Kaufhaus-Legende

Wertheim ist vom Kudamm verschwunden

Jahrzehntelang war der Kudamm ohne Wertheim nicht denkbar. Auch wenn das Kaufhaus bereits seit 14 Jahren zu Karstadt gehörte, der Name blieb. Doch mit der heutigen Neueröffnung heißt es ab sofort Karstadt. Im Frühjahr 2009 wird auch das letzte Wertheim-Haus überhaupt verschinden. Und das steht ebenfalls in Berlin.

Foto: Joachim Schulz

Die größten Schätze liegen gleich am Eingang: funkelnde Diamanten und erlesene Trüffel, 190 süße Sorten zur Auswahl. Zwei übergroße Security-Männer bewachen den Schmuck, während in der neuen Confiserie im Erdgeschoss Espresso ausgeschenkt wird. Vieles ist neu im ehemaligen Wertheim-Kaufhaus am Kurfürstendamm 231. An erster Stelle der Name: Wertheim heißt jetzt Karstadt.

Von anfänglichen "Irritationen", spricht Geschäftsführer Ralf Schwarz, als bekannt wurde, dass der Name Wertheim am Kudamm verschwinden solle. Diese hätten sich aber in positive Reaktionen umgewandelt. Ohnehin sei das Angebot von Wertheim und Karstadt immer schon zu 85 Prozent identisch gewesen. Nach dem Umbau des Kaufhauses seien zahlreiche Marken und Sortimente dazugekommen, das Haus moderner als vorher. Kein Drama also, so seine Ansicht, dass die Marke Wertheim am Kudamm verschwunden ist. Das sehen Verkäuferinnen noch zwiespältig. Der Namenswechsel sei schade, sagen zwei Verkäuferinnen im Erdgeschoss. "Ich war immer stolz darauf, zu sagen, dass ich bei Wertheim arbeite", sagt die eine. "Es war etwas Besonderes", sagt die andere.

Mit "mehreren Millionen Euro" beziffert Geschäftsführer Ralf Schwarz die Umbaukosten der 30.000 Quadratmeter großen Verkaufsfläche. Die Etagen seien jetzt übersichtlicher geordnet und dank neu geschaffener Sichtachsen von allen Seiten überschaubar. Das Parkett von 1971, das unter einem Teppich verschwunden war, ist wieder frei gelegt worden und sorgt für ein nobles Erscheinungsbild. "Unsere Zielgruppe sind die 40 bis 59-Jährigen", sagt Ralf Schwarz. Mit dem neuen Sortiment wolle man aber auch jüngere Leute ansprechen.

Vor 14 Jahren von Karstadt übernommen

Die Entscheidung für die Umbenennung wurde mit Blick auf den Werbe-Etat getroffen. Bereits vor 14 Jahren wurde Wertheim vom Karstadt-Konzern übernommen, der wiederum zum Touristik- und Handelskonzern Arcandor gehört. Von 30 Wertheim-Häusern in ganz Deutschland waren zum Schluss nur noch zwei übrig: das am Kurfürstendamm und ein weiteres in der Steglitzer Schloßstraße. "Beide Häuser mussten für viel Geld extra beworben werden", sagt Schwarz. In Zukunft könnten diese Kosten nun in den einheitlichen Werbeauftritt aller Karstadt-Häuser fließen.

Im Frühjahr 2009 wird auch das letzte Wertheim-Haus an der Steglitzer Schloßstraße verschwinden. Mitarbeiter und Sortiment werden dann in das benachbarte Karstadthaus einziehen, das zurzeit noch umgebaut wird. Danach wird Wertheim zur Baustelle. Das Kaufhaus bekommt seine historische Fassade aus dem Jahr 1952 zurück und wird Teil der neuen Einkaufsgalerie "Boulevard Berlin".

Einst stand der Name Wertheim für das berühmteste Warenhaus Europas. 1875 gründeten Abraham und Ida Wertheim das erste Kaufhaus in Stralsund. 1937 kam es zur Enteignung durch die Nationalsozialisten. Dann, 1952, wagte die Wertheim AG mit einem kleinen Geschäft in der Wilmersdorfer Straße einen Neuanfang. Nun geht nach 133 Jahre die Wertheim Dynastie endgültig zu Ende.

Zur Neueröffnung lockt das umgebaute Kaufhaus am Kurfürstendamm von 10 bis 22 Uhr mit vielen Veranstaltungen. Und am Sonntag ist von 13 bis 18 Uhr geöffnet.

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