Offener Brief

Luftbrücke-Veteranen trauern um "Freund Tempelhof"

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Die E-Mail an die Redaktion kommt von Earl Moore, Präsident der Vereinigung der Luftbrücke-Veteranen, und "Schokoladenflieger" Gail S. Halvorsen: Die beiden ehemaligen US-Soldaten bedanken sich für die Feierlichkeiten zum Luftbrücke-Jubiläum - und fragen, wie es mit ihrem "alten Freund" weitergehen wird, dem Flughafen Tempelhof. Morgenpost Online dokumentiert den Text.

"Wir amerikanischen Veteranen der Berliner Luftbrücke (1948-1949) möchten hiermit unseren Dank aussprechen für die außergewöhnliche Gastfreundschaft, die wir schon seit vielen Jahren in Deutschland und Berlin erlebt haben.

Im Mai und Juni dieses Jahres hatten wir das große Vergnügen, gemeinsam mit der Berliner Bevölkerung den 60. Jahrestag des Beginns der Berliner Luftbrücke zu feiern. In diesem Zusammenhang wollen wir allen auf deutscher Seite danken, die diesen Besuch ermöglicht haben.

Es waren damals nur fünfzehn Monate, die wir während der sowjetischen Blockade als Aktive der Luftbrücke dienten. Seither sind nicht weniger als 60 Jahre vergangen! Vor allem die Stiftung Luftbrückendank hat uns in diesen sechs Jahrzehnten immer wieder nach Berlin eingeladen.

Die beiden letzten Besuche waren besonders eindrucksvolle Beispiele der deutschen Gastfreundschaft und dafür möchten wir folgenden Einrichtungen unseren besonderen Dank aussprechen: dem Frankfurter Flughafen (Fraport), dem Alliierten Museum, Berlin, der Deutschen Luftfahrtindustrie, der Messe Berlin, dem Bund Deutscher Industrie, Köln sowie der Deutschen Lufthansa.

Die Bürgermeister von Berlin, Frankfurt/M., Wiesbaden und Stuttgart luden uns ein, ihre Städte zu besuchen. Dabei durften wir unsere Namen in den "Goldenen Büchern" verewigen. Wir werden diese Erlebnisse und die damit verbundenen Liebenswürdigkeiten nie vergessen.

Stilllegung des Flughafen Berlin-Tempelhof:

Natürlich sind wir darüber sehr betrübt, dass die Rollbahnen des Tempelhofer Flughafens stillgelegt werden sollen. Wir haben ihn immer als eine zuverlässige Anlaufstelle erlebt. Wie oft begrüßten uns an dunklen Nächten die "freundlichen" Landebahnlichter, deren Strom mit jener Kohle erzeugt wurden, die wir vorher nach Berlin eingeflogen hatten! Wenn wir bei Eis, Nebel oder Schnee landeten, sandte uns die Flugbahnbeleuchtung ein "Herzliches Willkommen".

Wir würden gerne die genauen Gründe erfahren, die zum Beschluß der Stillegung des Flughafens geführt haben. Vielleicht wird es dann für uns einfacher sein, unseren "alten Freund" Tempelhof in den Ruhestand zu versetzen. Zweimal haben wir in diesem Jahr Berlin besucht und jedes Mal drängte sich uns der Eindruck auf, dass das Für und Wider für die Schließung des Flughafens nicht wirklich in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist.

Vielleicht können die folgenden Fragen, genauer gesagt die Antworten auf diese Fragen, dazu beitragen, mehr Klarheit zu gewinnen. Zumindest für uns würde es dann einfacher werden, zu verstehen, warum unser "alter Freund" abtreten muß:

1. Um den Flughafen gegenwärtig offen zu halten, sind vermutlich erhebliche staatliche Subventionen notwendig.

2. Wie hoch werden die Kosten nach der Stillegung des Flughafens sein? Der riesige Gebäudekomplex steht ja unter Denkmalschutz. Ist die Differenz zwischen den beiden Zahlen bereits ermittelt worden?

3. Wie hoch waren die Einnahmen des Flughafens bevor die Schließung des Flughafens bekannt gegeben wurde?

4. Könnten die unter 3. genannten Einnahmen erhöht werden, wenn der Flugbetrieb fortgesetzt wird?

5. Welche Rolle haben die Flughäfen Tegel und Tempelhof für den Flugverkehr während der Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006 gespielt?

6. Welche Bedeutung wird die Reduzierung der Start- und Landebahnen von sechs auf zwei für den nationalen wie internationalen Veranstaltungsbetrieb in der Stadt haben?

7. Selbst bei guten Wetterbedingungen wird es mit einem Flughafen schwierig werden, den regionalen mit dem nationalen wie internationalen Flugbetrieb zu verknüpfen angesichts der großen und schnellen Maschinen im überregionalen Verkehr.

8. Viele Berlinerinnen und Berliner dürften dieselbe emotionale Bindung an Tegel wie an Tempelhof haben. Auch Tegel spielte während der Luftbrücke eine wichtige Rolle. Wenn die Flugsicherheit für Tempelhof als nicht ausreichend angesehen wird, müsste doch auch über Tegel neu nachgedacht werden oder soll im Umkreis von Berlin ein völlig neuer Flughafen entstehen?

Gewiß wird es noch weitere Aspekte geben, die bei der Entscheidung zur Schließung von Tempelhof geführt haben. Es wäre gut, auch diese zu kennen, denn je umfassender unser Wissen desto größer das Verständnis um das Für und Wider der Entscheidung.

Am 23. Juni 2008 stieß unser Lufthansa Flug Nr. 174 von Berlin nach Frankfurt/M pünktlich um 08:25 Uhr vom "Gate" ab. Kurz danach allerdings gab der Flugkapitän über Lautsprecher bekannt, dass wir verspätet abfliegen werden, weil über Berlin ein Flugstau herrschte. Das Wetter spielte dabei keine Rolle; auch stand keine Messe oder eine Großveranstaltung auf dem Programm.

Natürlich respektieren wir die Meinungen der zuständigen Experten. Doch fühlen wir uns leidenschaftlich mit Tempelhof verbunden. Wären wir also besser informiert, könnten wir auch besser die Beweggründe verstehen. Dann wäre es für uns auch leichter, unserem "alten Freund Tempelhof" ein trauriges Adieu nachzurufen.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Earl Moore, President Berlin Airlift Veterans Association

Gail S. Halvorsen, The Berlin Chocolate Pilot"