Wiederaufbau

Ein Mann gibt dem Berliner Schloss ein Gesicht

Carlo Wloch ist einer der wichtigsten Männer bei Wiederaufbau des Berliner Schlosses: Der Steinmetz-Meister erschafft die Pracht des preußischen Barock neu. Morgenpost Online hat ihn in seiner Werkstatt besucht.

Am Anfang schien es Utopie. Ende der 90er-Jahre begegneten sich in Berlin zwei Männer, deren Ideen viele Außenstehende als nicht normal bezeichneten. Der eine war der Hamburger Wilhelm von Boddien, der 1993 mit bemalten Planen eine Simulation des Berliner Schlosses in Originalgröße entstehen ließ. Der andere war Carlo Wloch, ein Steinbildhauer aus Pankow, dessen große Leidenschaft preußische Barockbauten sind und der sich immer wieder sehr verärgert zeigte, „dass sogenannte Experten immer wieder behaupten, das Schloss könne nicht wieder aufgebaut werden“.

„Der ist mir damals regelrecht zugeflogen“, sagt der 66-jährige von Boddien. Er und der sechs Jahre jüngere Wloch seien über das Schloss sofort ins Fachsimpeln gekommen. Wloch habe angeboten, seine jahrzehntelangen Erfahrungen einzubringen. Ohne Fragen nach Bezahlung oder andere Gegenforderungen. „Er war der erste Berliner Steinbildhauer, der mich ansprach“, sagt von Boddien. „Ein Idealist, der bis heute wegen seiner großen Fachkompetenz zu unseren wichtigsten Stützen zählt.“

Carlo Wloch war zwei Jahre alt, als SED-Chef Walter Ulbricht die Ruine des Schlosses sprengen und einebnen ließ. Heute fragen nicht wenige, warum ausgerechnet ein Schloss wieder aufgebaut werden solle angesichts leerer öffentlicher Kassen und maroder Schulgebäude. Für Wloch ist das ein unzulässiger Vergleich. Wenn man das zu Ende denke, müsse man letztlich jedes Vorhaben, das Kunst betreffe, infrage stellen. Aber glücklicherweise gebe es eben Typen wie Wilhelm von Boddien.

"Der Mann hat Stein eingeatmet"

Wloch, das gibt er gerne zu, ist natürlich auch befangen. Er kommt aus einer Steinmetzdynastie, in der die Erhaltung von Kulturstätten immer ein Thema war. 1971 musste er erleben, wie der Familienbetrieb ein Jahr nach dem Tod seines Vaters enteignet und dem VEB Elbenaturstein Dresden zugeschlagen wurde. Wloch blieb trotzdem im Beruf, erwarb den Meisterbrief als Steinsetzmeister und Steinbildhauermeister, absolvierte ein Studium mit dem Abschluss Diplom-Restaurator und avancierte zum vereidigten Sachverständigen für Gerichte. Er wirkte als Steinbildhauer zehn Jahre bei der Restaurierung des Zeughauses mit, ebenso am Schloss Sanssouci, am Französischen und Deutschen Dom, an der Humboldt-Universität und an der Dresdner Frauenkirche.

Die Liste der Personen, für die er Grabstätten und Grabsteine restaurierte oder neu schuf, liest sich wie das Who’s who der deutschen Kulturgeschichte. Ob es die Grabanlagen des Malers Max Liebermann oder des Bildhauers Johann Gottfried Schadow waren, die des Dichters Theodor Fontane, des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder des Komponisten Hanns Eisler. Aktuell arbeitet er an einem Modell für eine Gedenkstätte des Schauspielers und Entertainers Harald Juhnke, die in Gesundbrunnen aufgestellt werden soll.

Das alles sind Arbeiten, die, wie er selber sagt, „zum Gewerbe gehören“ und von denen er auch gern erzählt. Aber sein Herz schlägt für den preußischen Barock. „Der Mann hat den Stein eingeatmet“, sagt respektvoll der Berliner Architekt York Stuhlemmer, der sich seit Jahren mit dem Wiederaufbau des Schlosses befasst. „Ohne Fachleute wie Wloch“, sagt er, „wäre die Realisierung gar nicht möglich.“

Eine Werkstatt voller Barockkunst

In Wlochs Werkstatt in Niederschönhausen stapeln sich Zeichnungen und Fotos von barocken Balustern, Gesimsen und Skulpturen. Gegenüber der Eingangstür prangt eine zwei Meter mal einen Meter große zeitgenössische Aufnahme des Schlosses. Auf einer Werkbank stehen zwei 60 Zentimeter hohe Widderköpfe aus Gips, auch sie Stilelemente des barocken Prachtbaus, die aus sächsischem Sandstein nachgebildet werden sollen. Getreu der Vorgabe des Bundestages, nach der ab 2010 auf dem Schlossplatz das sogenannte Humboldt-Forum in der Gestalt der Prunkfassade der Hohenzollernresidenz entstehen solle.

