Triebtäter unterwegs

Prenzlauer Berg – ein Kiez fürchtet um seine Kinder

Berlins kinderreiches Szeneviertel ist in Angst. Rund um die Prenzlauer Allee sind ein oder mehrere Triebtäter unterwegs. Jungen und Mädchen wurden bereits belästigt. Eltern begleiten ihre Kinder sicherheitshalber auf dem Schulweg und warnen die Unbekannten mit Zetteln: "Hände weg von unseren Kindern!"

Foto: Joachim Schulz

Es sind nur ein paar Schritte. Einmal über den Kollwitzplatz, dann rechts abbiegen in die Knaackstraße. Seit Jahren geht Marlene* (12) diesen Schulweg allein. Doch neuerdings läuft ihre Mutter neben ihr her. Vor allem frühmorgens, wenn noch nicht viel los ist auf den Straßen. „Das ist mir jetzt sicherer“, sagt Marlenes Mutter Verena M.

Prenzlauer Berg, Berlins kinderreiches Szeneviertel, ist in Angst. Seit ein Triebtäter Kinder anfasste, sind Eltern in dem Bezirk alarmiert. Sie bringen ihre Kinder zur Schule und holen sie wieder ab, Polizisten laufen verstärkt Streife. Mittlerweile weitet sich die Besorgnis schon bis nach Mitte aus. Das Kollegium einer Schule an der Linienstraße wurde von der Polizei aufgefordert, Schüler und Eltern vorsichtig zu warnen.

Es ist jetzt etwa einen Monat her, als ein Mann einen 13-Jährigen in der Bötzowstraße verfolgte und ihn dann in einem Hausflur ansprach. Er wolle gegen Belohnung Fotos von ihm machen, sagte der Unbekannte. Der Junge lehnte ab. Da packte ihn der Mann und presste ihm die Hand auf den Mund. Sein Opfer konnte sich aber befreien, lief weg. Ein paar Stunden später wurde ein Zehnjähriger in der Jablonskistraße von einem Mann, der sich als Polizist ausgab, angefasst. Der Junge rannte davon. Ungepflegt soll der Mann ausgesehen haben. Mit dunklen Haaren, zurückstehenden Augen und Augenringen.

Unbekannter vor Toilettenräumen

In den Tagen und Wochen danach kam es in Prenzlauer Berg immer wieder zu Belästigungen von Kindern. In der Grundschule am Kollwitzplatz sprach ein Mann Schüler beim Tischtennis an, in der Thomas-Mann-Grundschule an der Greifenhagener Straße gesellte er sich dazu, als Schüler Fußball spielten, und in der Grundschule „An der Marie“ in der Christburger Straße soll er sogar in den Toilettenräumen gesehen worden sein. Die Polizei glaubt im Moment nicht, dass es sich um ein und denselben Täter handelt. „Die Beschreibungen der Kinder sind recht unterschiedlich“, sagt Heike Nagora, Sprecherin der Polizei. Einmal ist von einem Mann mit kurzen Haaren die Rede, dann wieder von jemandem mit langem Haar. Dunkelhaarig ist er aber in allen Fällen.

Den Eltern ist es egal, ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt. Sie haben Angst um ihre Kinder. An der Eingangstür der Grundschule am Kollwitzplatz verabschiedet sich Verena M. von ihrer Tochter. Das Mädchen verschwindet mit anderen Kindern im Gebäude. Verena M. und all die anderen Eltern, die seit einigen Wochen ihre Kinder zur Schule begleiten, sehen ihnen nach. Einige würden ihre Kinder am liebsten bis in die Klasse bringen. Doch das möchte die Schule nicht. „Dann herrscht ein so großes Chaos auf den Gängen, und die Lehrer haben keinen Überblick mehr, ob sich vielleicht auch eine fremde Person im Gebäude aufhält“, sagt Franziska L., deren siebenjähriger Sohn die Schule besucht. Sie lässt ihren Jungen nicht mehr allein durch die Straßen laufen. „Mir ist in seinem Alter etwas ähnliches passiert“, sagt sie, „ein Mann hat versucht, meine Schwester und mich ins Gebüsch zu locken. Das war schrecklich, und davor will ich meinen Sohn schützen.“

Ein Vater, der mit seiner vierjährigen Tochter gerade auf dem Weg zum Spielplatz um die Ecke ist, spricht das aus, was viele Eltern in Prenzlauer Berg denken: „Hoffentlich kriegen sie den Typen bald.“ Er wohnt gern in dieser Gegend. Bei schönem Wetter bilden sich an der Schaukel auf dem Kollwitzplatz-Spielplatz schon mal Schlangen, die jungen Eltern stehen dabei, trinken Kaffee und erzählen. „Hier gibt es so viele Kinder“, sagt er, „wahrscheinlich zieht es diese Männer auch deshalb hierher.“ Ihm sei im Sommer schon manchmal aufgefallen, erzählt der Vater, dass sich Männer an den Spielplätzen herumtreiben. Eine Mutter berichtet, dass sie im Volkspark Friedrichshain gesehen habe, wie ein Mann einen Kinderschlüpfer von einer Parkbank klaute. „Wo soll das alles enden“, sagt sie kopfschüttelnd.

