TV-Dokumentation

Regisseur bannt 24 Stunden Berlin auf Film

Eine 24 Stunden Film über Berlin. Aufgenommen von 80 offiziellen Kamerateams und Tausenden von privaten Handy-Filmern, die am 5. September überall in der Stadt unterwegs sein werden. Dieses Mammutprojekt unternimmt der Berliner Regisseur Volker Heise, der mit der Dokumentation „Schwarzwaldhaus 1902" bekannt geworden war.

„Wir versuchen, das Monster in den Griff zu bekommen“, sagt Regisseur Volker Heise und lacht. In einer ehemaligen Berliner Fabrikhalle mischt sich Tastengeklapper mit Telefonklingeln, Stimmengewirr mit dem Gluckern der Kaffeemaschine.

Ob in Sachen Logistik, Organisation oder Recherche, noch arbeiten die Mitarbeiter von „zero one Film“ auf Hochtouren an einem noch nie dagewesenen Dokufilmprojekt. Denn am 5. September soll mit „24 Stunden Berlin“ ein Stück Film- und Fernsehgeschichte geschrieben werden.

Mit dem Projekt betritt das Team rund um den künstlerischen Leiter Volker Heise und den Produzenten Thomas Kufus Neuland: 24 Stunden lang werden an diesem ersten Freitag im September von sechs Uhr früh bis zum nächsten Morgen 80 Kamerateams in der Hauptstadt unterwegs sein. Sie sollen den Rhythmus der Stadt einfangen, Stadtpanoramen filmen sowie das Leben von 68 Berlinern porträtieren. Angefangen beim Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bis hin zum Charité-Arzt, dem Mann von der Stadtreinigung und dem Polizisten. Vom Hartz-IV-Empfänger bis hin zur Berliner Schickeria.

„Die Stadt setzt sich aus verschiedenen Milieus zusammen“, beschreibt der gebürtige Kreuzberger Heise seine Idee. Anhand des statistischen Jahrbuches verschafften sich er und sein Team einen Überblick: Die vielen Migrantengruppen in der Stadt, die hohe Anzahl an Singles und alten Menschen. „Das Augenfälligste an dieser Stadt ist jedoch der Ost-West-Gegensatz.“ Dem Regisseur, der vor fünf Jahren für seinen Dokumentarfilm „Schwarzwaldhaus 1902“ den Grimme-Preis erhielt, geht es um die Vielfalt: „Wir wollen wissen: Wie leben diese Menschen heute? Wie erziehen sie ihre Kinder? Welche Fernsehprogramme sehen sie? Was essen sie?“

Zum ersten Mal in der Geschichte des Fernsehens wird hierfür 24 Stunden lang nonstop gedreht. Kufus und Heise haben namhafte Dokumentarfilmer gewonnen: Andreas Veiel ist darunter, aber auch Alice Agneskirchner, Volker Koepp und Romuald Karmakar. Rund drei Millionen Euro kostet das vom Medienboard Berlin-Brandenburg kofinanzierte Projekt, das auf den Tag genau ein Jahr später im Kultursender arte, im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und im finnischen Sender YLE Teema 24 Stunden lang ausgestrahlt werden soll. Sozusagen als filmischer Beitrag zum 20. Jahrestag des Mauerfalls.

Dazu wurden prominente Paten für das Projekt gewonnen: die Schauspieler Anna Thalbach, Boris Aljinovic und Dominic Raacke, die Radiomoderatoren Robert Skupin und Volker Wieprecht, die Hutmacherin Fiona Bennett, der Fußball-Bundesligist Hertha BSC oder der DJ Paul van Dyk.

Bis es soweit ist, hat die Filmcrew noch einiges zu tun. „Wir bauen den Rahmen“, sagt Heise, um auf die Pinnwand hinter sich zu deuten: Hier sind Stadtpanoramen bei Tag und Nacht, Plätze und Gebäude der Hauptstadt als Fotografien nebeneinander und übereinander geheftet. „Die Walter-Ruttmann-Gedächtniswand“, sagt der 47-Jährige. Mit seinem 1927 uraufgeführten Streifen „Berlin. Symphonie einer Großstadt“, zu dem sich der Vergleich geradezu aufdrängt, hatte Ruttmann Filmgeschichte geschrieben.

Insgesamt 800 Stunden Filmmaterial, schätzt Heise, wird für das Filmprojekt zusammenkommen. Und doch ist das nur ein kleiner Teil des Mammutprojekts: Bereits jetzt ist die Internetseite www.24hberlin.tv freigeschaltet. Ab 5. September soll hier jeder Berliner seinen persönlichen, mit Handy oder Digitalkamera aufgenommenen Beitrag präsentieren können. Jeder Film hat dabei die Chance, Teil des 24-Stunden-Fernsehprojekts zu werden.

„Junge, wer soll denn das sehen!“, erzählt Heise, sei die erste Reaktion seines Vaters gewesen. Der Regisseur selbst bleibt aber optimistisch. Erzählschlaufen, Rückblenden oder Vorstellung der Protagonisten sollen dem Zuschauer immer wieder den Einstieg in das 24-Stunden-Programm ermöglichen. Der Film soll sich dem Rhythmus der Stadt anpassen: Nachts, meint Heise, könne er sich etwa lange Einstellungen oder „Träumerisches“ vorstellen. „Es gibt viel Stoff in der Stadt.“

Eine Tatsache, die auch zum Problem werden kann. Es sei schwierig, einer Stadt wie Berlin gerecht zu werden. Die Auswahl bliebe immer Ermessenssache. Und dann fügt Heise hinzu: „Am Ende werde ich vielleicht auch viele enttäuschen.“

Das Projekt im Internet

www.24hberlin.tv