Jüdisches Leben in Berlin

Das Wunder vom Prenzlauer Berg

Dass die Berliner Synagoge an der Rykestraße wieder besucht wird, dass sie überhaupt noch steht, ist ein kleines Wunder. In der Pogromnacht des 9. November 1938 tobten sich auch in Prenzlauer Berg nationalsozialistische Brandstifter aus. Seine Rettung verdankte das Gotteshaus allein seiner eingebauten Lage in einer Wohnstraße. Heute gibt es im Kiez wieder ein aktives jüdisches Gemeindeleben.

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Es ist still, eine Stille der Andacht. In der Synagoge an der Rykestraße in Prenzlauer Berg sitzen am Freitagabend um die 40 Gläubige beim Gottesdienst, Männer auf der rechten, Frauen auf der linken Seite. Einige begrüßen sich mit einem freundlichen "Schalom", man kennt sich. Dann leitet die sonore Stimme des Rabbiners die Gebete ein. Es wirkt selbstverständlich - und doch: Es ist es nicht.

Dass das Gotteshaus heute wieder besucht wird, dass es überhaupt noch steht, ist ein kleines Wunder. In der Pogromnacht des 9. November 1938 tobten sich auch in Prenzlauer Berg nationalsozialistische Brandstifter aus, stürmten Läden jüdischer Inhaber und inhaftierten deutsche Juden. Die Synagoge verdankte ihrer Lage, dass sie dem Feuersturm entging. Sie grenzt an Wohnhäuser. Nur deshalb wurde ein Löschtrupp gerufen, als aus dem Inneren des Gotteshauses Rauch drang. Man befürchtete, das Feuer könne auf Wohnhäuser übergreifen. Und dies, so hatte es SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich angeordnet, müsse verhindert werden. "Reichsdeutsche" und "Arier" dürften durch die "Demonstrationen" gegen Juden nicht in Gefahr gebracht werden.

Zaghaft kehrt jüdisches Leben zurück

Die Nazis rechtfertigten die Ausschreitungen mit der Ermordung Ernst Eduard von Raths, eines Mitglieds der deutschen Botschaft in Paris. Als der braune Sturm auf die Synagoge in der Rykestraße endete, war das Haus entweiht. Zwei Jahre später richtete die Wehrmacht ein Lagerhaus für Textilien in dem Gotteshaus ein, der bis heute größten deutschen Synagoge.

Erst 1945 wurden dort wieder Gottesdienste abgehalten, mit den wenigen, die den Terror überlebt hatten. Heute zieht es neben Touristen und neugierigen Berlinern auch orthodoxe Juden dorthin. Männer in schwarzen Gewändern, mit einer Kordel um die Hüfte. Mit Schläfenlocken und großen, schwarzen Hüten, die schon von weitem zu erkennen sind. Die Synagoge sei zum "Anziehungspunkt" geworden, sagt Hermann Simon, Direktor der Stiftung Centrum Judaicum. Auch wenn es "immer noch vergleichsweise wenig Beterinnen und Beter" in der Synagoge gebe.

Vor dem Pogrom von 1938 war das anders. Da war die Synagoge meist gut gefüllt, heute ist sie es nur zu großen Anlässen. Am nächsten Sonntag wird es wieder so sein. Wenn in dem beeindruckenden Bau die zentrale Gedenkveranstaltung der Bundesregierung mit Angela Merkel und Zentralrat-Chefin Charlotte Knobloch stattfindet.

Das Umfeld der Synagoge war nie ein Kiez großbürgerlicher Juden. Er war das Zuhause für weniger wohlhabende Juden. Fleischer, Bäcker oder Kostümmacher etwa. Maler, Literaten oder Banker lebten eher am Pariser Platz, wie etwa Max Liebermann, oder am Kurfürstendamm und in Grunewald. Heute sind die großen Namen der Gemeindemitglieder nur noch Vergangenheit, ebenso wie die hohe Zahl an Mitgliedern, die die Gemeinde einst umfasste. 1933 waren noch es 160 000 Mitglieder. Heute sind es rund 11 000. dazu kommen noch etwa 6000 Juden vor allem aus Osteuropa und Israel, die aber nicht in der Gemeinde aktiv sind.

