Tarifkonflikt

Ab heute streiken Kita-Erzieher und Lehrer

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Sabine Flatau und Falk Plücker

Foto: dpa

Zahlreiche Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in Berlin sind am Morgen erneut in einen Streik getreten. Damit verschärften die Gewerkschaften den seit Monaten andauernden Tarifkonflikt. Besonders hart trifft es Eltern und ihre Kinder. Denn dieses Mal sind auch Lehrer und Erzieher zum Ausstand aufgerufen.

Fällt der Schulunterricht heute aus, weil Lehrer die Arbeit niederlegen? Kommt die Kita-Erzieherin zum Dienst? Für Kinder und Eltern beginnt heute eine Zeit der Unsicherheit. Bis Donnerstag sind 5000 angestellte Lehrer und etwa 10.000 Erzieher in den städtischen Kitas zum Streik aufgerufen. Voraussichtlich werden nur wenige Kindertagesstätten an allen vier Streiktagen schließen. Im Eigenbetrieb Süd-West sind es zum Beispiel nur zwei von 37 Einrichtungen.

Wie viele Lehrer und Erzieher sich tatsächlich am Ausstand beteiligen wollen, ist ungewiss. „Die genauen Zahlen kennen wir nicht“, sagt Peter Sinram, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die zum Streik aufgerufen hat. „Aber die Resonanz im Vorfeld war groß.“ Es habe viele Rückmeldungen aus Schulen und Kitas gegeben. Die Nachfrage nach Streikmaterial sei hoch. „Deswegen gehen wir davon aus, dass die Beteiligung ganz erheblich sein wird.“

Die Zahl der Streikenden kennt auch André Schindler nicht, der Vorsitzende des Landeselternausschusses. „Es sind jedenfalls viel zu viele“, sagt er. „Einige Eltern haben Briefe von den Schulen erhalten, dass sie ihre Kinder schon mittags abholen oder erst gar nicht zum Unterricht schicken sollen. Das geht nicht.“ Deshalb habe der Ausschuss die Senatsbildungsverwaltung aufgefordert, den Unterricht und die Betreuung der Schüler sicherzustellen. „Die Forderungen der Gewerkschaft sind unbestritten wichtig, aber sie dürfen nicht auf Kosten der Kinder durchgesetzt werden.“

Auch Burkhard Entrup, Vorsitzender des Landeselternausschusses Kita, hält die Forderungen nach besserer Bezahlung für gerechtfertigt. Die SPD wolle die Einführung der Kitapflicht, akzeptiere aber auf der anderen Seite einen Streik, dessentwegen die Kinder tagelang nicht oder nur unzureichend betreut würden. „Das ist unglaubwürdig“, schimpft Entrup.

Eltern reagieren teils verärgert, teils verständnisvoll. „Wir Eltern müssen jetzt den Arbeitskampf der Erzieher ausbaden“, sagt Andrea Vannahme aus Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Mutter der vierjährigen Lily und des einjährigen Louis hat sich für die vier Streiktage frei nehmen müssen. Sie habe prinzipiell Verständnis für die Forderungen der Erzieher, sagt die 40-Jährige. „Man hätte aber eine kreativere, bessere und fairere Lösung suchen und finden sollen.“ Sie hat sich mit anderen Eltern zusammengetan. „Wir werden wegen des viertägigen Ausfalls unsere Beiträge kürzen.“ Der Streik schade den Kindern, sagt Göksar Utku, Vater des fünfjährigen Zafer. Er wird sich von heute bis zum Donnerstag selbst um seinen Sohn kümmern.

Wegen des Streiks ist Christine Altschaffel nach Berlin gekommen. Die Rentnerin will ihre Tochter und ihren Schwiegersohn entlasten und sich um ihre zweijährige Enkeltochter Ava kümmern. „Ich sympathisiere mit den Menschen, die das Wichtigste, was wir haben, hüten“, sagt Christine Altschaffel. „Die Erzieher fordern schließlich nicht Millionen, sondern nur ein Minimum an Gehaltssteigerung.“

Nicht nur die Kinder in Kitas und Grundschulen sowie ihre Familien bekommen den Ausstand zu spüren. Auch in vielen Oberstufenzentren könnte der Unterricht ausfallen, sagt GEW-Sprecher Peter Sinram. In diesen Einrichtungen arbeiten viele Angestellte.

Betroffen seien zum Beispiel die Marcel-Breuer-Schule in Weißensee, die Knobelsdorff-Schule in Spandau und die Ernst-Litfaß-Schule in Reinickendorf. „Wenn wir streiken, blutet das pädagogische Herz“, sagt Peter Sinram. „Aber einen Streik, den keiner merkt, kann man auch unterlassen.“