Am eindrucksvollsten sind die Modelle im Nebenraum von Wlochs Werkstatt: zwei etwa 90 mal 90 Zentimeter große Abschlüsse der sieben Meter hohen Säulen eines der Schlossportale. Das rechte sieht mit seinen zahllosen Verzierungen schon aus wie auf den alten Fotografien.

Der Pankower Bildhauer Matthias Körner hat es mithilfe von Zeichnungen, Bauplänen aus Restaurierungsphasen und zeitgenössischer Fotos detailgetreu aus Gips nachgebildet. Jedes Detail des Gegenstücks von Körner wird nun von Wloch mit Hammer und Meißel mit hoher Präzision in den Sandsteinblock geschlagen. Für Wloch, der ohnehin zum Understatement neigt, „eine ganz normale Arbeit“. Das könne jeder, wenn er es vorher lernt. Er selber würde sich ohnehin nie als Künstler bezeichnen: „Ich bin ein ganz normaler Steinmetz.“

Traurige Erfahrungen

Seit 1990 ist Wloch Vorstand der Steinmetz -und Steinbildhauer-Innung Berlin und in Personalunion Lehrlingswart. Und weil er auch diese Aufgabe sehr ernst nimmt, hatte es im Jahr 2000 sogar nachdenkliche Anfragen gegeben, ob der Steinbildhauer jetzt etwa den Rechtsradikalen angehöre. Wloch hatte damals bewusst rhetorisch den Satz geäußert: „Es dauert nicht mehr lange, da müssen wir uns auch für unser Gewerk Inder ins Land holen.“ Seine Kritik zielte auf den absehbaren Niedergang des Berufszweiges Steinbildhauer in der Region Berlin und Brandenburg.

Das Berliner Landesdenkmalamt habe zu dieser Zeit interessante Arbeiten fast ausnahmslos an Steinbildhauer und Restauratoren aus den alten Bundesländern vergeben. Wloch kann bis heute die Bemerkung des damaligen Amtsrestaurators Heinrich S. nicht vergessen: Das müsse so sein, hatte der aus dem Bayerischen kommende S. argumentiert. Berliner Restauratoren verstünden nun mal leider ihr Handwerk nicht.

Für Wloch ist das Gegenteil der Fall. Und die Geschichte habe es auch bewiesen. Er wolle hier nur an seinen Freund Matthias Körner erinnern, sagt er, der vom Förderverein Berliner Schloss als wichtigster Berater und Hersteller für die bildhauerischen Arbeiten engagiert worden sei. Zudem habe es auch traurige Erfahrungen mit Restauratoren gegeben, „die keine Erfahrungen mit preußischem Barock aufweisen konnten“. Ein Beispiel, erinnert Wloch, sei die verunglückte Rekonstruktion des Reiterstandbildes des Alten Fritz, die umgerechnet mehr als eine Million Euro gekostet habe. Kurz nach Aufstellung der Bronzeplastik seien größere Mängel am Sockel sichtbar gewesen.

Die wichtigste Baustelle

Aber auch Wloch war klar, dass etwas für den Nachwuchs getan werden musste. Er selber bildete in seiner Werkstatt Lehrlinge aus und führte sie weiter bis zum Meisterabschluss. Einer von ihnen ist Robert Pries, mit dem Wloch aus Gips ein knapp 7,30 Meter hohes Musterfenster fertigte – das erste komplette Teilstück für das Schloss. Der 29-jährige Pries bildet inzwischen selber Lehrlinge in Praxis und Theorie aus. Zu seiner Zeit mussten Lehrlinge für den theoretischen Unterricht noch bis in das unweit von Braunschweig gelegene Königslutter fahren. Seit 2007 ist das nicht mehr nötig. Berlin verfügt jetzt im Spandauer Fort Hahneberg über eine eigene Berufsschule.

Für Wloch ist seine wichtigste Baustelle für die nächsten Jahre schon klar definiert: „das Berliner Schloss“. Wilhelm von Boddien hofft, dass die Arbeiten am 3. Oktober 2015 abgeschlossen sind und der Prachtbau übergeben werden kann: „Zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit, das wäre doch wirklich ein tolles Datum.“