RAF-Terror in Berlin

Der Tag, an dem Peter Lorenz entführt wurde

Der Kinofilm "Der Baader Meinhof Komplex" weckt auch Erinnerungen an die Verschleppung des Berliner CDU-Chefs Peter Lorenz im Jahr 1975. Erst als fünf inhaftierte deutsche Terroristen in den Jemen ausgeflogen wurden, kam Lorenz aus seinem Kreuzberger Kellerverlies frei.

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Der Hieb ist so heftig, dass Werner Sowa erst wieder zur Besinnung kommt, als der unbekannte Angreifer ihn durchsucht. „Hat keine Waffe dabei“, hört Sowa, der benommen auf dem Asphalt liegt, ihn rufen. Dann lässt der Unbekannte von ihm ab und rast mit seinen Kumpanen samt Geisel im schwarzen Mercedes davon. Sowa schleppt sich zum nächsten Haus und wählt den Polizeiruf 110. Seine Nachricht, aufgeregt hervorgestoßen, sollte die Nation in jenem Winter 1975 sechs Tage lang in Atem halten: „Herr Lorenz ist entführt! Ich bin niedergeschlagen worden.“

Sowa war damals 37 Jahre alt, sein Chef nur 15 Jahre älter. Und doch, blickt der sehnige Pensionär mit dem gepflegten grauen Bart und streng gescheitelten Haar in seinem Weddinger Stammlokal zurück, habe sie ein Vater-Sohn-Verhältnis verbunden. Vom Morgen des 27. Februar 1975 an sollten den Politiker und seinen Chauffeur zudem die schlimmsten Erlebnisse ihres Lebens verbinden.

Vier Tage, bevor sich Lorenz als CDU-Landesvorsitzender der Wahl zum Regierenden Bürgermeister stellen wollte, wartete Werner Sowa gegen 8.45 Uhr vor dem Haus am Elvirasteig, einen Steinwurf entfernt von der Krummen Lanke. Der Fahrer liebte diesen Beruf, zu dem er sich nach einer Reihe von Knochenjobs als Schlosser und Hochdruckheizer hinaufgearbeitet hatte. Lorenz' hatte als Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Anspruch auf einen Chauffeur. „Personenschutz aber hatte er nicht“, sagt Sowa. Selbst der Regierende SPD-Bürgermeister Klaus Schütz verzichtete gern auf Polizeibegleitung.

Fahrstrecke regelmäßig gewechselt

Zur Sicherheit seines Chefs wechselte Hobby-Judoka Sowa regelmäßig die Fahrtstrecke. Auf dem Weg ins Rathaus Schöneberg nahm er diesmal die Route entlang des Quermatenwegs gen Autobahn. Entgegen den Berichten von damals sagt Sowa, dass Lorenz nicht auf dem Beifahrersitz, sondern im Fond saß und Akten studierte. Plötzlich bog im schmalen Zehlendorfer Straßengewirr von rechts aus dem Ithweg ein Lkw der Speditionsfirma Karolewicz ein. Sowa bremste. „Und – rumms – fuhr mir ein Fiat auf“, erinnert er sich. „Ich stieg aus, um mir den Schaden anzuschauen, sah im roten Fiat mindestens drei Insassen. Als ich mich nach der Stoßstange bücke, kommt aus dem Waldstück jemand hinzu und zieht mir eins über.“

Die Terroristen lassen Laster und Fiat zurück, springen zu Peter Lorenz in die Dienstlimousine und drücken aufs Gaspedal. „Ich sah eine Maschinenpistole und nahm Deckung hinter einem Baum“, sagt Sowa. Im Mercedes herrscht da schon Chaos. Lorenz wehrt sich mit aller Kraft. Die Windschutzscheibe geht zu Bruch. Mit einer mehrfach in seinen Leib gerammten Spritze wird er ruhig gestellt.