Im Kiez rund um den Kollwitzplatz begegnet man in diesen Tagen wieder öfter Gläubigen. Etwa dem Rabbiner Yitzhak Ehrenberg in der Bäckerei Kaedtler an der Danziger Straße. Ganz in Schwarz gekleidet, mit Hut, Bart und freundlichem Lächeln beäugt er den Backvorgang. So muss es sein, wenn koscheres Essen zubereitet wird.

Aber es sind auch die Jüngeren, die den Kiez rund um den Kollwitzplatz für sich wieder entdecken. Es ist zwar noch kein Wiedererstarken, aber ein Anknüpfen an alte Traditionen. Auf dem Markt stehen zwei Jungs an einem Stand für Holzspielzeug. Auf dem Kopf die charakteristische Kopfbedeckung, eine "Kippa". "Mame (Jiddisch für Mama), dürfen wir?" fragt einer seine Mutter. "Ja, David", antwortet sie. Vielleicht für viele der typischste jüdische Name und auch einer, den man auf den vielen im Straßenpflaster eingelassenen "Stolpersteinen" liest. Jenen Markierungen, die an die von den Nazis Deportierten erinnern und die sichtbar machen, wie viele Menschen jüdischer Herkunft Berlin verloren hat.

Salomon, Rhea, Nathan, Esther oder Israel lauten einige der Vornamen auf den Steinen. Namen wie sie nun wieder häufiger im Kiez zu hören sind. Fröhliche Kinderstimmen dringen aus dem Vorderhaus der Synagoge. Dort eröffnete kürzlich eine jüdische Grundschule. Auf dem Hof des Gebetshauses von 1904 hüpfen und laufen Mädchen und Jungs umher, rangeln und spielen. Auch wenn sie sich nicht anders als übrige Erst- und Zweitklässler benehmen, gibt es optische Unterschiede. Alle tragen Schuluniformen: helle Hemden, rote Pullunder, graue Hosen oder Röcke. Außerdem lernen die Schüler hier Hebräisch, bekommen Religionsunterricht und erfahren alles über die Tradition des jüdischen Glaubens. Joshua Spinner, Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation, spricht voller Inbrunst vom "regen jüdischen Leben" in der Nachbarschaft der Synagoge. Er muss es wissen, er wohnt in der Gegend.

"Jewish Specials"

Die Lauder-Stiftung half, die Grundschule einzurichten und sanierte auch die Synagoge. 2007 wurde sie wiedereröffnet. Rabbi Ernst Stein, der das Grußwort las, mahnte damals: "Ohne eine selbstbewusste, sich regenerierende Gemeinde wird dies ein leeres Haus sein." Worte, die nicht leicht umzusetzen sind. Denn die Synagoge ist groß, wurde ursprünglich für 2000 Menschen konzipiert.

Viele ihrer Besucher sind heute auch Touristen, vor allem Amerikaner. Einer von ihnen ist Leon Philipps. Sechs Tage verbrachte der junge Anwalt aus Chicago jüngst in Berlin. Dass er den Weg in den Prenzlauer Berg fand, war für ihn klar. "In meinem Stadtführer, den ich mir am Chicagoer Flughafen kaufte, ist die Synagoge als eine der großen Sehenswürdigkeiten beschrieben", sagt er.

Die Restaurants in der Nachbarschaft haben sich auf Gäste wie Philipps eingestellt, bieten "jewish specials" wie im "Pasternak". Dort gibt es etwa Esik-Fläisch (süß-saure Rinderfiletstückchen) oder Fluden (Omas Kirschstrudel). Wenige Meter weiter wirbt das "La Poulette" um Kunden, mit französischen Spezialitäten. Doch dies war nicht immer so. Bis 1938 war dort eine jüdische Fleischerei. Heute ist dies nur noch an den Wandfliesen mit Davidstern erkennbar.

