Historisches Berlin

Dem Schinkelplatz fehlt die letzte Front

Der restaurierte Schinkelplatz zwischen Schlossplatz und Friedrichswerderscher Kirche in Berlin-Mitte wird wieder der Öffentlichkeit übergeben. Unklar ist noch, wie die Platzfront zwischen Bauakademie und Kommandantur einmal aussehen soll. Doch es gibt bereits Pläne.

Berlins Anfänge, Berlins Glanzzeit und Berlins Zukunft – wann haben sie sich zuletzt so verdichtet wie derzeit rings um die Spreeinsel im Herzen der Stadt? Gerade wurden bei archäologischen Grabungen neben den Schlossfundamenten die verkohlten Reste des bisher ältesten bekannten Berliner Hauses gefunden. Auf 1183 datieren die Experten das Fundstück, also ein halbes Jahrhundert vor der ersten urkundlichen Erwähnung Berlin-Cöllns 1237.

Einen Steinwurf entfernt ist die temporäre Kunsthalle fertig geworden, mit der die Stadt ihren Rang als Ort der Avantgarde auch im 21. Jahrhundert demonstrieren möchte. Und am gegenüberliegenden Ufer wird am Freitag die rekonstruierte Gartenanlage eines Platzes eingeweiht, den man nach dem wohl größten Architekten Berlins benannte, der seine Meisterwerke in der unvergleichlichen Blütezeit der Stadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts schuf: Karl Friedrich Schinkel.

Von heute an thront er wieder auf dem hohen Sockel eines Denkmals, das bis zum Zweiten Weltkrieg hier stand, flankiert von Christian Peter Wilhelm Beuth, auf den die preußische Gewerbeordnung zurückgeht, und Albrecht Thaer, dem Begründer einer wissenschaftlichen Landwirtschaft in Preußen.

Daneben findet man all jene Elemente klassischer Gartenbaukunst, die modische Landschaftsarchitekten gern als städtebaulichen Nippes verlachen: eine steinerne Brunnenschale, aus der eine mit Akanthusblättern gefasste Fontäne emporschießt, gerahmte Rabatten und Steinmosaike, schließlich eine halbkreisförmige, steinerne Bank, von der aus man das Treiben auf Schinkels Schlossbrücke verfolgen kann.

Auch dessen ziegelrote Bauakademie wird an den Platz zurückkehren, seit einiger Zeit zeichnen bemalte Planen schon ihren Umriss nach. Das andere Ende des Schinkelplatzes markiert das Kommandantenhaus, bereits vor Jahren wurde es für Bertelsmann am Boulevard Unter den Linden äußerlich rekonstruiert.

Wer sich noch daran erinnern kann, dass dieser Ort jahrzehntelang aus dem Stadtbild verschwunden war, weil die DDR den Schinkelplatz unter ihrem inzwischen abgerissenen Außenministerium begraben hatte, wird sich die Augen reiben. Über alle Brüche und Verletzungen in Berlins Mitte hinweg hat sich offensichtlich ein Stadtgedächtnis erhalten, das so stark war, gegen alle Widerstände diese wunderbare Wiedergeburt zustandezubringen, eine Wiedergeburt übrigens, wie sie der Berliner Gartendenkmalpflege bereits am Pariser Platz und am Lustgarten gelang, wo jeweils Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert rekonstruiert wurden.

Offen ist jetzt nur noch die westliche Randbebauung des Schinkelplatzes. Die noch leeren Grundstücke will die Bundesvermögensverwaltung im nächsten Jahr an einen Investor mit einem überzeugenden Konzept verkaufen. Schon jetzt machen sich Baumeister Gedanken darüber, wie die Platzfront zwischen Bauakademie, Friedrichwerderscher Kirche und Kommandantur aussehen sollte – auch die Berliner Architekten Rupert und York Stuhlemmer, die mit dem Ort bestens vertraut sind.

Sie haben bereits die Hülle der Kommandantur aus wenigen Überresten, Plänen und vielen Fotografien rekonstruiert und handwerklich aufwendig wiedergeschaffen, Ziegelstein auf Ziegelstein gesetzt und dann verputzt (dass sich ihr Werk schlecht mit dem nüchtern-modernen Inneren des Medienhauses verträgt, kann man ihnen nicht vorwerfen). Die Stuhlemmers haben außerdem in jahrelanger Feinarbeit jedes Detail der zu rekonstruierenden Fassaden des Berliner Schlosses erforscht, mit all den kleinen Abweichungen und Unschärfen, die sich an dem über Jahrhunderte gewachsenen Bau nachweisen lassen und ihm seine Lebendigkeit und skulpturale Tiefe verliehen. Ihre Baupläne sind Grundlage des laufenden Schloss-Wettbewerbs.

Als Pendant zum Eosanderportal des Berliner Schlosses kommt der Figur des Schinkelplatzes eine große städtebauliche Bedeutung zu. Rupert Stuhlemmer ist davon überzeugt, dass das Ensemble einen Abschluss braucht, der sich zurückhält und Elemente des architektonischen Erbes aufnimmt. Für seinen Entwurf rekonstruiert er nicht die Vorkriegsbauten an dieser Stelle, sondern entwirft eine Reihe von Häusern, die Typologien und Details der Berliner Bürgerhäuser vom Anfang des 19. Jahrhunderts aufnehmen. Dies sei kein Ort für einen wilden Mix individueller Handschriften, wie man ihn bei den benachbarten Townhouses am Auswärtigen Amt beobachten kann. Außerdem werde die Modernität von Schinkels Bauakademie viel deutlicher, wenn diese sich nicht nur vom barocken Stadtschloss, sondern auch von einem klassizistischen Schinkelplatz abheben könne.

Schon vor Jahren gab es eine erste Studie des Stadtentwicklungssenators, für die der Berliner Architekt Klaus Theo Brenner gleichförmige Townhouses im Bauhausstil vorgeschlagen hatte. Damit löste er eine Diskussion über Alt und Neu aus, die derzeit viele deutsche Städte umtreibt. Jetzt hat sie einen neuen Gegenstand.

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