Berlin/Brandenburg

150 Kirchen sind akute Sanierungsfälle

In Berlin und Brandenburg verfallen die Gotteshäuser. Rund 500 Kirchen müssen saniert werden, mehr als ein Viertel davon dringend. Allein im nächsten muss dafür insgesamt eine halbe Milliarde Euro aufgebracht werden. Finanzierungsprobleme zwingen die Kirchen zum Verkauf von Gotteshäusern.

Ein besonderes Kapitel schwieriger Sanierungsarbeit am Berliner Dom geht im August zu Ende. Nach knapp einem Jahr wird dann das goldene Kreuz wieder auf der Kuppel leuchten und den Berlinern das gewohnte Stadtbild in der historischen Mitte zurückgeben. Bereits gestern wurden die beiden knapp zwei Meter hohen, je 180 Kilogramm schweren Kronen nach umfassender Restaurierung wieder über dem Hauptportal installiert.

Diese Maßnahme ist nur ein Detail im Rahmen von dringenden Sanierungsfällen bei Gotteshäusern der evangelischen sowie katholischen Kirche in Berlin/Brandenburg. Rund 500 Millionen Euro müssen in den kommenden Jahren aufgebracht werden, um den Verfall von Kirchen und Kapellen zu stoppen.

Die Portalkronen des Doms waren genau wie das Kuppelkreuz von Rost zerfressen und erhielten jetzt einen Edelstahlkern. Für den Dombaumeister Stefan Felmy bedeuten die Kronen-Installation und der Abschluss der Kreuz-Erneuerung in sechs Wochen allerdings nur eine kurze Atempause, denn am monumentalen Bauwerk am Lustgarten stehen weitere unaufschiebbare Sanierungsarbeiten an.

In den kommenden Jahren muss die Domgemeinde immer wieder viel Geld in das imposante Bauwerk stecken, um das Erbe von Kaiser Wilhelm II. und den Hohenzollern zu bewahren. Nach Planungen von Dombaumeister Stefan Felmy muss in absehbarer Zeit die Uferpromenade des Doms zur Spree hin grundlegend saniert werden. "Die Steinplatten an den Balustraden bröckeln. Gleichzeitig müssen wir prüfen, ob die Uferwand noch stabil ist." Befürchtungen, dass der Dom absacken könnte, teilt er nicht. "In eine Schieflage wird er nicht kommen", beruhigt Stefan Felmy. Damit sind die Arbeiten in dem Gotteshaus allerdings nicht erledigt. So will man den Nordwestturm grundlegend umbauen. "Dort sind jetzt noch die Hörsäle der ehemaligen theologischen Fakultät. Sie sollen für die Gemeinde nutzbar gemacht werden", so der Baumeister.

Bei der Nachbargemeinde St. Marien sieht es nicht viel anders aus. Seit Wochen schon wird in dem Gotteshaus an der Karl-Liebknecht-Straße der Innenraum saniert. "Zum Glück muss nicht die gesamte Kirche gesperrt werden, denn mit einer neuartigen Methode kann Schritt für Schritt saniert werden", freut sich Pfarrer Gregor Hohberg. Mit einem Teleskopkran werden im Innern die sanierungsbedürftigen Stellen erreicht, ohne dass Gerüste aufgestellt werden müssen. Für den Kirchenturm der Sophienkirche an der Großen Hamburger Straße in Mitte wurde allerdings im Jahr 2005 die höchste Alarmstufe ausgerufen.

Sanierung ist zwingend

Teile der Sandsteingesimse hatten sich aus der Verankerung gelöst und waren herabgestürzt. Seitdem ist der Turm eingerüstet. Der barocke Sophienturm mit einer Höhe von 69 Metern ist der Mittelpunkt der Spandauer Vorstadt. Seit mehr als zwei Jahren wird das Gemäuer saniert - aber immer wieder müssen Zwischenfinanzierungen gefunden werden, um die Kosten von mehr als einer Millionen Euro aufzubringen. Beispielsweise müssen die schmiedeeisernen Geländerbrüstungen vollständig erneuert werden. Der Putz des Turms ist rissig und von Regen durchfeuchtet.

Großer Sanierungsbedarf ist auch bei der evangelischen Segenskirche an der Schönhauser Allee 161 vorhanden. Zwangsläufig, denn seitdem das Stadtkloster Segen der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord zusammen mit der Communität Don Camillo im Gotteshaus zu einer Wohnstätte ausgebaut wird, ist viel Geld für den Ausbau nötig.

Eine sechsstellige Summe wird auch die komplette Sanierung des Mauerwerks der Außenfassade an der katholischen Sankt-Michael-Kirche in Mitte verschlingen. Das Gotteshaus am Engelbecken ist bereits seit 2003 eingerüstet. Die Arbeiten sollen bis 2011 andauern.

