Serie "Das ist Berlin"

Neukölln ist gar nicht so schlimm

| Lesedauer: 7 Minuten
Barbara Kollmann

Von allen Berliner Ortsteilen hat Neukölln den schlechtesten Ruf. Aber ist Neukölln wirklich so schlimm? Unsere Autorin ist anderer Meinung: Die kulturelle Vielfalt Neuköllns kann man auch als Chance begreifen. Und gerade hier erproben Menschen einen neuen Lebensstil.

Du bist aus dem Rollbergviertel. Mit 13 wirst du von der Polizei das erste Mal beim Sprayen erwischt. Mit 26 sitzt du im Knast, weil du Lkw-Ladungen gestohlener Computer verschoben hast, und ein bisschen Körperverletzung zählte für den Richter auch noch mit.

Es ist der Lebenslauf von Tarkan Karaalioglu (32), Abiturient (Durchschnitt 2,0), Musikunternehmer mit eigenem Label – und vorbestraft. Sein Künstlername „Mok“ steht für „Muzik oder Knast“, er rapt und ist stolzer Verfasser von 100 indizierten Texten.

Aber er sagt auch: „Jugendliche Kriminelle müssten schneller bestraft werden. Dann kommt’s nicht so weit wie mit mir.“ Oder: „Glaubst du nicht – aber an Neukölln finde ich das Ordnungsamt gut. Wer den Müll einfach auf die Straße schmeißt, ist ein Penner.“ Auch, wer seine Miete nicht zahlt oder die Mutter nicht mit Achtung behandelt.

Der Gangster-Rapper besucht fast täglich seine Eltern, sie leben jetzt nicht mehr im Sozialbaugebiet am Rollberg, sondern in Neuköllns idyllischstem Quartier – dem Böhmischen Dorf mit seinen kleinen alten Häuschen rund um den Richardplatz. Manchmal ist die Mutter traurig, weil er so viele hässliche deutsche Worte in seinen Gedichten benutzt – es gäbe doch genug schöne.

So ist das in Neukölln. Oder ganz anders

Antje Borchardt und Matthias Merkle haben sich und ihre Filmfirma 2003 in einer alten Fabriketage an der Sonnenallee eingerichtet. Ein typischer Hinterhof in den alten Arbeitermietskasernen. Retsina-Film hat schon mit Jule Böwe gedreht, zurzeit schreiben die beiden ein Drehbuch zu ihrem nächsten Neuköllner Independentfilm.

Weil Autorenfilme aber meist Geld kosten und keines bringen, machten Antje und Matthias Ende 2006 ein Lokal auf – das „Freie Neukölln“ an der Pannierstraße. Und plötzlich wurde Neukölln ein Szenetipp. Matthias Merkle: „Da kamen dann die Mitte-Leute, aufgetakelt, und wunderten sich, wie einfach es bei uns aussah.“ Antje Borchardt: „Wir fühlen uns heute fast ein bisschen schuldig, dass jetzt alle vom Szenekiez im Reuterviertel reden. Vor uns gab’s da nur das ,Kinski’s’ jetzt inzwischen mehr als 20 Szenekneipen.“

Aber, sie sind überzeugt: Prenzlauer Berg oder Mitte wird es hier nie („Das ist im Vergleich zu Neukölln auch provinziell. Hier ist es bunter, gemischter – du hast das Gefühl, du kannst leben, wie du willst“). Dazu sind die Häuserreihen in den Seitenstraßen zu schlicht, die Alteingesessenen zu störrisch, die Ballmoden in den vielen Brautgeschäften zu üppig, wie aus alten Kostümfilmen – Mitte-Schick und Designermode kann man in Neukölln natürlich auch tragen. Es merkt allerdings keiner.