Die Entführer verbinden seine Augen und jagen mitten im Morgenverkehr mit Tempo 160 und ohne Frontscheibe über die Autobahn in die City. Dort verliert sich dann die Spur des CDU-Chefs. In den nächsten Tagen werden Politik und Ermittler gefangen sein in einem Zustand wütender Ohnmacht. Jeder Anweisung der Terroristen werden sie folgen. Polizei, Stadt, Staat: machtlos.

In seiner Tempelhofer Dienststelle sitzt zu diesem Zeitpunkt Manfred Ganschow vom polizeilichen Staatsschutz bei der Frühkonferenz. Dann kommt die Nachricht: Lorenz entführt! Die „Sonderkommission Lorenz“ wird gegründet, Ganschow zu deren Leiter bestimmt. Nach vier Stunden ist der Mercedes gefunden, in einer Tiefgarage an der Neuen Kantstraße. Aus dem Handschuhfach haben die Entführer Lorenz' Ersatzbrille mitgenommen, denn beim Kampf war sein Gestell zwischen die Sitze gerutscht.

„Es wurden die Autos gewechselt“, erinnert sich Manfred Ganschow (77), der später auch nach dem Anschlag auf die Diskothek „La Belle“ ermittelte. Heute lebt er in Westdeutschland. „Zuletzt legten die Täter Peter Lorenz in einen Kastenwagen und brachten ihn zu ihrem Versteck, wo sie ihn in einen Keller sperrten. ‚Volksgefängnis' nannten die das.“

"Solch eine Entführung hatten wir nie erlebt“, sagt Ganschow. Die Polizei habe einen bis dahin ungekannten Ermittlungsaufwand betrieben. Binnen drei Wochen sei man 10.000 Hinweisen nachgegangen. Die anfangs 30 Staatsschützer wurden verstärkt auf 200 Beamte. Ganschow selbst schlief in den folgenden Nächten auf einem Feldbett in seinem Büro.

Gefangen im Keller

Viel später erst wird die Polizei Lorenz' Verlies aufspüren. Es mag Dreistigkeit, es mag Berechnung der Täter gewesen sein, dass es sich nur wenige Gehminuten vom Präsidium unter einem Trödler an der Schenkendorfstraße 7 in Kreuzberg befand. „In der Großstadt ist ein Keller in 500 Metern Entfernung doch ebenso weit weg wie ein Ort in 20 Kilometern Distanz“, sagt Ganschow.

Am kommenden Morgen – Tag zwei – liegen ein Foto von Lorenz und ein Bekennerbrief im Postkasten der Deutschen Presse-Agentur. Die Täter fordern die Freilassung sechs einsitzender Gesinnungsgenossen, die etwa wegen versuchten Mordes und Mitgliedschaft in der Baader-Meinhof-Bande Freiheitsstrafen zwischen sechs und zwölf Jahren verbüßen: Verena Becker (22), Gabriele Kröcher-Tiedemann (28), Horst Mahler (39), Rolf Pohle (33), Ingrid Siepmann (30) und Rolf Heißler (26).

Die Täter insistieren, dass alle Polizeimaßnahmen, verstärkte Präsenz oder Aufrufe an die Bevölkerung unterbleiben. Dennoch bietet sich für Ganschow und sein Team ein Ansatzpunkt zur Fahndung: „Sie outeten sich als 'Bewegung 2. Juni'. Also haben wir in unseren Unterlagen nachgeschaut, wer als verdächtig gilt. Wir stießen auf acht oder neun Namen.“

Zähneknirschend zeigt sich die Regierung in Bonn bereit, die Erpresser-Forderungen zu erfüllen. Kanzler Helmut Schmidt beugt sich dem Drängen der Unions-Chefs Helmut Kohl und Franz Josef Strauß sowie von Klaus Schütz und stimmt der Freilassung der Terroristen im Austausch mit der Geisel zu. Etwas, das er in den späteren Jahren als Kanzler nie wieder tun wird. Bis auf Mahler, der sich weigert, werden die Häftlinge in den Jemen ausgeflogen.

