Denk- und Kampfsport

Berliner verliert WM-Titel im Schachboxen

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Anne-Christine Merholz

Foto: bes/nid / DDP

Der Berliner Schachboxer Frank Stoldt hat den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht verloren. Er unterlag in Berlin dem Russen Nikolay Sazhin in der fünften Runde nach Aufgabe. Der 37-jährige Bereitschaftspolizist musste damit die erste Niederlage in seiner dreijährigen Schachbox-Karriere hinnehmen.

Frank Stoldt (37) hat sich die Kapuze von seinem seidenen Bademantel tief ins Gesicht gezogen. Das Publikum jubelt bei seinem Weg zum Boxring. Dort wartet Nikolay Sazhin – der 19-jährige Herausforderer und Mathematikstudent aus Russland. Begrüßung, Platznehmen auf den kleinen schwarzen Hockern – die Schachpartie beginnt. In höchstens elf Runden, davon sechs Schach- und fünf Boxrunden, wird beim Schachboxen entweder durch K. o. oder Schachmatt der Sieger gekürt. „Schachboxen ist das Biathlon der 21. Jahrhunderts. Zwei Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, aber in sich wesensverwandt sind“, erklärt Rainer Gabriel, Schachkommentator.

Schwarz zieht einen Bauern – eine typische Eröffnung. Beide, in Boxershorts mit nacktem Oberkörper, beugen sich tief über den Tisch.

Ring frei für die Boxrunde: Nikolay „The Chairman“ Sazhin bedrängt mit einer knallharten Links-Rechts-Kombination Frank „Anti Terror“ Stoldt. Das Publikum stöhnt auf. Die knapp 1000 Besucher in den Premium-Hallen in Kreuzberg sind bunt gemischt: zwei Germanistikstudenten mit Bierflasche, eine Blondine mit Champagnerglas, daneben knutscht ein Punkerpärchen.

Besucher Sams Tiller (26) ist zum zweiten Mal beim Schachboxen dabei. „Der Reiz ist, dass die Kontrahenten eben keine Vollprofis sind. Hier geht es nicht um Tricks, Millisekunden und Grundstrategien. Es ist viel körperlicher und emotionaler“, sagt er.

Die Sportler sind wieder auf dem Weg zum Brett, um Läufer, Springer und Damen zu schlagen. Das Schwierige sei, das Adrenalin aus dem Boxkampf zu kontrollieren, man mache gerade in den ersten Zügen grobe Fehler, sagen die Kommentatoren. Der Russe startet einen Angriff auf die Dame. Alle in der Halle sehen es auf der Leinwand, nur Frank Stoldt übersieht den Angriff. Nikolay Sazhin nimmt ihm die Dame. Das Spiel ist aus, der Weltmeister gibt auf, Nikolay Sazhin gewinnt in der 5. Runde und ist neuer Schachboxweltmeister im Halbschwergewicht. „Diesen Sieg widme ich meiner Mama und meinem Papa“, sagt der 19-Jährige und springt auf den Seilen in den Ecken des Boxrings.

Frank Stoldt ist enttäuscht, zeigt aber Respekt vor seinem Gegner. „Nikolay ist ein Riesentalent und heute Abend sowohl im Boxen wie auch im Schachspielen einfach besser gewesen als ich.“ Er habe beim Boxen unheimlich Druck gemacht und sehr beeindruckt. "Ich hätte von ihm mehr Respekt gegenüber meinem Alter erwartet.“ Nach der Niederlage schloss Stoldt ein Ende seiner Schachbox-Karriere nicht aus. „Ich kann im Augenblick noch nicht sagen, ob ich weitermache. Momentan habe ich aber keine große Lust mehr.“

Sazhin hofft indes, den ungewöhnlichen Sport mit seinem Sieg in Russland populärer zu machen. „Ich möchte ein Vorbild für russische Schachboxer sein“, sagte der Mathematikstudent. „Schachboxen soll der beliebteste Sport in meiner Heimatstadt Krasnojarsk werden.“

Die Kombination aus Denk- und Kampfsport ist eine Erfindung des Aktionskünstlers Iepe Rubingh. 2003 organisierte er erste Schaukämpfe in Berlin und gründete dort den weltweit ersten Schachbox-Verein, dem heute 40 Mitglieder angehören. Einen weiteren Club gibt es seit 2008 in London.