Nach Wowereits Kritik

Senat ist selbst für Aussehen des Alex' verantwortlich

Der Alexanderplatz sei hässlich, und Schuld an den unattraktiven Bauten sei wohl der Bezirk, kritisierte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) kürzlich. Doch seine eigene Verwaltung ist es, die das städtebauliche Dilemma am Alex zuließ. Fensterlose Bauten und ein helles Pflaster, auf dem jeder Fleck gut sichtbar ist, kamen mit ihrer Genehmigung auf den Platz.

Betonschluchten, durch die der Wind pfeift, verdrecktes Straßenpflaster, abweisende Fassaden. Mit deutlicher Kritik hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nach einer Besichtigungstour am Alexanderplatz gefordert, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung künftig mehr Einfluss auf die Gestaltung der Gebäude an einem der wichtigsten Plätze Berlins übernimmt. Der Regierungschef äußerte dabei den Verdacht, dass „vermutlich der Bezirk“ für die Genehmigung der „hässlichen Klötze“ verantwortlich sei. Ein klassisches Eigentor – die Bauplanungen für den Alexanderplatz standen und stehen maßgeblich unter dem Einfluss der SPD-geführten Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Rund 300.000 Menschen passieren täglich den Alex, der trotz des jahrelangen Lärms der Presslufthämmer, der durch Bauzäune verstellten Wege und des herüberwehenden Staubes von den vielen Großbaustellen zu den wichtigsten Touristenattraktionen Berlins zählt.

In den Nachwendejahren entwickelte der Berliner Senat ein ehrgeiziges städtebauliches Konzept. Es sah vor, aus dem überdimensionierten Platz mit seinen zugigen Freiflächen inmitten der riesigen Verkehrsstraßen drumherum einen urbanen Stadtplatz mit zahlreichen Hochhäusern zu machen. Während die Hochhauspläne mangels Investoren-Interesse auf Eis liegen, wurden andere Bauten bereits fertig gestellt, Straßen verkleinert und Schienen verlegt. Das neue Gesicht des Alexanderplatzes wird nun nach und nach sichtbar. Nach der Schelte des Regierenden Bürgermeisters über den Zustand des neuen Alexanderplatzes – wir berichteten – ging am Freitag die Suche nach den Verantwortlichen für das städtebauliche Dilemma am Alex weiter. „Für die Bebauungsplanverfahren ist der Senat zuständig“, stellte Manfred Kühne, Abteilungsleiter Planen in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung klar. So sei es zwar grundsätzlich richtig, dass der Bezirk die Baugenehmigungen ausstelle. Doch richte er sich dabei nach den Vorgaben des Senats.

Das Alexa bleibt ein Hauptstreitpunkt

Und ausgerechnet der besonders gescholtene rosafarbene Betonbunker des Alexa-Einkaufszentrums sowie auch das im Bau befindliche Geschäftshaus „die neue mitte“ gehen explizit auf die Einflussnahme der Senatsverwaltung zurück. So wurde der Investor des vor einem Jahr eröffneten „Alexa“ 2003 zu einem Wettbewerb verpflichtet. Unter dem Vorsitz des damaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann wurde der Entwurf des Architektenteams Ortner&Ortner (Berlin) und RTKL (Baltimore) ausgewählt. Weil der Bezirk damals weniger Einzelhandel wünschte, zog der ehemalige Bausenator Peter Strieder (SPD) das Genehmigungsverfahren an sich. „Die Fassade sah im Modell allerdings etwas anders aus“, erinnert sich Kühne. Besonders der Farbton hätte deutlich unauffälliger gewirkt.

Kein Verständnis für die Kritik hat indes Oliver Hanna, Center-Manager des Alexa, das mit seinen 56.000 Quadratmetern Handelsfläche 158 Läden Platz bietet. „Alles wurde genau so gebaut wie vereinbart“, sagt er. Es sei doch absurd, sich jetzt darüber zu wundern, was man selbst genehmigt habe. Mit dem Missfallen des Regierenden könne man jedoch leben. „Der Alex gehört zu einem der prosperierendsten Plätze Berlins – und das ist auch unser Verdienst“, sagt Hanna selbstbewusst.

Die Anrainer ärgert vor allem das Pflaster

Auch bei dem im Bau befindlichen Geschäftshaus „die neue mitte“ hat die Senatsverwaltung durchaus Einfluss genommen. „Weil das Gebäude viel kleiner ist als das Alexa, wurde auf einen Fassadenwettbewerb verzichtet“, sagt Kühne. Doch auch ohne Wettbewerb nahm die amtierende Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, die vor rund einem Jahr ihr Amt antrat, quasi als eine ihrer ersten Amtshandlungen, an den Abstimmungsrunden teil und gab den von Wowereit so gerügten fensterlosen Fronten zur Gruner- und Alexanderstraße ihren Segen. An der Gestalt der beiden „Betonklötze“ wird sich nichts mehr ändern lassen. Einen Trost für den Bürgermeister und all jene, die die neu entstandenen Handelshäuser am Alex ebenfalls hässlich finden, hat der Planungsleiter dennoch: „Derzeit sind am Alex keine weiteren Einkaufscenter geplant“, sagt Kühne. Und die Büro- und Hotelprojekte am Alex, so der Planungsexperte weiter, „haben ja üblicherweise Fenster“.

Die Anrainer am Alex erregt unterdessen viel mehr der Zustand des erst vor zwei Jahren neu gepflasterten Platzes. Die Oberfläche der 50.000 Steinplatten aus hellem Granit, mit denen der Platz neu gestaltet wurde, ist übersät mit Millionen schwarz eingefärbter festgetretener Kaugummis. „Auch Fett- oder Ketchupflecken sind deutlich sichtbar“, moniert der Geschäftsführer der Galeria Kaufhof, Detlef Steffens. Vor dem Eingangsbereich reinigt das Kaufhaus regelmäßig selbst, „weil der sonst unmöglich aussieht“. Steffens fordert, dass die BSR den Platz zusätzlich zu den normalen Reinigungen fünf bis sechs Mal im Jahr einer gründlichen Sonderreinigung unterzieht: „Wir können schließlich nicht den ganzen Platz säubern.“ Noch werde darüber gestritten, wer die Kosten trägt. „Pro Reinigung fallen etwa 10.000 Euro an“, schätzt der Kaufhof-Chef.

Silke Fürstenau, Koordinatorin für den Alexanderplatz bei der Senatsverwaltung kennt das Problem. Sie bestreitet jedoch, dass das Kaugummi-Dilemma, das auch der Bürgermeister angesprochen hatte, mit dem ausgewählten Granit zusammenhängt: „Auf normalen Betonplatten haftet Kaugummi genauso.“ Nur falle es bei hellem Granit stärker auf. Derzeit würden Prüfungen laufen, wie dem Problem am besten dauerhaft beizukommen sei.