Der Flughafen Tempelhof ist Geschichte: Nach einer turbulenten Abschiedsfeier, bei der geladene Gäste den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ausbuhten, gingen die Lichter aus. Zu schnell – drei Maschinen konnten nicht mehr abheben. Jetzt müssen sie wohl auf dem Landweg abtransportiert werden.

Am Ende gelang den Freunden des Berliner Flughafens Tempelhof noch ein Überraschungscoup: Die Motoren eines historischen Rosinenbombers und einer legendären Tante Ju brummten schon, als eine Gruppe Flugschüler am Donnerstagabend auf dem Vorfeld plötzlich ein Transparent entrollte: „Tempelhof bleibt! Wowi fliegt“, lautete ihre trotzige Botschaft an die geladenen Gäste, die zur feierlichen Abschiedsveranstaltung für den Innenstadtflughafen gekommen waren. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), dem der Protest mit schrillen Trillerpfeifen galt, war da schon entschwunden.

Zum Abschied winkte der Pilot aus seiner alten „Tante Ju“. Der Motor seiner Propellermaschine übertönte die Trillerpfeifen der fünf Demonstranten. Georg Kohne (51) hätte auf diese Ehre gern verzichtet: Der Lufthansa-Flugkapitän ist dazu auserkoren, mit der 70 Jahre alten Maschine von Tempelhof abzuheben. Er und Steffen Wardin (47) am Steuer Rosinenbombers auf der zweiten Startbahn waren die letzten beiden Piloten, die Tempelhof per Flugzeug verließen - für Kohne "der traurigste Tag in meiner Laufbahn". Er findet es noch immer "unglaublich", dass nach 85 Jahren der Flughafen Tempelhof nun nur noch ein Kapitel der Luftfahrtgeschichte ist.

Um 23.55 Uhr hoben die beiden Maschinen ab und flogen über den Flughafen Berlin-Tempelhof. Punkt Mitternacht erloschen dann nach 85 Jahren die Lichter am weltweit ältesten Verkehrsflughafen, der jetzt nur noch Geschichte ist.

Allerdings kamen nicht alle Flugzeuge rechtzeitig weg: Drei Maschinen stehen noch auf dem Rollfeld. Ihre Besitzer hatten am Donnerstag die letzte Gelegenheit zum Abflug versäumt. Wie ein Sprecher der Berliner Flughäfen mitteilte, müssen die beiden Antonov-Doppeldecker und die Cessna vermutlich per Tieflader abtransportiert werden. Einen Termin dafür gebe es aber noch nicht. Thilo Schmidt vom Veranstalter "Last Chance Tempelhof", der Rundflüge mit der Antonow AN II anbietet, hatte das Wetter den Start verhindert. Die Wolken hingen "unter 200 Meter, sodass Sichtflieger nicht fliegen können". Flughafensprecher Kunkel dagegen vermutet hier eine "Provokation" seitens der Besitzer der Maschinen. Allen Eignern und Piloten sei seit Wochen die Beendigung des Flugbetriebs bekannt gewesen.

Das Problem: Seit Mitternacht ist Tempelhof kein Verkehrsflughafen mehr, darum darf auch nich mehr von dort aus geflogen werden. Allerdings hieß es von Seiten der Luftverkehrsbehörde, dass theoretisch auch Ausnahmegenehmigungen möglich seien. "Ausnahmegenehmigungen können erteilt werden, sofern das Verlassen von Tempelhof aus unausweichlichen Gründen nicht möglich ist", sagte die Chefin der zuständigen Luftverkehrsbehörde, Regina Rausch-Gast. Allerdings müssten die betroffenen Piloten eine entsprechende Anfrage bei der Luftverkehrsbehörde stellen.

"Andernfalls handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit oder sogar eine strafbare Handlung, wenn nach der Schließung geflogen wird", sagte Rausch-Gast. Flughafensprecher Kunkel dagegen war der Ansicht, dass die Maschinen zerlegt werden und per Tieflader vom Gelände gefahren werden müssten.

Doch die Besitzer hoffen auf eine Sonderfluggenehmigung. „Unser Pilot versucht, mit den Behörden eine Lösung zu finden“, sagte Tilo Schmidt, Organisator der Rundflüge bei „Air Tempelhof“. Die rote Antonov des Unternehmens stand am Freitag weiterhin auf dem Rollfeld in Tempelhof. Der Doppeldecker habe wegen schlechten Wetters am Donnerstagabend nicht mehr abfliegen können. Der älteste Verkehrsflughafen der Welt war in der Nacht nach 85 Jahren geschlossen worden.

„Die Wolkendecke sank nachmittags auf 150 bis 160 Meter, damit kann man in der Stadt nicht fliegen“, erklärte Schmidt. Die Antonov fliege ohne Instrumente, ein Blindflug des Piloten durch die Wolken sei nicht zu verantworten. Neben der „Air Tempelhof“-Maschine blieben eine weitere Antonov und eine Cessna auf dem Rollfeld zurück.

Nach Darstellung der Flughafengesellschaft hatten sich die Betreiber der Maschinen nicht um das schlechter werdende Wetter gekümmert, um am letzten Tag Tempelhofs noch möglichst viele Rundflüge anbieten zu können. „Die Flughafengesellschaft unterstellt uns Absicht oder eine Provokation, aber das ist Unsinn“, sagte Schmidt. Mittags seien die Wetterberichte noch gut gewesen.