Auf ihren Internetseiten schreiben die Filmemacher Matthias Merkle und Antje Borchardt über ihr Quartier: „Ein apartes Image und kein Reichtum weit und breit. In Neukölln werden die spannendsten und die ehrlichsten Alternativen zur Vollbeschäftigung einer Gesellschaft gefunden werden.“

Das ist ein wenig ironisch gemeint, etwas verträumt – und sehr ernst. Es ist der gemeinsame Traum aller Künstler, Lebenskünstler und Überlebenskünstler aus dem verrufensten Stadtteil Berlins, die mehr Ideen haben als Geld – und hohe Stromrechnungen. Weil die Ateliers im Hinterhaus immer so wenig Tageslicht abbekommen.

So sind die Träume in Neukölln

Der Traum von Henning Vierck (60) hat 7000 Quadratmeter, 700 Pflanzenarten, 70 Bäume. Gerade hat er die Birnen geerntet. Vierck ist Wissenschaftshistoriker, Experte für den Humanisten Johann Amos Comenius (1592–1670). Nach dessen Plänen hat er seit 1986 seinen Comenius-Garten entworfen und bestellt, mit sanfter Beharrlichkeit beschützt und ausgebaut.

Es gibt zwar einen Zaun, doch jeder, der am Gartentor klingelt, wird eingelassen. Nachts dürfen die Jugendlichen aus der Nachbarschaft über den Zaun klettern. Verboten sind nur: Lärm, Müll, Pflanzen herausreißen. Sie halten sich daran.

An schönen Herbsttagen treffen sich hier muslimische Mütter. Jugendliche üben friedlich Aggro-Raps. Während Henning Vierck darüber nachdenkt, wie 1737 die ersten Migranten, als Glaubensflüchtlinge aus Böhmen, ins Neuköllner Gebiet kamen. Wann es Zeit ist, die Brombeersträucher zu beschneiden. Oder er schreibt, in seinem kleinen Haus im eigenartigsten Paradies Berlins – vor allem, wenn der Winter kommt und der Garten schläft. Wie sieht sein Neukölln aus? „Reich! Wir haben den kulturellen Reichtum von Menschen aus der ganzen Welt.“

Paradiese in Neukölln

An der Sonnenallee geht man mit dem Paradies pragmatisch um – es ist der Beruf. Aus einem geparkten BMW (zweite Reihe) feiert ein arabischer Popsong das Leben und den ganzen Rest, der arabische Gemüsehändler nebenan malt gerade das Wort „Schluppen“ aufs neue Preisschild, und im „Islam Cenaze Service“ stauben sie die kleinen Puppengräber im Schaufenster ab, mit türkischem Halbmond, mit Tabut Islam Örtüsü oder ganz schlicht.

80 Prozent der älteren muslimischen Kunden wollen nach dem Tod in ihr früheres Heimatland geflogen werden. Die Überführung in die Türkei kostet 1800 Euro. Das ist Standardpreis.

Die Jüngeren, sagt Bahattin Guenyar (27), möchten, wenn es denn irgendwann einmal sein muss, in ihrer Heimat begraben werden – Neukölln. Mit Trauerfeier auf dem ältesten türkischen Friedhof Deutschlands am Columbiadamm (seit 1866), neben der Kuppel der 21 Meter hohen Sehitlik-Moschee. Und neben einem anderen Berliner Wahrzeichen – der Rosinenbomber auf dem Flughafen Tempelhof steht gleich nebenan.

„Die Menschen von Neukölln sind barmherzig. Da gibt dir der Imbissbesitzer auch etwas zu essen, wenn du 40 Cent zu wenig hast, kein Thema“, sagt der Rapper aus dem Rollberg-Viertel.

„Viele Menschen hier definieren sich nicht über die Erwerbsarbeit. Der türkische Gemüsemann an der Ecke nicht, und wir kennen viele, die lieber einen nicht so toll bezahlten Job haben – aber dafür Zeit für eigene Projekte“, sagen die Filmemacher von der Sonnenallee.

„Die Menschen aus aller Welt sind der Reichtum von Neukölln. Wir sind nur dabei, ihn zu verlieren, wenn wir ihn nicht pflegen“, sagt der gelehrte Gärtner im Böhmischen Dorf. Und der Bestatter, ganz einfach: „Wir sind eben alle in Neukölln zu Hause.“

>>> Morgen gibt es die nächste Folge: Staaken