Tag der offenen Tür

Tausende Gäste in Berliner Gebetshäusern

Der Andrang in den 16 Moscheen, die in Berlin ihre Türen für Besucher öffneten, war groß. Denn die Unwissenheit über den Islam und den Koran ist mindestens ebenso groß wie das Interesse daran. Und so gab es großen Redebedarf – auf beiden Seiten.

Foto: ddp / DDP

Die Frau möchte jetzt nicht lockerlassen. Wie ist das nun mit den Mädchen? Mit dem Kopftuchzwang? Und dem Verheiraten? Wie stehen Sie denn dazu, und wie der Koran? Und warum predigt hier keine Frau? Der Imam ist geduldig. Erklärt und erzählt mit sanfter Stimme: von der Toleranz des Islam, von der Geschichte. Und davon, dass Imam einfach kein so praktischer Job für eine Frau sei. Das sieht sie nicht richtig ein. Das Gespräch geht in die nächste Runde.

Ungefähr so ist es auch gedacht. Tag der Deutschen Einheit, das ist seit zwölf Jahren deutschlandweit auch der Tag der offenen Moschee. Um Austausch und Öffnung soll es dabei gehen, bei Führungen, gemeinsamen Gebeten, Gesprächsrunden. Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening, das hat er gerade wieder gesagt, findet die Initiative ein ermutigendes Signal für den Dialog mit dem Islam. 16 muslimische Gebetshäuser hatten am Freitag in Berlin geöffnet – ein kleiner Teil der insgesamt rund 80. Wie schon in den vergangenen Jahren lautet die Erklärung: Die anderen seien schlicht zu klein.

200.000 Muslime in Berlin

Wirklich groß ist die Ayasofya Moschee in Moabit nicht, doch die Türen stehen weit auf. Am Vormittag herrscht zwar noch wenig Betrieb, aber junge Gemeindemitglieder sind überall hilfsbereit und höflich zur Stelle, zeigen die Räume, den Gebetskalender, das Pult für den Imam. Erklären in perfektem Deutsch, wie das ist mit dem gerade zu Ende gegangenen Ramadan, und dass leider nicht alle Helfer heute hier sein könnten, die bereiteten sich aufs Abitur vor. Jeder Integrationsbeauftragte hätte seine Freude an ihnen. Dann beginnt die Koranlesung. Mit Übersetzung.

Tatsächlich hört man Deutsch in den Berliner Moscheen längst nicht nur an diesem Tag. Von den mehr als 200.000 Muslimen, die in der Stadt leben, haben zwar mehr als die Hälfte türkische Wurzeln, die Übrigen kommen, unter anderem, aus arabischen Ländern, aus Bosnien, Pakistan, Indien, Afrika. Aber die Zahl der deutschen Konvertiten steigt. Die Zahl der Imame, die Deutsch lernen, ebenfalls. In der Berliner Moschee in Wilmersdorf war das schon immer so. In dem Haus der Lahore-Ahmadiyya-Bewegung, der ältesten Moschee Deutschlands, wird seit 1928 auf Deutsch gepredigt. Vor Problemen hat das die Gemeinde nicht bewahrt, in letzter Zeit schrumpft sie, manchmal wird das Freitagsgebet bereits ausgesetzt.

Nicht so am Freitag. Die Schuhregale im Vorraum sind voll, alle Stühle besetzt, als Imam Muhammed Ali seinen Vortrag hält. Man wolle das ja schon verstehen, wie die denken, warum und wie sie handeln, raunt Heinz Kudlak aus Schwedt. Er ist extra nach Berlin gefahren, um die Moscheen zu besuchen, sagt er, wegen des Verstehens, „aber auch wegen der Architektur“. Nach dem Vortrag sagt der Imam, es sei ja ihre Sache, sich zu erklären. Zu öffnen. Vor der Tür läuft da bereits eine Diskussion über Kirchensteuern und die Vorteile verschiedener Religionen in dieser Hinsicht. Der Besucherstrom reißt nicht ab.

Es geht sehr friedlich und sehr offen und vorbildlich dialogbereit zu, in Wilmersdorf, Moabit, Kreuzberg, an diesem Tag. Aber das heißt nicht, dass es keinen Redebedarf mehr gibt – auf beiden Seiten. Das zeigte nicht allein der Streit um den Bau der Khadija-Moschee in Heinersdorf, um den es erst seit kurzem ruhiger geworden ist. Und Redebedarf sehen auch Homosexuellenverbände, die seit langem schwulenfeindliche Tendenzen muslimischer Organisationen beklagen.

Am Tag der Einheit wollten sie einen Schritt weiterkommen. Der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) rief zu einem Besuch der Sehitlik-Moschee in Neukölln auf. Über Menschenrechte von gleichgeschlechtlichen Paaren wolle man sprechen und über Maßnahmen gegen die Homophobie, hieß es im Vorfeld.

Am Mittag ist am Columbiadamm dann tatsächlich kein Durchkommen mehr, Menschenmassen drängen sich im Hof und durch das Tor. Die Moschee ist ungefähr so, wie man sich im Westen orientalischen Pomp vorstellt: Kuppeln, Türmchen, viel Gold. Und bei den Gläubigen ist sie offenbar beliebt. Denn die Massen kommen nicht zur Besichtigung, sondern zum Freitagsgebet. Während der Imam noch predigt, die Besucherschlange vor den Toren länger wird, sammeln sich auch die Vertreter des LSVD. Es gab Gespräche im Vorfeld, mit der Moschee, allein schon das ein Erfolg. Es sei eigentlich das erste Mal, dass so ein Dialog stattfinde, sagt Wolf Plesmann vom LSVD. Und dass sie viel Hoffnung darauf setzten: auf ein Gespräch, das jetzt beginnt. Das Missverständnisse auf beiden Seiten aus dem Weg räumt, im Idealfall, und Vertrauen bildet. Bali Saygili vom „Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule“ (Miles) nickt: „Es geht darum, gemeinsam zu arbeiten. Und um Respekt“.

Klare Worte

Worum es nicht geht, ist Provokation, das sagen alle, die bei der Gruppe vor der Moschee stehen. Die kleinen „LSVD“-Schilder sind das einzige, was auf ihre Zugehörigkeit zum Verband hinweist. Eine Frau fragt, ob sie sich ein Kopftuch umbinden muss (nein), eine andere sagt, eigentlich wolle sie sich ja auch nur mal eine Moschee von innen ansehen. Kann sie.

Das Gebet ist vorbei, die Führung beginnt. Nach der Führung soll es noch eine Diskussion geben. Sie erwarteten klare Worte, hatten LSVD-Vertreter vorher zu Protokoll gegeben. Aber vor allem ein Gespräch.

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