Ein Mann bespasst 70.000 Menschen

Mario Barth kann mit den Rolling Stones mithalten

Stadionrock: Das ist, wenn einige wenige Menschen vor ganz vielen Menschen auftreten - man kennt das von Breitwand-Bands wie den Rolling Stones, Pink Floyd, Genesis, Pur, André Rieu. Mario Barth ist allein im Berliner Olympiastadion vor 70.000 Menschen aufgetreten, ohne Instrument, ohne Gesang. Das war Weltrekord - und ein Kraftakt, der Respekt verdient.

Hereinspaziert! Hereinspaziert! In den zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich größten Comedy-Club der Welt. Willkommen im Café Größenwahn! Ja, es ist schon ein bisschen irrsinnig, was Comedian Mario Barth auffahren lässt im ausverkauften Olympiastadion. Eine aufwendige Soundanlage, exzellente Lichtregie, ein gigantisches Brandenburger Tor als Bühnenbild, eingewickelt als hätte Christo persönlich es verpackt, ein dreistündiges, laut rockendes Vorprogramm, Blitz, Flammenwerfer und Feuerwerk pfeifen durch das Stadion. Und 70.000 Fans liegen ihm förmlich zu Füßen, verneigen sich vor diesem Zeremonienmeister der lockeren Sprüche, wie sie zwischen Kneipentresen und Küchentisch gang und gebe sind.

Dabei ist der Comedian nur durch die sechs großen Videowände auch bis in die hintersten Ränge zu sehen. Per Public Viewing live sozusagen. Die Fans stört das wenig. Man ist dabei. Man ist im Stadion gemeinsam mit dem erfolgreichsten deutschen Comedystar, der sich hier gerade mit seiner großen Klappe Arbeit ins Guinness-Buch der Rekorde plaudert. Mag sich draußen in der strengen Welt auch noch so viel bildungsbürgerliche Häme über ihn ergießen – hier ist er in seinem Element. Und Mario Barth beherrscht das Spiel mit den Massen aus dem Eff-Eff und mit jener federgewichtigen Leichtigkeit, die auch sein Programm „Männer sind primitiv, aber glücklich“ auszeichnet.

Schon am späten Nachmittag hatte das Spektakel begonnen. Mit Philip Carpenter und seiner Band, mit Berlins Dancehall-Reggae-Helden Culcha „Hamma!“ Candela. Und mit Silbermond als Überraschungsgast. Die Band um Sängerin Steffi hatte allerdings eine besonders schwere Aufgabe: sie musste Songs spielen, die sich der stets per Videowand präsente Mario Barth gewünscht hat. Der erzählte grinsend: „Es gibt da so eine Wette zwischen der Band und mir.“ Sängerin Stefanie Kloß: „So was passiert, wenn man mit Mario Barth ein Bier trinken geht und sagt: ,Das schaffst du nie, das Olympiastadion vollzumachen. Wenn das klappt, dann spielen wir dir, was du willst.“ Sie meistern den Spaß mit Bravour, von AC/DCs „Highway To Hell“ über Wolfgang Petrys „Wahnsinn“ bis – oh Graus – zum „Holzmichel“ der Randfichten.

Wie ein aufgescheuchter Mick Jagger

Was andere eher in intimen Clubs oder Theatersälen an ihr Publikum bringen, treibt Mario Barth in der tosenden Rockarena auf die Spitze mit pointenlosen Erzählungen über das ewige Hin und her zwischen den Geschlechtern, über all das, was Männer und Frauen anzieht und abstößt zugleich. Schlag 21 Uhr entert er die feuerlodernde Bühne. Er ruft „Hallo Berlin!“, er zieht Grimassen, gestikuliert wild mit den Armen, hastet wie ein aufgescheuchter Mick Jagger in Jeans und T-Shirt über die gigantische Bühne und erzählt uns alles über seine Freundin, was er an ihr schätzt, aber vor allem, was ihn an ihr nervt.

Dabei kommen einem Barths Erzählungen stellenweise durchaus vertraut vor, sind von solcher Allgemeingültigkeit, dass sich mitunter auch die Frage stellt, warum man das überhaupt wissen soll. Nicht immer ist in der Riesenarena jedes Wort zu verstehen. Das gegenseitige Nicken, das immer wieder mal durchs Publikum geht, das herzhafte Lachen von Pärchen, die sich scheinbar wiedererkennen in den Barthschen Malheurchen und Maulereien, offenbaren, wie nah am Leben diese zwischenmenschlichen Alltäglichkeiten doch sind.

"Übergangsjacke" - die Menge tobt

Diese ganzen Klischees und Vorurteile über Frauen, aber auch über Männer, breitet er genüsslich aus und macht selbst vor der Toilettentür nicht Halt. Doch auch flatulenteste Zoten bleiben bei Mario Barth noch jugendfrei. Er steht auf der gutbürgerlichen Seite, im biederen Heim oder in trauter Zweisamkeit, wundert sich freilich schon über die merkwürdige Fortschrittlichkeit, wenn sein Kumpel plötzlich selbst eine Freundin namens Chantal hat und zum Weinkenner und stolzen Besitzer eines eigenen Korkenziehers geworden ist.

