Medizin

Patienten fürchten Bekanntwerden ihrer Krankenakten

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Tanja Kotlorz

Der Berliner Psychiatrie-Patient Heinz-Hermann S. hat Angst. Seitdem das Landesarchiv vor einer Woche die Patientenschicksale von etwa 100 000 Psychiatrie-Patienten (von 1880 bis 1960) offengelegt hat, darunter auch die Akte des verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski, fürchtet der seelisch kranke Mann, dass auch seine Patientenakte an die Öffentlichkeit gelangen könnte.

S. wird seit elf Jahren in der Psychiatrie des Schöneberger Auguste-Viktoria-Klinikums des Vivantes-Konzerns behandelt. Der 57-Jährige fühlt sich oft miserabel. Manchmal hat er kein Interesse mehr am Leben. Zweimal hat er versucht sich umzubringen. Diese psychische Störung nennen Mediziner "unipolare Depression". Mit Medikamenten meistert S. sein Leben.

Auf keinen Fall dürfe seine Behandlungsakte mit allen persönlichen Details für jedermann einsehbar sein. "Ich will meine Persönlichkeitsrechte und meine Intimität schützen", sagt S. Er will eine "Verfügung" schreiben, die seiner Patientenakte beigelegt wird. Darin will er festlegen, dass auch 30 Jahre nach seinem Tod kein Unbefugter seine Krankenakte einsehen darf.

Das Landesarchiv hat vergangene Woche nach der Intervention des Landesdatenschutzbeauftragten Alexander Dix vorerst einige Akten - vor allem die von prominenten Kranken - wieder geschlossen. Wegen der Veröffentlichung der Krankenakte ihres Mannes hat Kinski-Witwe Minhoi Loanic inzwischen Strafanzeige beim Landgericht gegen die Verantwortlichen des Landesarchivs, der Vivantes GmbH und "alle weiteren in Betracht kommenden Personen" gestellt. Heute wollen der Archivdirektor Professor Uwe Schaper und der Datenschutzbeauftragte Alexander Dix über den weiteren Umgang mit den sensiblen Patientendaten berichten.

Charité archiviert fünf Millionen Akten

Viele fragen sich derweil, wie lange Patientenakten eigentlich in Kliniken und Arztpraxen verbleiben müssen. Was passiert anschließend mit den Krankengeschichten, und wer hat ein Recht auf Einsicht? Die Krankenhausverordnung des Landes Berlin (Stand 2006) regelt, dass Patientenakten Eigentum des Krankenhauses sind. Die Akten sind von der Klinik zu archivieren. 30 Jahre müssen sie aufbewahrt werden. Die Archivierungsfrist beginnt mit dem Entlassungs- oder Todesjahr. Nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist sind die Patientendokumentationen "datenschutzgerecht zu vernichten". Dabei sei sicherzustellen, dass die Patientenakten Unbefugten nicht zur Kenntnis gelangen. Nach Angaben von Charité-Sprecherin Kerstin Endele archiviert die Berliner Universitätsklinik derzeit fünf Millionen Patientenakten. Krankengeschichten von stationären Charité-Patienten würden nach 30 Jahren vernichtet, die der ambulanten Kranken nach zehn Jahren.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin, Dachorganisation der niedergelassenen Ärzteschaft, müssen Patientenakten in den Arztpraxen nach Ende der Behandlung zehn Jahre aufgehoben werden. Patientenakten, so die KV, seien Eigentum des ambulanten Arztes, der sie angelegt habe. Der Patient wiederum könne entscheiden, wer außer dem Arzt Einsicht in die Akte nehmen darf. Der Patient habe Anspruch auf Einsichtnahme in seine Akte und könne sich eine Kopie erstellen lassen. Übergibt ein Arzt seine Praxis an einen Nachfolger, dann darf er die Akte an seinen Nachfolger nur mit Zustimmung des Patienten übergeben. Geht der Patient nicht zur Behandlung beim Nachfolger, sondern sucht er sich eine neue Praxis, dann fordert der neue Arzt die Akte beim Nachfolger des alten Arztes an. Stirbt der Arzt, gehen die Patientenakten in das Eigentum der Erben über.

Psychiatrie-Patient S. wird die Vernichtung seiner Patientenakte für den Zeitpunkt 30 Jahre nach seinem Tod verfügen - wie es eigentlich auch die Krankenhausverordnung vorschreibt.

Der bekannte Filmregisseur Rosa von Praunheim dagegen ist froh, dass er die Psychiatrie-Akte seiner leiblichen Mutter Edith Radtke noch in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik gefunden hat. "Sie hat Elektroschocks und Hungerrationen erlitten", sagt von Praunheim. Seine Mutter sei von 1945 bis Mitte 1946 in der Nervenheilanstalt gewesen. Für den Sohn steht fest: "Meine Mutter wurde dort umgebracht." In der Nachkriegszeit hätten die gleichen Mediziner, die im Dritten Reich für die Euthanasie-Programme verantwortlich waren, seine Mutter "behandelt". Der Regisseur sagt: "Ich finde, so etwas muss offengelegt werden."