Maueropfer

Forscher korrigieren in neuer Studie Zahl der Mauertoten

An der Mauer starben zwei Menschen mehr als bisher angenommen, insgesamt 136. Zu diesem Ergebnis kommt ein Berlin-Brandenburger Forschungsprojekt. Zudem konnte belegt werden, dass 19 Menschen nicht auf der Flucht starben, bisher aber auf Opferlisten standen. Und 48 überlebten die Grenzkontrollen nicht, meist wegen eines schwachen Herzens.

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Mindestens 136 Menschen wurden einer aktuellen Studie zufolge zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben – zwei mehr als bisher angenommen. Das ist der derzeitige Stand des gemeinsamen Forschungsprojekts „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 – 1989“ der Gedenkstätte Berliner Mauer und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Insgesamt wurden 374 Fälle geprüft, sagte Projektleiter Hans-Hermann Hertle. 15 Fälle sind trotz intensiver Recherchen nicht aufzuklären, weiter 16 Verdachtsfälle werden noch bearbeitet. 159 Verdachtsfälle konnten durch die Forschungen als Mauertote ausgeschlossen werden, hieß es. Darunter sind auch 19 Menschen, die an der Berliner Mauer verletzt wurden und überlebten, aber auf verschiedenen veröffentlichten Listen als Todesopfer genannt werden.

Seit Jahren wird über die Zahl der Maueropfer gestritten. So seien die Angaben der Zentralen Beweismittel- und Dokumentationsstelle der Länder in Salzgitter für DDR-Unrecht zu niedrig, weil dort nur die Todesfälle durch Fremdeinwirkung erfasst wurden, sagte Hertle. Ertrunkene seien nicht erfasst worden, obwohl fast die Hälfte der Fluchtversuche in Berlin übers Wasser führten. Die Angaben der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ seien dagegen zu hoch angesetzt.

Die jetzt vorgelegten Zahlen beruhten auf gründlichen Nachforschungen, der erstmaligen Auswertung von Akten der Mauerschützenprozesse und auf Zeitzeugenbefragungen, sagte Hertle. Die von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) finanziell geförderten Forschungen sollen bis Jahresende abgeschlossen sein und 2009 in Buchform vorliegen.

Das erste Opfer starb an seinem 59. Geburtstag

Es gehe aber weniger um die Zahlen als um die einzelnen Opfer, sagte Hertle. Eigentlicher Schwerpunkt des gemeinsamen Projektes sei darum die Erforschung und Dokumentation der Schicksale der Mauertoten. Die ersten 33 Biographien seien von sofort an im Internet unter www.chronik-der-mauer.de abrufbar. Unter den 136 Todesopfern sind Männer, Frauen und Kinder.

Ida Siekmann, geboren am 23. August 1902 in Gorken, war der Studie zufolge am 22. August 1961 das erste Maueropfer. Sie sprang am Tag vor ihrem 59. Geburtstag aus der dritten Etage ihres Wohnhauses in der Bernauer Straße 48 auf den in West-Berlin gelegenen Bürgersteig. Sie hatte lediglich einige Federbetten auf den Gehweg geworfen, die ihr jedoch keinen ausreichenden Schutz boten. Sie stürzte zu Tode. Auch ihr Schicksal soll noch ausführlicher aufbereitet werden.

Die meisten Todesopfer – nämlich 98 – waren DDR-Flüchtlinge. Unter den Mauertoten sind aber auch 30 Menschen aus Ost und West, die keine Fluchtabsichten hatten. Zu den Maueropfern zählen die Wissenschaftler zudem acht im Dienst umgekommene DDR-Grenzsoldaten, die durch Fahnenflüchtige, Kameraden, Flüchtlinge, einen Fluchthelfer sowie einen West-Berliner Polizisten getötet wurden. Die meisten Opfer waren junge Männer zwischen 16 und 30 Jahren.

Und es gab weitere Tote – die allerdings nicht im bekannten Sinne als Maueropfer bezeichnet werden können. Die Studie erfasst auch 48 überwiegend ältere Menschen aus Ost und West, die während der Kontrollen an Grenzübergangsstellen in und um Berlin starben – vornehmlich an den Folgen eines Herzinfarktes.

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