Kein Hochsicherheitstrakt

Neben der Grundschule am Kollwitzplatz, in den beiden Kitas „Löwenzahn“ und „Flohkiste“, gehen die Türen auf. Die Kinder stürmen in den Garten, bewerfen sich mit Blättern, lachen und toben. „Die Erzieherinnen sollen aufpassen, dass die Kinder nicht allein in der Nähe des Zauns spielen“, sagt Leiterin Renate Schaaf. Einen Hochsicherheitstrakt wolle sie aus der Kita nicht machen, „aber aufpassen tun wir schon“, sagt sie. Seit ein paar Wochen dürfen ihre Schützlinge sich nicht mehr allein im Haus bewegen. „Vor diesem Zwischenfall durften die Kinder auch mal allein durch den Flur und das Essen holen gehen“, sagt sie, „das geht jetzt nicht mehr.“ An der orange-farbenen Eingangstür der Kita hängt ein handgeschriebener DIN-A4-Zettel für die Eltern. „Achtung!“ steht dort rot geschrieben, „in dieser Gegend ist es dazu gekommen, dass ein Mann mittleren Alters, braune, kurze gelockte Haare, Brillenträger, Hauttyp eher dunkel, Kinder filmte und ansprach. Wir bitten um ihre Aufmerksamkeit.“

Die Eltern sind längst alarmiert. Iris R. wohnt mit ihren beiden Kindern nur ein paar Straßen von der Schule entfernt. Wenn sie mit ihnen unterwegs ist, schaut sie sich jetzt immer aufmerksam um. Beobachtet uns jemand? Kommt uns vielleicht sogar jemand hinterher? Wer ist der dunkelhaarige Mann auf der Parkbank? Vor ein paar Tagen hat sie einen Mann am Rande des Spielplatzes auf dem Kollwitzplatz stehen sehen. „Er hatte offensichtlich kein eigenes Kind dabei“, sagt die Mutter. Das kam ihr komisch vor. Sie wollte zu ihm gehen, ihn fragen, was er da mache. Aber der Mann war ganz plötzlich verschwunden. „Das war sehr seltsam“, sagt sie. Ihre Kinder lässt sie jedenfalls keine Sekunde mehr aus den Augen. „Aber ich habe sie ja nicht den ganzen Tag bei mir“, sagt sie, „ich hoffe nur, dass die in der Schule wirklich gut aufpassen.“

In der Grundschule am Kollwitzplatz ist Pause. Zwei Aufsichtspersonen stehen mitten auf dem Gelände, versuchen, die spielenden Kinder im Auge zu behalten. Doch der Bereich zwischen der Turnhalle und dem Schulgebäude ist etwas unübersichtlich. Es gibt einen Erdwall mit Büschen, dahinter eine Rutsche. Hinter den Sträuchern, nah am unverschlossenen Tor, haben sich drei Jungen versteckt. Sie spielen ganz versunken, ihre Betreuer können sie dort nicht sehen. Eine ältere Frau geht an dem Gelände vorbei. „Geht zu den anderen“, ruft sie den Jungen zu. Beim Weitergehen sagt sie leise: „Schlimm ist das, dass man Angst um die Kinder haben muss.“

Hände weg von unseren Kindern

Gerade in der Gegend um den Kollwitzplatz, der besonders kinderreichen Ecke in Prenzlauer Berg, ist der Unbekannte überall Gesprächsthema. In den Läden, den Cafés, sogar im Supermarkt. In einem Edeka-Markt haben Eltern zwei Zettel an die Pinwand gehängt. Einen auf Deutsch und einen auf Englisch. „Hände weg von unseren Kindern“ steht darauf. „Wir halten zusammen und passen gemeinsam auf unsere Kinder auf.“

Viele Eltern können ihre Kinder nicht ständig begleiten. „Ich bin berufstätig“, sagt eine Mutter. „Wie sollte ich das machen?“ Ihr zehnjähriger Sohn muss mittags nach der Schule allein nach Hause gehen. „Er nimmt das Fahrrad“, sagt die Mutter, und sie klingt so, als wolle sie sich damit selbst beruhigen, denn ein gutes Gefühl hat sie dabei im Moment nicht, „Er kann dann ja schnell wegfahren, wenn ihn jemand anspricht“, sagt sie leise. Sobald er zu Hause angekommen ist, soll der blonde Junge bei seiner Mutter anrufen. „Und er bleibt dann am Nachmittag auch zu Hause“, sagt seine Mutter bestimmt. Noch vor ein paar Wochen hat er sich oft mit seinen Freunden am Bauspielplatz oder zum Fußballspielen getroffen. „Das will ich jetzt im Moment nicht“, sagt die Mutter. „Ich komme um 17 Uhr nach Hause, solange muss er warten.“ Ihr Sohn akzeptiert die Entscheidung. „Schön findet er es aber natürlich nicht.“

Auch auf der anderen Seite der Prenzlauer Allee, dort, wo der Unbekannte die beiden Jungen auf der Straße angesprochen hat, sieht man nur noch selten Kinder ohne Begleitung. „Meine Tochter will auch gar nicht mehr irgendwo allein hingehen“, sagt eine Mutter. „Sie hat wirklich Angst.“ Das zehnjährige Mädchen geht auf die Grundschule „An der Marie“. „Die Schule hat uns aufgefordert, unsere Kinder nicht mehr allein gehen zu lassen“, sagt die Mutter. Wenn Kinder nicht abgeholt werden können, sollen sie zumindest in kleinen Gruppen nach Hause gehen.

Die Polizei hat ihre Präsenz in Prenzlauer Berg verstärkt. Zunächst standen vor den Schulen Polizisten in Uniformen, jetzt sind sie in Zivil unterwegs. Sie streifen durch die Straßen, beobachten die Kinder auf den Schulhöfen und achten darauf, wer im Kiez so herumläuft. „Wir nehmen die Ängste der Eltern ernst“, sagt Polizei-Sprecherin Heike Nagora. „Auch nach den Herbstferien behalten wir die Gegend im Auge.“

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