Anbindung des Hauptbahnhofs

Widerstand gegen neue S-Bahn-Trasse regt sich

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Thomas Fülling

Foto: ddp / DC

Die Berliner Grünen und der Fahrgastverband haben sich deutlich gegen die Pläne des Senats ausgesprochen, eine neue S-Bahntrasse zum Hauptbahnhof zu bauen. Die Nord-Süd-Trasse der Deutschen Bahn solle besser auch von S-Bahnen genutzt werden. Das lehnt die Bahn ab – um sich langfristig den S-Bahn-Betrieb zu sichern, sagen Kritiker.

Zu teuer, viel zu spät und verkehrstechnisch unnötig. Mit viel Kritik und Unverständnis haben die Grünen, aber auch der Berliner Fahrgastverband Igeb auf die Ankündigung des Senats reagiert, zur besseren Anbindung des Hauptbahnhofs in Berlin eine neue S-Bahn-Trasse bauen zu wollen. Unter der Bezeichnung S21 soll, wie berichtet, in zwei Schritten eine weitere Nord-Süd-Verbindung entstehen. In einer ersten Ausbausstufe (Baubeginn: 2009; Inbetriebnahme: 2016) ist eine Strecke von der nördlichen Ringbahn zum Hauptbahnhof geplant. In einem zweiten Schritt soll die S21 dann bis zum Potsdamer Platz verlängert werden (Beginn: frühestens 2018; Fertigstellung 2023). Dafür muss unter anderem ein neuer Eisenbahntunnel mit zwei Röhren gebaut werden, der zwischen Hauptbahnhof und Reichstagsgebäude die Spree unterquert.

Die Gesamtkosten für das Projekt liegen laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zwischen 317 und 330 Millionen Euro. „Viel Geld für eine unnötige Strecke, die wohl erst am Sankt-Nimmerleinstag fertig sein wird“, kritisiert die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, Claudia Hämmerling. Statt mit Millionenaufwand eine neue, teilweise unterirdische Trasse zu bauen, sollte besser die vorhandene Fernbahntrasse genutzt werden. Zum einen könnte so kurzfristig die nötige Nord-Süd-Anbindung des Hauptbahnhofs an das Berliner S-Bahn-Netz hergestellt werden, zum anderen könnten diese Züge über Südkreuz auch noch bis zum neuen Großflughafen BBI durchfahren.

Notwendig ist dafür allerdings der Einsatz sogenannter Duo-Bahnen, also von Zügen, die sowohl auf Gleisen der Fernbahn (betrieben mit Wechselstrom über Oberleitungen) und der S-Bahn (Betrieb mit Gleichstrom über Stromschienen neben dem Gleis) fahren können. „Die Fahrzeuge werden überall in Europa eingesetzt, nur in Berlin soll das nicht gehen“, sagt Hämmerling.

Bahn will für Berlin keine Duo-Fahrzeuge kaufen – aber für Hamburg

In der Tat lehnen bislang sowohl der Senat als auch die Deutsche Bahn als Betreiber der S-Bahn den Einsatz von Duo-Fahrzeugen in Berlin ab. Begründet wird dies mit der Betriebssicherheit im S-Bahn-Netz. Um sie zu wahren, sei es notwendig, die S-Bahn konsequent vom Netz für Fern- und Regionalzüge zu trennen. Auch sei die Anschaffung von Duo-Fahrzeugen teurer und deren Wartung aufwendiger, heißt es vonseiten der Bahn.

Allerdings demonstriert das Unternehmen als Betreiber der S-Bahn in Hamburg, dass es durchaus bereit ist, Duo-Bahnen einzusetzen. Dort verkehren seit Dezember 2007 Zwei-System-Fahrzeuge auf den S-Bahn-Linien S3 und S31 nach Stade. „Die Fahrgäste dort sind begeistert und nach kurzen Anlaufschwierigkeiten läuft der Betrieb reibungslos“, sagt die Grünen-Abgeordnete Hämmerling. Und in Berlin pendelten zur Fußball-WM im Sommer 2006 Doppelstockzüge als S21 einen Monat lang zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz mit Zwischenhalt im Hauptbahnhof und am Potsdamer Platz.

Danach hieß es aber bei der Bahn: Die Kapazität des Nord-Süd-Tunnels sei für eine Fortsetzung des S-Bahn-Betriebs nicht ausreichend. Ein Argument, das sowohl die Berliner Grünen als auch der Fahrgastverband für nicht zutreffend halten. Der Nord-Süd-Tunnel sei gerade einmal zu einem Drittel ausgelastet, so der Igeb-Vorsitzende Christfried Tschepe. Claudia Hämmerling verweist auf aktuelle Angaben der Bahn, nach denen durch die vier Tunnelröhren gerade einmal 26 Züge pro Stunde fahren. „Da ist noch viel Platz für die S-Bahn.“

Als einen Grund für das Festhalten an einer neuen S-Bahn-Trasse sieht Hämmerling das Bestreben der Bahn an, das System möglichst autark zu halten. Dies erschwere ein Ausschreiben einzelner Strecken und erhöhe so die Chancen der Bahn, in Berlin auch nach 2018 ohne Konkurrenz zu bleiben. 2018 läuft der Verkehrsvertrag aus, der Senat kann das S-Bahn-Netz ganz oder teilweise neu ausschreiben.