Andernorts in dem Kiez waren die Spuren jüdischer Bewohner gänzlich vergessen, werden erst in diesen Tagen wieder kenntlich gemacht. Das "Hotel Circus" am Rosenthaler Platz ist ein Beispiel dafür. Das Gebäude beherbergte bis 1938 ein Bekleidungsgeschäft der Familie Fabisch. Der Betrieb wurde "arisiert", sein Inhaber im Konzentrationslager ermordet. Seit Donnerstag gibt es wieder ein Fabisch-Geschäft in dem Gebäude. Nur dass es kein Laden für Bekleidung ist, sondern ein Restaurant mit Bar und Café. Im neuen "Fabisch" wird mit Informationen an seine Vorgeschichte erinnert, ebenso auf der Homepage des Lokals. Bald will sogar ein Nachfahre der Familie aus New York nach Berlin kommen. "Es gab Berührungsängste, aber am Ende stand er dem Neubeginn mit unserem Geschäft offen gegenüber", sagt Betreiberin Katrin Schönig.

Ehemals jüdische Geschäfte, die heute wieder aufmachen, wenn auch mit anderen Nutzungen, gibt es einige. Das markante Eckhaus an der Torstrasse/Ecke Prenzlauer Allee ist so ein Beispiel. Hermann Golluber eröffnete dort 1928/29 das Kauf- und Kredit-Warenhaus Jonaß. Vor allem die Bevölkerung aus dem nahe gelegenen Scheunenviertel nutzte die Möglichkeit, gegen Teilzahlung dort einzukaufen. Kunden brauchten nur ein Viertel der Waren sofort anzuzahlen, der Rest wurde in vier Monatsraten beglichen. 1942 übernahm die NSDAP das Haus, brachte dort ihre "Reichsjugendführung" unter. Nach Kriegsende quartierte die SED dort ihren Parteivorstand ein. Bis Herbst 2009 sollen nun in dem Haus Büros, Lofts und ein Club entstehen, in dem sich Künstler, Filmemacher, Fernseh- und Zeitungsleute treffen. Ein Medienzentrum offen für alle Interessierten.

Die DDR erledigte sich, die Gemeinde blieb

Weniger offen stand die DDR den wenigen Juden gegenüber, die es in Ost-Berlin nach dem Krieg noch gab. Oljean Ingster, der ab 1966 Kantor der Gemeinde Prenzlauer Berg war, erlebte die zwiespältige Haltung der DDR zum Judentum hautnah, auch in seiner Gemeinde. Ingster glaubt, dass man die Gemeinde zwar erhalten wollte, sie sollte aber nicht zu groß werden. "Man hoffte, das wird sich von allein erledigen", sagt Ingster. Der "Arbeiter- und Bauernstaat" pflegte vor allem die Opferrolle der Kommunisten, die unter den Nazis zu leiden hatten. Die Juden passten da nicht ins Bild.

Erst als die DDR Mitte der 80er-Jahre die Anerkennung des Westens suchte und Staatschef Erich Honecker schon von einer Reise nach Washington träumte, bemühte sich die DDR um einen besseren Kontakt zu den Juden und schloss mit deren Verbänden in Amerika Vereinbarungen. Plötzlich war möglich, was bis dahin undenkbar war. Honecker empfing nun einflussreiche New Yorker Juden im Staatsratsgebäude. Der Staat erinnerte sich nun offiziell seiner jüdischen Vergangenheit, der Synagogen an der Oranienburger Straße und seiner Friedhöfe wie dem in Weißensee. Mit Unterstützung des World Jewish Congress wurden Sanierungen einzelner Gebäude beschlossen - plötzlich nahm auch eine Delegation der DDR am Weltkongress teil.

2500 bis 4000 Juden gab es in der DDR. An der Eberswalder Straße gab es für sie eine Fleischerei, die streng nach ihren Sitten und Gebräuchen Tiere schächtete. Eigens dafür flog zwei Mal im Monat in Schönefeld ein Schächter aus Budapest ein - eine Posse der Zeit. "Später erledigte sich die DDR, die Gemeinde blieb", sagt Ingster. Die Synagoge an der Rykestraße überstand Naziterror und DDR-Ignoranz. Dass jüdisches Leben in ihrer Nachbarschaft wieder erblüht, grenzt auch für Klaus Wowereit an "ein Wunder". Er sagt: "Dafür sind wir dankbar."

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