Freilassung mit 20 Pfennig

Pfarrer und Ex-Regierender Bürgermeister Heinrich Albertz, der den Flug begleitet hat, verliest nach seiner Rückkehr am Dienstagabend, sechs Tage nach dem Überfall auf Lorenz und Sowa im SFB-Fernsehen und -Radio die verabredeten Losungsworte der befreiten Häftlinge an die Entführer, die signalisieren, dass alles nach ihren Wünschen verlaufen ist: „So ein Tag, so wunderschön wie heute.“ In derselben Nacht holen die Entführer Peter Lorenz aus seinem Verlies und setzen ihn auf einer Bank im Volkspark Wilmersdorf aus. „20 Pfennig haben sie ihm dagelassen“, erinnert sich Ganschow. „Zum Telefonieren.“

Werner Sowa machten in jenen Tagen die Folgen der Entführung schwer zu schaffen. Seine Kopfwunde, die er sich mit fünf Stichen hatte nähen lassen – auf eigenen Wunsch ohne Betäubung – mochte verheilen. Doch Sowa wird in seinen Träumen von den Bildern des Überfalls heimgesucht. Noch schlimmer sind die Gedanken, die ihn nicht loslassen. „Ständig Schuldgefühle“, sagt er im Rückblick. Hätte er den Angreifer, der ihn niedergeschlagen hatte, nicht rechtzeitig bemerken müssen? Warum bloß hatte er an jenem 27. Februar 1975 just die Quermatenweg-Route genommen? „Oder standen die Entführer mit gleichem Aufgebot von Autos auch am Rand der anderen Strecken?“

Ob er sich in seiner Not einem Amts-Psychologen anvertraut hat? „Quatsch“, erwidert Sowa. „Ich hatte meine Arbeit, ich hatte meine Familie zu versorgen. Das waren meine wesentlichen Ablenkungen.“ Die bohrende Ungewissheit blieb. Ebenso ließen sich die polizeilichen Personenschützer nicht mehr abschütteln.

Auch seine Frau Brigitte, die auf Märkten Brot verkaufte, wurde fürderhin bewacht. Seinen sechs und sieben Jahre alten Kindern folgten die Beamten vor die Klassenzimmer. Bis Ende des Jahres 1975 saß ein Beamter auf seinem Beifahrersitz, behielt Sowa Tag und Nacht im Auge: „Das würde ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen: Auf Schritt und Tritt überwacht zu werden.“

Wiedersehen mit Lorenz

Dafür entschädigte nur geringfügig am Morgen nach der Freilassung die erste Begegnung mit Peter Lorenz in den verschlungenen Gängen des Rathauses Schöneberg. „Wir haben uns umarmt,“ sagt Sowa. „Herzlich. Sehr herzlich. Das war nicht etwas, was man damals unter Männern so ohne Weiteres tat.“ Lorenz ging zur Pressekonferenz und Sowa rief ihm nach: „Erholen Sie sich gut.“ Weil sein Chef schlecht aussah.

In den kommenden Wochen werden Kripo-Mann Manfred Ganschow und seine Kollegen die wesentlichen Tatbeteiligten fassen. 1980 verhängt das Kammergericht Berlin gegen fünf Täter hohe Haftstrafen. Beim Prozess sagt auch Werner Sowa aus. Die Sympathisanten der Angeklagten im Saal versuchen, ihn niederzubrüllen, einer geht auf ihn los. Der seit jungen Jahren herzkranke Chauffeur bekommt schwere Herzrhythmusstörungen. Seine Vernehmung muss abgebrochen werden.

Nach der Entführung fuhren er und Lorenz wieder miteinander. Zwei Jahre lang. „Aber es wurde nie mehr so wie zuvor. Man war ständig angespannt, dass erneut etwas passiert“, sagt Sowa. Ob er und Lorenz, der 1987 im Alter von 64 Jahren starb, sich je über das Erlebte ausgetauscht haben? „Nein. Nie“, gibt Werner Sowa zurück. „Man muss doch versuchen, die Vergangenheit zu verdrängen. Sonst kann man sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren. Auf all' das, was wichtig ist.“

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