Industriedenkmäler

Alter Ölspeicher lässt Investoren träumen

Roter Backstein, rostige Eisenverzierungen, riesige Hallen: Der Palmölkernspeicher auf der Halbinsel Stralau bietet Platz für Ideen und Träume. Der Ire Glenn Pearson hat mit seiner Firma das Industriedenkmal im vergangenen Herbst gekauft. Jetzt will er es ausbauen. Doch was geschieht mit der Fläche unter dem Dach?

Auf den Charme alter Fabrikgebäude setzen Immobilienentwickler in Berlin schon lange. Mit zahlreichen Projekten reagieren sie auf eine gestiegene Nachfrage nach einmaligen Adressen in der Innenstadt.

Doch während die meisten Anbieter auf den Zuzug von finanzkräftigen Lobbyisten, Geschäftsleuten und Prominenten aus der Medien- und Kunstszene setzen, schwebt Glenn Pearson (Jahrgang 1967) eine etwas andere Käuferschaft vor: "Ich möchte eine Gruppe von Leuten zusammenbringen, die es genauso aufregend findet wie ich, in einem unglaublichen Gebäude direkt am Wasser zu wohnen und zu arbeiten". An Luxus-Lofts sei dabei nicht unbedingt gedacht.

Glenn Pearson hat mit seiner Firma Lakestar Investment den ausgedienten Palmkernölspeicher auf der Halbinsel Stralau im Herbst vergangenen Jahres gekauft, um dort selbst einzuziehen. Der russische Vorbesitzer des Gebäudes hatte in dem Speicher ebenfalls Wohnungen unterbringen wollen, das Objekt nach einigen Jahren Leerstand jedoch wieder veräußert.

Was Pearson dem Vorbesitzer zahlen musste, will er jedoch nicht verraten - und auch nicht, wie viel er noch hineinstecken muss, um den denkmalgeschützten, Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Speicher am Ufer des Rummelsburger Sees mit seinen riesigen Hallen, zerbrochenen Fensterscheiben, roten Ziegeln und Stahlträgern, bewohnbar zu machen. Nach den Planungen des Investors sollen rund zwölf Wohneinheiten mit einer Größe zwischen 150 und 300 Quadratmetern entstehen.

Diese sollen wegen der geringen Deckenhöhe in den oberen Etagen von 2,50 Meter der Speicheretagen zu Maisonetten mit Galerien zusammengefasst werden. Jede Wohneinheit soll zudem einen Balkon auf der Wasserseite bekommen. Der Denkmalschutz, so der Marketing-Leiter Thomas Patzke, habe bereits zugestimmt. Auch die geplanten Bootsanleger für das Haus seien bereits genehmigt. Der Quadratmeterpreis wird nach Auskunft Patzkes bei 2150 Euro pro Quadratmeter liegen. Das Interesse, versichert er, sei durchaus vorhanden, es gebe schon Vormerkungen.

In diesem Sommer hat Pearson den alten Speicher in eine riesige Kunsthalle verwandelt, um das Gebäude in Berlin bekannt zu machen. Die internationale Künstlergruppe White Elephants zeigte Videos, Installationen und Skulpturen, die sich mit der Geschichte des Hauses, aber auch mit Palmengärten und Ölgewinnung beschäftigten. "Ein großer Erfolg", sagt Patzke.

Auch nach der Aufteilung des Gebäudes in Wohneinheiten soll es noch Platz für Ausstellungen und Partys geben: "Eine Gemeinschaftsfläche für Ausstellungen, Partys oder als ,Künstler-Hotel' ist fest mit eingeplant", sagt Pearson, der selbst in das Dachgeschoss des Speichers ziehen möchte. Das Dach mit seiner Höhe von 7,50 Metern und einer Grundfläche von insgesamt 600 Quadratmetern, biete aber noch reichlich Platz für gute Ideen. "Vielleicht eine Galerie?", schlägt der Ire vor, der sich jetzt dauerhaft in Berlin niederlassen möchte

Ebenfalls am Rummelsburger See soll noch ein weiteres Wohnprojekt in einem alten Fabrikgebäude entstehen: Der Berliner Hotelier Ekkehard Streletzki hat gerade den seit Jahren leer stehenden, denkmalgeschützten Flaschenturm gekauft. Detaillierte Pläne gibt es noch nicht.

Die Wiederbelebung brachliegender Industriestandorte mit neuen Nutzungsideen ist oft die einzige Rettung für die denkmalgeschützten Gebäude, die nach dem Wegfall von rund 250.000 Industriearbeitsplätzen nach der Wende nicht mehr gebraucht wurden.

Einen guten Überblick über den immensen Reichtum Berlins an wertvollen Industriedenkmälern und ihrer heutigen Nutzung hat der Autor Jörg Raach zusammen mit dem Landesdenkmalamt Berlin zusammengestellt. Das handliche Buch zur "Industriekultur Berlin" (L & H Verlag, 24, 80 Euro) listet auf 200 Seiten die "115 wichtigsten Bauten des Industriezeitalters" auf und beschreibt, wie man sie besichtigen kann. Weder der Palmkernölspeicher noch der Flaschenturm sind allerdings in dem Bildband aufgelistet. Angesichts der Fülle an Industriedenkmalen, schreibt der Autor, mussten die Gebäude drei Kriterien erfüllen: Sie mussten geschichtlich und architektonisch bedeutsam, möglichst umfangreich und authentisch erhalten und zumindest zeitweilig interessierten Besuchern zugänglich sein.

Am 14. September findet übrigens bundesweit der "Tag des offenen Denkmals" statt. Neben Kirchen und anderen Sehenswürdigkeiten sind auch Industriebauten zu besichtigen. Informationen zum Berliner Programm gibt es unter:

Das Programm des Tages des offenen Denkmals

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