal demonstriert vor russischer Botschaft

In Berlin haben Spitzenvertreter der katholischen Kirche eine Mahnwache gehalten. Den Teilnehmern, darunter auch der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky, geht es um Ermittlungen zur Ermordung von zwei Jesuitenpatern in Moskau. In dem Fall gibt es zahlreiche Ungereimtheiten.

Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky hat gemeinsam mit Spitzenvertreter der katholischen Kirche in Deutschland vor der russischen Botschaft in Berlin eine Mahnwache gehalten. Veranstaltet wurde die Demonstration vom Jesuitenorden. Neben Sterzinsky nahmen auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, teil sowie der Leiter des Katholischen Büros, Karl Jüsten, der die Kirche in der Bundespolitik vertritt. Insgesamt beteiligten sich rund 200 Menschen an der Mahnwache.

Vor knapp einer Woche waren zwei katholische Priester und Partner des Freisinger Osteuropa-Hilfswerks Renovabis ins Moskau ermordet worden. Inzwischen haben Ermittler einen Verdächtigen festgenommen. Dem 38- jährigem Mann aus dem Gebiet Twer bei Moskau werde vorgeworfen, die beiden Jesuiten Ende Oktober in ihrer Wohnung getötet zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der mutmaßliche Mörder habe zugegeben, erst den aus Ekuador stammenden Victor Betancourt (42) getötet zu haben.Danach habe er auch den Russlanddeutschen Otto Messmer (47) ermordet, der bei seiner Rückkehr in die Wohnung Zeuge des Verbrechens geworden sei.

In dem Fall gibt es viele Ungereimtheiten. Die russische Nachrichtenagentur Agentur Interfax meldete unter Berufung auf namentlich nicht genannte Polizeifahnder, dass der mutmaßliche Täter ein vierfach vorbestrafter Sexualverbrecher sei. Der Arbeitslose habe in Moskau sein Geld durch Prostitution verdient. Der Mann soll laut Polizei auf Betancourt mehrfach mit einem Messer eingestochen und mit einer Vase auf den Kopf geschlagen haben. Danach soll er sich weiter in der Wohnung aufgehalten haben, bis Messmer von einer Auslandsreise heimkehrte.

Die Obduktion ergab, dass Messmer erst einen Tag nach Betancourt in der Wohnung ermordet wurde. Der Täter habe seine Opfer auf gleiche Weise umgebracht und ihre Gesichter bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet, verlautete aus Kirchenkreisen in Moskau. Es sei zu vermuten, dass der Täter geistig krank sei.

Russische Medien hatten schon vor Tagen berichtet, in der Wohnung seien gebrauchte Kondome gefunden worden. Behörden bestätigten bisher offiziell nur den Fund von Alkohol. Die Jesuiten fürchten nach Angaben von Kirchenvertretern eine Verleumdung der Opfer. Sie forderten eine Anklage mit öffentlicher Verhandlung, um die „Wahrheit herauszufinden“, hieß es in Moskau. Nach einer Totenmesse in Moskau am Mittwoch wurden die Leichen der Priester in ihre Heimatländer Deutschland und Ecuador geflogen.

Die katholische Kirche hatte erschüttert auf den Mord reagiert. „Es ist mir unbegreiflich, wie es zu diesem tragischen Vorfall kommen konnte“, hatte der Renovabis-Projektreferent für Russland, Jörg Basten, in Freising gesagt. Naheliegend sei ein Raubmord und nicht ein religiös oder politisch motiviertes Verbrechen.

Bei der Mahnwache vor der russischen Botschaft an der Straße Unter den Linden sagte der Berliner Jesuitenpater Klaus Mertes, die Demonstranten hätten ihre Forderungen dem russischen Botschafter Vladimir V. Kotenev übergeben wollen. Da die diplomatische Vertretung auf das Ersuchen nicht geantwortet habe, sollten sie nun der russischen Regierung in einem Brief zur Kenntnis gegeben werden.

Der Jesuitenorden hatte der russischen Presse in einer am Montag in Berlin verbreiteten Erklärung vorgeworfen, die Morde mit der Mafia in Verbindung zu bringen und die Opfer zu Schuldigen zu erklären. "Mit großer Sorge sehen wir eine wachsende Pogrom-Stimmung in Russland gegen viele christliche Gruppierungen“, sagte Mertes, der auch Rektor des katholischen Gymnasiums Canisius-Kolleg ist.