Bundesweite Razzia

Explosionsgefahr - Drogenlabore ausgehoben

In Berlin sind 50 Wohnungen durchsucht worden - Teil einer internationalen Razzia in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gesucht wurden gefährliche Chemikalien, aus denen Drogen hergestellt werden können - und auch Bomben. Solche Substanzen fanden die Ermittler tatsächlich in Berlin. Wegen akuter Explosionsgefahr mussten vier Häuser evakuiert werden.

Foto: th/top / DDP

Bei einer Großrazzia gegen illegale Chemikalienhändler und Drogenlabore sind am Mittwoch 600 Wohnungen und Betriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchsucht worden. Zwei Chemikalienhändler aus dem Großraum München und der Lüneburger Heide stehen im Verdacht, via Internet Chemikalien zur Herstellung von Amphetamin und anderen synthetischen Drogen zu verkaufen, teilten das bayerische Landeskriminalamt und die niedersächsische Polizei mit. Durchsucht wurden auch 50 Wohnungen in Berlin und neun in Brandenburg.

Nach Angaben der Polizei in Lüneburg fanden die Durchsuchungen zumeist bei Kunden der beiden Internethändler statt. "Ziel der Durchsuchungsmaßnahmen ist es, Drogenlabore zu finden und daraus stammende verbotene Substanzen zu beschlagnahmen", sagte Polizeisprecher Thomas Mellentin. Die vertriebenen Chemikalien fielen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, wohl aber die Produkte, die man daraus herstellen könne – nämlich Drogen als auch Sprengstoff.

Die beiden verdächtigen Händler sollen nach Angaben der Ermittler auch erhebliche Mengen des Reinigungsmittels Gamma-Butyrolacton GBL verkauft haben. Die Substanz wandelt sich im Körper von selbst in die Droge GHB um, die auch als "Liquid Ecstasy" bekannt ist. "Das hat das gleiche Suchtpotenzial wie Heroin, Kokain oder Ecstasy", sagte ein Polizei-Sprecher. Außerdem ist das flüssige Rauschmittel aus Vergewaltigungsfällen bekannt. Die Opfer würden dadurch willenlos und könnten sich später an nichts mehr erinnern. Die Polizei vermutet, dass mehrere Todesfälle mit der Einnahme der Stoffe in Zusammenhang stehen.

Hochexplosive Stoffe in Wohnhaus gefunden

In Neukölln wurden Wohnungen in der Hermann- und Donaustraße durchsucht. Im Bezirk Pankow fanden dann die Ermittler in der Wollankstraße 123 in einer Remise die gesuchten gefährlichen Substanzen. Das Drogen-Labor wurde angeblich von einem 16-Jährigen betrieben. "Es muss jetzt dringend geklärt werden, ob aus dieser Remise heraus bereits Sprengstoff verkauft wurde und wo dieser abgeblieben ist", so ein Beamter.

Das Haus und drei weitere wurden evakuiert, denn die dort gefundenen chemischen Stoffe sind hochexplosiv und laut Polizei "instabil". Weil ein Transport zu gefährlich schien – die Substanz hätte allein durch Bewegung explodieren können – verbrannten Kriminaltechniker die Chemikalien zum Teil vor Ort. Die Experten hatten die die gefährlichen Chemikalien mit einer Spezialausrüstung zuvor untersucht. Die Wollankstraße wurde zwischen Flora- und Wilhelm-Kuhr-Straße gesperrt, erst nach zwei Stunden war die Gefahr gebannt.

"Bei den Verdächtigen in Berlin handelt es sich um die Endabnehmer der Chemikalien, die diese dann umwandelten", so ein Beamter. Die Ermittlungen gegen sie dauern noch an, Festnahmen wurde nicht bestätigt. Im Fadenkreuz der Ermittlungen steht auch der Berliner Roland B. Der 26-Jährige war der Polizei bereits im November des vergangenen Jahres aufgefallen.

Damals hatte der Mann bei einem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy an einer Reinickendorfer Schule versucht, die Polizeiabsperrungen zu umgehen und war auf die beiden zugelaufen, bevor er von Personenschützern gestoppt werden konnte. Roland B. selbst sagte Morgenpost Online, dass er die Politiker nicht habe verletzen wollen. Gegen ihn war wegen Waffen- und Sprengstoffbesitzes ermittelt worden.

Zu der Razzia vom Mittwoch sagte er: "Als ich in den Morgenstunden nach Hause kam, hatten neun Beamte meine Räume bereits durchsucht, weil ich in dem Online-Shop verschiedene Säuren und Chemikalien gekauft hatte, darunter auch KO-Tropfen." B. wollte angeblich niemanden schaden, sondern interessiere sich nur für Sprengstoffe und Chemikalien. Die Polizei glaubt diese Version nicht: "Niemand versorgt sich aus Sammelleidenschaft mit solchen Stoffen", sagte ein Beamter.

Razzien auch in der Schweiz

Hintergrund der Razzia sind zwei Ermittlungsverfahren, die von den Staatsanwaltschaften in München und im niedersächsischen Verden gegen die Chemikalienhändler und ihre Kunden geführt werden. Der Internethändler aus Niedersachsen unterhalte in der südlichen Lüneburger Heide ein Warenlager und eine Verkaufsstelle, sagte Mellentin. Der 39-Jährige werden zusätzlich verdächtigt, zur Herstellung von Sprengstoffen geeignete Chemikalien verkauft zu haben. Man habe bei der Razzia auch eventuelle Labore zur Herstellung von Sprengstoff im Blick gehabt.

Die Schweizer Polizei führte im Rahmen der international abgestimmten Aktion in 17 Kantonen Hausdurchsuchungen und Befragungen durch. Es bestehe der Verdacht, dass in einigen der durchsuchten Objekte Labors zur Herstellung von Betäubungsmitteln auf Basis chemischer Stoffe betrieben worden seien, erklärte das Schweizer Bundesamt für Polizei. In Österreich gab es drei Hausdurchsuchungen. Dabei fanden Ermittler in der Steiermark ein kleines sogenanntes Küchenlabor. In den beiden anderen Objektes wurde nach Angaben des Innenministeriums in Wien nichts Verdächtiges gefunden.

In Deutschland liefen die Durchsuchungen um 06.30 Uhr zeitgleich in allen Bundesländern an. Dabei seien mehrere Labore gefunden worden, teilte LKA-Sprecher Ludwig Waldinger in München mit: "In einem Objekt haben wir einen Lastwagen gebraucht zum Abtransport der sichergestellten Chemikalien." Vor der internationalen Großrazzia hatten das bayerische LKA und die Kripo in Lüneburg mehrere Monate gegen die beiden Internethändler ermittelt. Das stark lösungsmittelhaltige GBL wird in Deutschland nur von BASF hergestellt und als Bestandteil für Reinigungsmittel verkauft. Um Missbrauch zu vermeiden, meldet BASF private Käufer an die Behörden. Über genaue Ergebnisse der Razzia wollen Polizei und Staatsanwaltschaften am Donnerstag informieren.

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