Zahlen der Berliner AOK

Jeder dritte Verdacht auf Ärztepfusch bestätigt

Allein die Vorstellung ist furchtbar: Man geht zum Arzt und ist nach der Behandlung mindestens genaus so krank wie vorher. 615 Beschwerden erhält die AOK jedes Jahr von Berlinern, die der Meinung sind, ihre Ärzte hätten gepfuscht. Viele von ihnen liegen mit ihrer Vermutung richtig. Bei den anderen Krankenkassen sieht es nicht besser aus.

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Berliner Patienten wehren sich immer häufiger gegen Ärztepfusch. Dabei helfen ihnen ihre Krankenkassen, die haben laut Sozialgesetzbuch V (§ 66) die Möglichkeit haben, ihren Versicherten in solchen Fällen unter die Arme zu greifen. Alle Fälle werden durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder durch externe Gutachten bewertet. Ergebnis: Bei jedem dritten Patienten der Berliner Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK), des größten Vesicherers der Stadt stellte sich heraus, dass Ärzte oder Pflegekräfte gepfuscht haben.

Die AOK bietet ihren rund 730.000 Kunden seit acht Jahren eine spezielle Beratung bei misslungenen Behandlungen an. Seither haben sich rund 8000 Versicherte an die AOK gewandt, sagt Sylvilin Krüger, Verantwortliche des Serviceteams. Allein von August 2007 bis Juli 2008 hat das AOK-Prüfteam 615 Versicherte mit realen oder mutmaßlichen Behandlungsfehlern registriert.

Bei der Techniker Krankenkasse (417.000 Versicherte in Berlin) werden jährlich 300 Fälle von mutmaßlichen Versorgungspannen bearbeitet. Etwa 20 bis 30 Prozent stellen sich als echte Behandlungsfehler heraus, sagt TK-Sprecherin Heike Weinert.

Und bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK, 210.000 Versicherte in Berlin) werden jährlich 200 Fälle von möglichem Ärztepfusch geprüft. 60 bis 70 Vorfälle erweisen sich als Behandlungsfehler.

20.000 Schmerzensgeld für durchstochenen Darm

Die meisten Behandlungsfehler stellt die AOK in den Fachgebieten Chirurgie und Pflege fest. Gleich dahinter rangieren die Innere Medizin und die Orthopädie. Die meisten Fälle würden außergerichtlich reguliert, wobei wiederum der überwiegende Teil hiervon mit einem Vergleich endete. Der Grund: die langwierigen und psychisch belastenden Verfahren für die Betroffenen.

Einem 76 Jahre alten AOK-Patienten etwa wurden bei einer Darmspiegelung Polypen entfernt und dabei der Darm durchstochen. Dadurch kam es zum Darmverschluss und einer Bauchfellentzündung. Hierdurch verlängerte sich der Klinikaufenthalt um vier Wochen. Ein weiterer stationärer Aufenthalt und ein künstlicher Darmausgang wurden erforderlich. Die AOK unterstützte den Versicherten bei der Durchsetzung seiner Schmerzensgeldansprüche von 20.000 Euro. Einer weiteren AOK-Patientin konnte die Kasse ebenfalls zu Schmerzensgeld verhelfen. Bei ihr entstanden während einer Klinkbehandlung durch mangelhafte Pflege offene Stellen durch Wundliegen durch mangelhafte Pflege.

AOK-Versicherte können das Team Behandlungsfehler unter Tel. 030/25312828 erreichen. Versicherte und deren Angehörige werden dort über die rechtlichen Möglichkeiten und Fristen für die Durchsetzung von Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüchen bei vermuteten Behandlungsfehlern und bei Pflegefehlern beraten. Im Auftrag des AOK-Versicherten werden Behandlungs- und Pflegeunterlagen von Ärzten, Kliniken und Heimen angefordert. Der MDK und externe Gutachter werden bei medizinischen Bewertungen einbezogen, erstellen Gutachten.

Auch für Versicherte der DAK lohnt diese Prüfung: bei nachgewiesenen Behandlungsfehlern holt sich die Kasse von den Versicherungen der Kliniken und Ärzte jährlich 450.000 Euro Schadenersatz zurück, sagt DAK-Sprecher Martin Plass.