Barth spielt sein Programm konsequent in 90 Minuten durch, und er braucht nur ein Stichwort in die Menge zu werfen, „Fabrikverkauf“ beispielsweise, oder „Übergangsjacke“, und das Stadion tobt. So ein bisschen scheint auch der doch so cool wirkende Mario Barth überwältigt von der Kulisse, die sich ausgelassen lachend und immer wieder jubelnd vor ihm ausbreitet. „Mensch Barth, watt biste jroß jeworden“ möchte man in Abwandlung des Harald-Juhnke-Schlagers „Mensch Berlin“ ausrufen, den er gemeinsam mit Paul Kuhn neu eingespielt hat.

Dieser Kraftakt verdient Respekt

Der Mann beherrscht sein Metier keine Frage, auch wenn nicht alle Welt bei diesem Programm gleich in schallendes Gelächter verfällt. Hier und heute im Olympiastadion jedenfalls ist man sich einig. Alle lieben Mario. Und irgendwo ruft es tatsächlich: „Mario, ich will ein Kind von Dir!“ Na, da sei aber die Freundin vor. Wenn es sie denn wirklich gibt. Zur Zugabe steht Mario Barth plötzlich auf einem Podest mitten im Publikum. Und das Feuerwerk zum Finale war eines der schönsten, die man je im Olympiastadion erlebt hat. Respekt für diesen Kraftakt.

Vorher gab's die Pressekonferenz. Dabei bekam Barth auch die Urkunde vom Verlag des "Guinness Buch der Rekorde". Bis es im Olympiastadion zum Äußersten kam lag der Comedy-Rekord bei 15.900 Zuschauern, die den Amerikaner Chris Rock in London sahen. „Ich bin so aufgeregt, ich weiß nicht, welche Haarfarbe sie heute trägt.“ Mario Barth zappelt in den Katakomben des Olympiastadions. Natürlich war wieder einmal von Paula die Rede, Barths langjähriger Freundin, mit der der Comedian sich aber nicht öffentlich präsentieren möchte. Spannend ist Paula aber trotzdem. Schließlich zieht Barth den Hauptteil seines Humors aus dem Zusammenspiel von Mann und Frau.

Was Mario Barth lustig findet

Unlängst kursierten Bilder von Barth. Er flirtend mit einer tief dekolletierten Blondine namens Rebecca auf einer Party in Berlin. Wie Paula auf diese Fotos reagiert habe? „Sie fand det lustig.“ Außerdem sei da ja wohl ein halber Meter zwischen ihm und besagter Blondine gewesen. Also könne da ja nichts gelaufen sein, da müsse die Fragenstellerin ja einen dollen Freund haben, von wegen halber Meter und so.

Worüber Mario Barth selbst lachen kann? Jerry Lewis (82), Heinz Erhardt. „Mit Dieter Nuhr bin ich befreundet, und ich telefoniere regelmäßig mit Atze Schröder. Im Comedy-Bereich gibt es weniger Neidfaktor als unter Schauspielern.“ An wem er seine Witze als Erstes testet? „Wenn mir etwas einfällt, dann probiere ich das gleich in der nächsten Show aus… und ich weiß ungefähr, was meine Fans hören wollen.“

Die Familie macht bei der Show mit

Fünf Brüder hat Mario Barth. Zwei davon arbeiten heute in seinem Team mit. Einer als Chef für Merchandising, der andere im EDV-Bereich. Auch Mama Barth sei mit von der Partie. „Die ist ganz stolz.“ Bleibt wieder einmal Paula. Wo die denn säße? Antwort: „Auf dem Sitz.“ Auf welchem? Antwort: „Im Stadion.“

Zu den ersten Bühnen des Mario Barth, so berichtet er, hätten die Schule und die Kirche gehört. Eigentlich wäre er ja gern Pfarrer geworden. Aber dann habe er seine Freundin kennengelernt. Sie sei es, die bei seiner Show im Olympiastadion die eigentliche Hauptrolle spielen würde. Nicht zu vergessen die Mario-Barth-Fans: Die ersten waren am Sonnabend bereits um 10 Uhr vor dem Stadion.

Für den Auftritt von Marion Barth waren 19 Kameras im Einsatz, Helikopter-Cam inklusive. Laut Veranstalter hatte man die aufwendigste Tonanlage, die je im Olympiastadion aufgebaut war, installiert – mehr als 30 Tonnen Ausrüstung, etwa 300 Boxen im Stadion. 100 Trucks hatten Material angeliefert, es gab sechs Video-Bildschirme mit einer Gesamtfläche von 250 Quadratmetern. Aufbauzeit: eine Woche rund um die Uhr mit 400 Mitarbeitern. Kosten: 1,7 Millionen Euro.

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