Die Maschine der Baureihe AN-2 aus dem Jahr 1968 ist im brandenburgischen Finow beheimatet. Wenn es keine Fluggenehmigung gibt, müsste das Flugzeug mit seiner Spannweite von rund 18 Metern entweder zerlegt auf einem Tieflader oder per Hubschrauber dorthin gebracht werden, wie Schmidt sagte.

Für die geladenen Gäste hatte der Tempelhof-Abschied am Donnerstagabend mit einem Spießrutenlauf begonnen: Mehrere hundert Demonstranten hatte sich vor dem Flughafengelände versammelt. Sie trugen Plakate mit Aufschriften wie "Skandal", "Schande für Berlin – Schande für Deutschland", "Tempelhof retten", "Nie aufgeben", "Wird auch das Brandenburger Tor eingemottet?" und „Wowereit ist ein Versager“.

Drinnen saßen geladene Gäste aus Politik und Wirtschaft an weiß gedeckten Tischen. Die Gepäckbänder waren zum Buffet umfunktioniert, es gab unter anderem Lachs in Orangen, französischen Hirschkeulenbraten in Calvados-Rahmsauce und Pariser Schokoladen-Tarte. Das Swing Dance Orchester spielte – Band-Leader Andre Hermlin meinte unter dem Beifall des Publikums, eigentlich sei er ja auch Gegner der Schließung. Dann spielte er Songs von Benny Goodman und Glenn Miller.

Zum letzten regulären Linienflug hatte zuvor um 22.17 Uhr eine Dornier 328 der Cirrus Airlines nach Mannheim abgehoben – mit fast einer halben Stunde Verspätung, denn ohne Erinnerungsfoto mochte kaum einer der 31 Passagiere einsteigen. Als Abschiedsgruß aus Tempelhof gab es für die Maschine mit Flugnummer C9 1569 dann noch eine Dusche der Flughafenfeuerwehr. Einer der Glücklichen, die an Schalter 18 nach Mannheim einchecken konnten, war Matthias Janta. "Das ist schon ein bedeutender Flug", sagte der 28-Jährige, der mit Laptop und kleinem Rollkoffer gekommen war. Für Pendler wie ihn sei der innerstädtische Hauptstadt-Airport sehr praktisch gewesen. Eher gedrückter Stimmung stand indes Gerhard Bürger zwischen den Gästen. "Ich bin unheimlich traurig", sagte der 78-Jährige. Zur Zeit der legendären Luftbrücke 1948/49 war er Chef der Flughafenfeuerwehr in Tempelhof.

Für ihn und die anderen Gäste traten ein Elvis-Imitator und eine Tina-Turner-Doppelgängerin. Und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der für seine abermals vorgetragene emotionslose Verteidigungsrede von geladenen Gästen ausgebuht und ausgepfiffen wurde. Einige Tische in der feierlich geschmückten Abfertigungshalle waren leer geblieben, mache Gäste hatten aus Protest nicht an der Feier teilgenommen. Die Atmosphäre verbesserte sich nicht durch die Einspielfilmchen, in denen der Flughafen noch Minuten vor seinem Ende als Mythos dargestellt wurde.

Wowereit sagte, bei aller Wehmut müssten die Chancen des künftigen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) gesehen werden, der 2011 auch Berlins zweiten Stadtflughafen Tegel ablösen soll. Was aus dem Areal in Tempelhof werden soll, ließ er aber offen. Die Zukunft des Flughafens ist nicht geklärt, auch wenn es für eine Nachnutzung einige Interessenten gibt. Erst einmal wird das Areal die Berliner Kasse auch im ungenutzten Zustand weiter belasten. Bewachung und Instandhaltung des 386 Hektar großen Areals mit seinem 1,2 Kilometer langen, denkmalgeschützten Gebäude schlagen monatlich mit 900.000 Euro zu Buche. Auch die Freifläche könnte ein Problem werden, weil noch nicht analysiert ist, welche Altlasten unter der Erde sich verbergen.

Gegen 23 Uhr wurden die Gäste zum Begutachten der historischen Maschinen aufs Rollfeld gebeten. Die strahlenden Passagiere, die sich die beiden letzten Flüge gesichert hatten, stiegen dort ein, nachdem sie sich gegenseitig fotografiert hatten. Von ferne spielte ein Trompeter, als die Flughafenfahne eingerollt wurde. Kurz vor Abflug der allerletzten Flugzeuge trat dann noch das „Supertalent“ Ricardo Marinello auf: Der junge Mann hatte vor einem Jahr den gleichnamigen RTL-Talentwettbewerb gewonnen und schmetterte zum Abschied von Tempelhof eine Arie. Nachdem die Lichter auf der Landebahn erloschen waren, durfte der 19-jährige Italiener noch ein zweites Mal singen. Und das war das Ende des Flughafens als Flughafen.

Und eben darum herrschte Freude herrschte derweil auf der anderen Seite des Flughafenzauns. Zu einer Feier im dicht besiedelten Stadtteil Neukölln hatte die "Bürgerinitiative flugfreies Tempelhof" geladen, die sich im Kampf gegen die "Fliegerei über unseren Köpfen, durch unsere Ohren und vor unseren Nasen" am Ziel sieht. Als Zeichen ihrer Freude schickten die Mitglieder beleuchtete Drachen über den nun flugfreien Luftraum.