Forschung

Berlin ist Hauptstadt der Tierversuche

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Tanja Laninger

Foto: pf/hg fd gr / DPA

Nirgendwo in Deutschland werden so viele Tierversuche durchgeführt wie in Berlin. Und die Zahl steigt weiter drastisch an – im vergangenen Jahr um mehr als 48.000 Experimente. Betroffen sind vor allem Mäuse, Vögel und Affen. Tierschützer sind fassungslos.

Mehr als zehn Prozent aller Experimente in Deutschland werden an der Spree unternommen. Tendenz steigend. So wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) fast 350.000 Tierversuche für Forschung und Lehre in Berlin genehmigt – 48.000 mehr als noch im Jahr 2006. Getötet wurden davon zu wissenschaftlichen Zwecken fast 80000 Tiere, rund 97000 Tieren wurden Organe oder Gewebe entnommen.

Begehrtestes Forschungsobjekt sind Mäuse, sie stellen 81 Prozent der Versuchtiere. Ihr „Verbrauch“ ist nach Lageso-Angaben rasant gestiegen: Lag er im Jahr 2006 noch bei 227854 Tieren, so ist er ein Jahr darauf mit 282935 angegeben – das sind genau jene 16 Prozent im Gesamtanstieg mehr. Die Behörde begründet dies mit der Entwicklung und Zucht genetisch veränderter Mäuse.

Außerdem ganz oben der der Tierversuchsliste: Ratten (56746), Vögel (2357), Fische (1794), Hamster (1162) und Kaninchen (1045). Die Zahl der Hunde stieg von 270 auf 303, die Zahl der Affen von 76 auf 104. Insgesamt hat die für Tierversuche zuständige Behörde im vergangenen Jahr 1482 Vorhaben genehmigt.

Wolfgang Apel macht die Entwicklung fassungslos. „Wir hatten angenommen, dass unsere Appelle Gehör finden, die Zahl der Tierversuche in Berlin zu reduzieren“, sagt der Präsident des Tierschutzvereins für Berlin und des Deutschen Tierschutzbundes.

Das Thema treibt auch den SPD-Politiker Daniel Buchholz um. Er hat sich vor einer Woche mit einer Kleinen Anfrage zu Tierversuchen an den Senat gewandt – weil er nicht will, dass die Forscherstadt Berlin Hauptstadt der Tierversuche bleibt. „Die Frage ist, welche Alternativen sich Lehrenden und Forschenden bieten und wie man das Bewusstsein schafft, sie auch einzusetzen“, sagt Buchholz.

So will er vom Senat wissen, welche Lehrangebote zu Alternativen an Hochschulen gemacht werden. Ihn interessiert auch, ob Studierende der Biowissenschaften auf Tierversuche verzichten können – und ob der Verzicht von Professoren getragen wird. „Kann ja sein, dass mancher konservative Geist in jahrelanger Übung von Tierversuchen nicht abrücken möchte.“

Forscherpreis für alternative Methoden

Eine weitere Möglichkeit könnte die Auslobung eines Forschungspreises sein – dafür, dass mit geringem finanziellen Aufwand ein Anreiz für die Entwicklung tierversuchsfreier Methoden geschaffen würde. Eine komplette Abschaffung von Tierversuchen hält Buchholz für unrealistisch. „Das wird in Teilen der Medizin und Gesundheitsforschung, vor allem der Gentechnik, nicht möglich sein.“

Der Tierschutzverein Berlin dagegen vertritt die Auffassung, dass Tierversuche „ohne weiteren Nutzen für Mensch und Tier bleiben“, betrachtet sie als sinnlos und will weiter gegen Tierqual in der Forschung vorgehen. Bund und Länder sollten die Vergabe von Forschungsmitteln genau prüfen und von Tierschutz-Kriterien abhängig machen, fordert Apel. „Es geht nicht an, dass der Staat Tierversuche finanziert, für die es nachweislich Methoden ohne den Einsatz von Tieren gibt, und Alternativforschung als Stiefkind behandelt.“