Trotz Finanzkrise

Investoren zahlen Rekordpreise für Berliner Immobilien

Berlins Immobilienmarkt scheint vom internationalen Finanzcrash ausgespart zu bleiben. Für denkmalgeschützte Luxusimmobilien werden Rekordpreise erzielt. Selbst Renovierungsbedarf senkt die Preise kaum. Der Liegenschaftsfonds verkaufte in diesem Jahr bereits Immobilien für 251 Millionen Euro.

Die Aktienkurse rutschen weltweit in den Keller, doch in Berlin zahlen Projektentwickler, Kunstliebhaber und Hotelbetreiber „absolut spektakuläre Preise“ vor allem für denkmalgeschützte Gebäude. Das ist das etwas verwunderte Fazit, das Holger Lippmann, Chef des Berliner Liegenschaftsfonds, über die Verkaufsabschlüsse in den ersten neun Monaten dieses Jahres zieht.

Während die Berliner misstrauisch das internationale Bankengeschehen beobachten, investiert offenbar die ganze Welt – seltsam abgekoppelt von der globalen wirtschaftlichen Krise – unverdrossen in Berliner Immobilien. Und eine Trendwende, so Lippmann, ist noch nicht in Sicht. Allenfalls „vernünftigere Preise“.

Besonders gefragt sind derzeit unverwechselbare Altbauten, deren Wert sich die Käufer erst durch aufwendige Umbauarbeiten selbst schaffen müssen. Die Liste der diesjährigen Verkäufe zeigt eindrucksvolle Beispiele: Die ehemalige Bühnenwerkstatt an der Zehdenicker Straße 12 b in Mitte wurde zu einem „spektakulären Liebhaberpreis“, so Holger Lippmann, verkauft. Wie bei jedem Vertrag gilt auch hier, dass der Liegenschaftsfonds über die Höhe des Verkaufsabschlusses keine Auskunft gibt. Der schottische Erwerber will das denkmalgeschützte Backsteingebäude, in dem die Dekorationswerkstatt der Komischen Oper untergebracht war, zu einer luxuriösen Wohnadresse umgestalten. „Der Investor möchte dort zudem auch seine Privatgalerie unterbringen“, weiß Lippmann.

Kunstsammler auf Einkaufstour

Ein ausgewiesener Kunstliebhaber hat sich auch als Käufer für das Lapidarium am Halleschen Ufer in Kreuzberg gefunden. Der Kunstsammler Christian Boros, der seine Privat-Galerie im ehemaligen Luftschutzbunker an der Reinhardtstraße in Mitte untergebracht und sich selbst ein viel bestauntes 450 Quadratmeter großes Penthouse auf das Dach gebaut hat, will „den Firmensitz seiner Agentur von Wuppertal nach Berlin verlagern“, so Lippmann. Das denkmalgeschützte Pumpwerk wird derzeit noch vom Land Berlin zur Aufbewahrung alter Denkmäler benutzt. Gut ein Jahr hat Boros Zeit, in Abstimmung mit der Kulturverwaltung und dem Denkmalschutz ein neues Domizil für die Skulpturen zu finden.

Auch der Büro- und Gewerbehof an der Kohlfurter Straße in Kreuzberg hat einen Abnehmer gefunden: Nikolas Berggruen, Sohn des verstorbenen Kunstsammlers Heinz Berggruen will das Haus „kulturwirtschaftlich“ nutzen. Denkbar wäre etwa, dass die Künstler aus dem Künstlerhaus Bethanien dort eine neue Heimat finden. Denn diese befinden sich, seit vor rund drei Jahren Hausbesetzer aus der geräumten Yorckstraße 59 den Südflügel des ehemaligen Krankenhauses besetzten, im Dauerstreit mit ihren neuen Nachbarn. Die Senatsverwaltung signalisierte bereits, keine Einwände gegen einen Umzug zu haben, sofern die Kosten dafür im Rahmen blieben.

Zu den besonderen Immobilien, die in diesem Jahr einen Käufer gefunden haben, zählt auch die Alte Münze in Mitte. In dem in den 1930er-Jahren errichteten Gebäude direkt an der Spreeschleuse, Am Krögel 2, wurde 1990 die letzten DDR Mark und die erste D-Mark nach der Wiedervereinigung geprägt. „Ein Projektentwickler aus Nordrhein-Westfalen will in dem Ensemble auf der Wasserseite Luxuswohnungen und auf der Hofseite Büros unterbringen“, so Lippmann. Von den insgesamt fußballfeldgroßen Tresorräumen auf zwei Ebenen sollen nun die oberirdischen abgerissen werden. Auch bei diesem Projekt sei ein „sehr guter Preis“ erzielt worden.

Desgleichen wurde in diesem Jahr ein langjähriger Ladenhüter, die stark sanierungsbedürftige Siedlung Neu-Jerusalem an der Heerstraße in Spandau, endlich verkauft. Die 21 freistehenden Doppelhäuser (Baujahr 1923–1925) gingen an einen dänischen Investor. „Auch hier haben wir einen Preis deutlich über dem Verkehrswert erzielt“, so Lippmann.

Die ehemalige Weberschule am Warschauer Platz 6– 8, in der zuletzt die Studenten der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik in Textil- und Ledertechnik unterrichtet wurden, hat ein italienischer Hotelbetreiber erworben. „Er möchte dort ein Low-Budget-Hotel für junge Rucksacktouristen unterbringen“, sagt Lippmann zu den Umbauplänen. Auch dieses Backsteingebäude (1909–1914 erbaut) steht unter Denkmalschutz.

Im März 1882 hielt Robert Koch im damaligen Hygieneinstitut der Humboldt-Universität seinen berühmten Vortrag über die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers. Heute steht der klassizistische Bau an der Dorotheenstraße 96 in Mitte unter Denkmalschutz. Für dieses prominente Gebäude im Herzen des Regierungsviertels, direkt an der Spree in unmittelbarer Nähe zum Deutschen Bundestag, liegt ebenfalls ein Kaufvertrag vor, der allerdings noch nicht beurkundet wurde. Deshalb verrät der Chef des Liegenschaftsfonds nur soviel: Der Käufer ist Brite und plant dort eine wissenschaftliche Nutzung.

Angesichts der zahlreichen Premium-Verkäufe ist es nicht verwunderlich, dass der Geschäftsführer des Liegenschaftsfonds für die ersten neun Monate des Jahres 2008 wieder Rekordzahlen vorlegen kann. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2008 wurden 437 Kaufverträge mit einem Gesamtwert von 251 Millionen Euro abgeschlossen, die in Berlins chronisch leere Kassen fließen. Im ebenfalls sehr guten Jahr 2007 waren es im gleichen Zeitraum bei 411 Kaufverträgen 194 Millionen Euro. Der Erlöszuwachs entspricht damit einer Steigerung von knapp 23 Prozent.

Zwar rechnet auch Lippmann im kommenden Jahr mit sinkenden Erträgen. Dies sei allerdings nicht der Finanzkrise, sondern dem ständig schrumpfenden Angebot an Top-Immobilien im Portfolio geschuldet. Zwar hat der Liegenschaftsfonds immer noch etwa 4500 Grundstücke und Immobilien im Angebot. „Doch ein so bedeutendes Haus wie das Robert-Koch-Forum ist nicht mehr dabei“, gibt Lippmann bedauernd zu.