Serie "Das ist Berlin"

Berlins Südosten – grün, ruhig und schnell in der City

| Lesedauer: 5 Minuten
Mathias Stengel

Altglienicke, Grünau und Bohnsdorf verändern sich rasant. Das liegt am neuen Flughafen Berlin Brandenburg International und an neuen Wohngebieten. Diese locken Ruhe suchende Innenstädter. Hier gibt es frische Luft und Grün. Dennoch ist die City mit S-Bahn oder Auto nicht weit.

Hans-Eberhard Ernst (75) ist Altglienicker aus Leidenschaft. Fast sein ganzes Leben, 73 Jahre, hat er hier verbracht. Der Grafiker und Illustrator kennt die Menschen in seiner Nähe gut. Nicht nur weil er oft mit ihnen plaudert, sondern weil er sie porträtiert, in Wort und Bild.

Seine Beiträge sind wesentliche Säule eines kleinen Heimatblatts mit Namen „Der Altglienicker“. Der steckt jeden Monat kostenlos in den Briefkästen der gut 26.000 Einwohner des beschaulichen Ortsteils am südöstlichen Stadtrand. Eine nette Postille von Nachbarn für Nachbarn, zwölf Seiten stark.

Seit 17 Jahren gibt es den „Altglienicker“. Ernsts Porträts machen Monat für Monat aus anonymen Nachbarn erlebbare Heimatgeschichte. 198 Menschen hat der Künstler bislang vorgestellt, so auch den inzwischen verstorbenen Volksschauspieler Willi Schwabe oder den Autohändler Peter Mücke(61), dreimaliger Moto-Cross-Europameister und Vater des Rennfahrers Stefan Mücke. Gerne hätte er auch mit Dirigent Kurt Masur gesprochen, der einige Zeit am Bahnhof sein Zuhause hatte. Doch der Star kommt wohl nicht mehr in seine alte Heimat.

So viele Porträts – kann man daraus den typischen Altglienicker destillieren? Kaum, denn Alteingesessene und Zugezogene sind sehr unterschiedlich. Höchstens so viel: Die Menschen hier sind beharrlich und zufrieden mit ihrem Wohnort.

Beliebte Quartiere für Neu-Altglienicker

Vor 723 Jahren wurde Altglienicke erstmals urkundlich erwähnt. Das Dorf wuchs stark in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts und tut es auch jetzt wieder, seit der Wendezeit. Der Ortsteil gilt als entlegen und doch stadtnah, als verkehrgünstig und doch ruhig. Rings um den alten Dorfkern, durch den noch bis Ende 1992 die Straßenbahn zuckelte, sowie die Siedlungen mit Einfamilienhäusern der 20er- und 30er-Jahre sind auf den einstigen Äckern Neubausiedlungen entstanden. Die rege Bautätigkeit setzte bereits kurz vor dem Mauerfall ein. So entstanden beliebte Quartiere für Neu-Altglienicker. Auch die genießen die Distanz zur City, die sie mit S-Bahn oder Auto aber in 30 Minuten erreichen können.

Argumente, die etwa Marten Schönherr (38) überzeugt haben. Der promovierte Informatiker der TU Berlin hat sich in diesem Jahr einen Wunsch erfüllt und zieht nach 16 Jahren als Mieter in Friedrichshain mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in ein schmuckes Einfamilienhaus in die Nähe des S-Bahnhofs. Die frische Luft auf dem Falkenberg, mit dem weiten Blick über die Großstadt, die Ruhe und das Grün haben es ihm angetan. So wie vielen jüngeren und jungen Leuten in seiner neuen Nachbarschaft, die seit einigen Jahren Altglienicke als lebenswerten und noch bezahlbaren Ort zum Leben für sich und ihre Kinder entdeckt haben, dort bauen oder Mieter in einer der Stadtvillen wurden.

Bohnsdorf - Fassaden wie aus dem Tuschkasten

Doch nicht nur Altglienicke, auch das angrenzende Bohnsdorf überzeugt Berliner und Zuzügler, ihren Wohnsitz im Südosten der Stadt zu nehmen. Achim Kühn(66), der bekannte Kunstschmied, versteht das gut. Er mag seit 1949 von Bohnsdorf nicht lassen, wohnt in einem Haus in der malerischen Klein-Siedlung „Akazienhof“. Die wird zusammen mit der Bebauung des angrenzenden Gartenstadtweges wegen ihrer bunten Fassaden im Volksmund „Tuschkastensiedlung“ genannt. Die Entwürfe für das einzigartige Ensemble schuf Meister-Architekt Bruno Taut. Es zählt zu den Wahrzeichen dieser Gegend, ebenso wie der Wasserturm in der Schirnerstraße, der allerdings seit Jahren baufällig und verhüllt ist. Bohnsdorf wird sich in den kommenden Jahren stark verändern, im Süden des Ortsteils bis hinein nach Brandenburg wird der gewaltige Businesspark für den Großflughafen BBI entwickelt.

Wasserpark gegen Nachwende-Tristesse in Grünau

Grünau konnte seinen Trumpf, unmittelbar am Wasser zu liegen, in den Jahren nach der Wende nicht so recht ausspielen. Eher Verfall und Leerstand als Neubauten und pulsierendes Leben prägten in den vergangenen 19 Jahren das einst so beliebte Ausflugsgebiet der Ost-Berliner. Doch Ausflugsgaststätten wie „Riviera“ und „Gesellschaftshaus“ sind zu Ruinen verkommen, das legendäre „Café Liebig“ lebt mühsam vom Jugendstil-Glanz vergangener Zeiten. Die wenigen schönen Sommertage, wenn Sonnenhungrige zum Strandbad pilgern oder zu Ruder- oder Motorsportveranstaltungen an die nah gelegene Regattastrecke kommen, reichen bislang für eine Renaissance nicht aus. Doch ab Mitte kommenden Jahres könnte sich das Blatt wenden. Dann ziehen Hunderte neue Nachbarn in den Wasserwohnpark „Puerto Verde“. Vielleicht bringt der neuen Schwung und vermag die Nachwende-Tristesse aus Grünau zu vertreiben.