In besonderer Weise vom Sanierungsschicksal betroffen sind in der Hauptstadt die Vorzeigekirchen wie der Berliner Dom, die Marienkirche, die St. Hedwigs-Kathedrale oder die Gedächtniskirche. Insgesamt geht es nach Auskunft der Kirchenleitungen in Berlin/Brandenburg um rund 500 Sakralbauten. Der zuständige evangelische Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann-Tauschwitz nennt 100 bis 150 sogar akut gefährdet: "Da muss unbedingt in nächster Zeit saniert werden." Für derartige Maßnahmen sind Millionensummen nötig. Die evangelische und katholische Kirche steht vor großen finanziellen Problemen. Nach Ansicht der kirchlichen Oberhäupter, dem EKD-Vorsitzenden und Landesbischof Wolfgang Huber sowie dem Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky, könne nur durch hilfreiche Spenden und Sponsoren der Verfall von denkmalgeschützten Gütern verhindert werden. Klappt das nicht, müssen Kirchen geschlossen oder verkauft werden.

Zurück zu den Vorzeigekirchen der Hauptstadt. Diese Traditionsbauten stehen im Fokus der Öffentlichkeit und sind so gleichzeitig Symbol für andere Gotteshäuser der Stadt, die erheblichen Sanierungsbedarf haben. Auch aus Imagegründen könne man, so die Kirchenleitungen, einen Verfall dieser Anziehungspunkte für Berlin-Touristen nicht zulassen.

Gemeinden verschwinden

Um die Kosten zu dämpfen, versucht die katholische Kirche, sich von Gotteshäusern und Kapellen zu trennen. Nach Auskunft des Pressesprechers des Erzbistums, Stefan Förner, wolle man 50 000 Quadratmeter Kirchenraum verkaufen. Das bedeutet bei einer Gesamtkapazität von 200 000 Quadratmetern, dass ein Viertel der katholischen Gotteshäuser in Berlin in naher Zukunft verschwinden werden.

So wurde jetzt erst die Kirche St. Laurentius in der Bandelstraße in Tiergarten (Hansaviertel) an "Christ Embassy" - eine evangelikale Gemeinschaft - verkauft. Die Laurentiusgemeinde hat jetzt ihre Gottesdienste in der benachbarten St. Ansgar Kirche verlegt. Stefan Förner: "Im Bistum werden immer mehr Gemeinden zusammengelegt, damit auch die Kirchenbauten überflüssig werden." Seit 2003 schmolz die Zahl der katholischen Gemeinden von 208 auf 107.

Ein großes Problem sieht die katholische Kirche nicht nur bei den historischen Kirchen, die zum Sanierungsfall werden, sondern besonders bei Gotteshäusern aus den 50er- und 60er-Jahren. "Damals war es modern, alles mit Beton zu bauen", so Förner. Inzwischen sei aber der Schaden an diesen Gotteshäusern durch Wassereinbruch und poröses Material "erschreckend hoch". Entsprechend sei der finanzielle Aufwand zur Sanierung.

Nicht anders ist die Situation bei den evangelischen Kirchen. "Das Geld reicht hinten und vorne nicht", heißt es im evangelischen Konsistorium. Derzeit stünden lediglich vier Millionen Euro für die Sanierungsarbeiten zur Verfügung, so der Leiter des kirchlichen Bauamtes Matthias Hoffmann-Tauschwitz.

Woher das Geld für die Sanierungen nehmen? Während in der Vergangenheit die evangelische Kirche mit Einnahmen aus der Vermarktung von Werbeplakaten an den Baugerüsten ihrer Gotteshäuser die knappen Kassen aufbesserte, lehnte die katholische Kirche dieses zunächst prinzipiell ab. Allerdings wurde bei der St. Hedwigs-Kathedrale eine Ausnahme gemacht. "Ohne die Werbeeinnahmen hätten wir unser Gotteshaus nicht sanieren können", erläutert Pfarrer Monsignore Alfons Kluck. Grundsätzlich möchte die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg möglichst wenige Kirchen verkaufen. Seit der Wende waren es zehn. Nach Ansicht von Matthias Hoffmann-Tauschwitz würden die Protestanten daher eine Mischnutzung bevorzugen und die Gebäude in dieser Form auslasten. So könnten in den Gotteshäusern weltliche und kulturelle Veranstaltungen stattfinden, am Wochenende dann die Gottesdienste. Die katholischen Glaubensbrüder handeln anders. Dort gilt das Motto: "Entweder Kirche oder ganz etwas anderes" - also Verkauf.