Wahl in den Bezirken

Mitte – ein Bezirk zwischen zwei Welten

In Mitte bestimmen die Touristen schon morgens das Geschehen, in Wedding nehmen die sozialen Probleme zu.

Foto: Marion Hunger

Morgens um zehn Uhr am Hackeschen Markt: Die S-Bahn entlässt eine Menschenmenge, die sich die Treppe herunter schiebt. „Haben wir hier nicht zuletzt einen Latte Macchiato getrunken?“, fragt eine ältere Dame im Kostüm, die Haare kunstvoll mit vielen kleinen Spangen hochgesteckt. „Stimmt genau“, sagt ihre Begleiterin, und beide hasten weiter. Ihre Rollkoffer rattern über das Kopfsteinpflaster. Auf dem Platz vor dem S-Bahn-Viadukt spannen Kellner die Sonnenschirme auf und machen gleichzeitig die Terrassenheizer an. Es ist noch kühl. Reisegruppen sammeln sich, Pärchen mit Rucksäcken beugen sich tief über Stadtpläne. Souvenirs, Sushi und Tapas – alles ist wieder zu haben in Mitte.

Morgens um zehn Uhr am Leopoldplatz in Wedding, einem anderen Stadtteil des großen Bezirks Mitte: Drei Marktwagen, an denen Fleisch, Käse und Brot angeboten werden, verlieren sich auf dem riesigen Platz vor der Alten Nazarethkirche, ein paar Händler bieten an ihren Ständen Obst, Gemüse, stapelweise Leggins und Socken im Zehnerpack an. „Die meisten trauen sich wohl nicht her“, sagt Anka Gnoth vom Biogemüsestand mit Blick auf die wenigen Händler. Andere Märkte wie der am Kollwitzplatz liefen eben besser. „Da haben die Leute mehr Geld“, sagt die 25-Jährige. Neben dem Markt steht eine Gruppe an einem Bauzaun – Männer und Frauen mit Basecap, Plastiktüten, Bierflaschen. Seit kurzem haben die Trinker einen eigenen abgegrenzten Bereich hinter der Kirche mit Bänken, Toiletten und Tischtennisplatte, aber dort halten sich gerade nur fünf Männer auf. Auf der Tischtennisplatte stehen Flaschen.

Die Kandidaten für Mitte:

>>> Christian Hanke (SPD)

>>> Andrea Fischer (Grüne)

>>> Carsten Spallek (CDU)

Ein Bezirk – zwei Welten. Regierungsviertel und Problemkieze, historische Prachtbauten und unsanierte Altbauten, Touristenströme und Trinkerszene, bildungsbewusste Eltern in Mitte und bettelnde Roma-Kinder in Moabit – das alles ist der Bezirk Mitte, wo am 18.September ein neues Bezirksamt gewählt wird. Mitte: Mehr als 300000 Einwohner wohnen in Berlins zentralem Bezirk, 44,5 Prozent sind Einwanderer oder Migranten. 80000 Menschen beziehen Zahlungen vom Jobcenter. Etliche Bewohner werden zunehmend durch steigende Mieten aus ihren Kiezen verdrängt.

Erst kürzlich setzte Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) die dringlichsten Probleme auf die Tagesordnung seines Bezirksamts: Chancengleichheit in der Bildung, Hilfe für Langzeitarbeitslose, Förderung der Kindergesundheit, eine bessere soziale Mischung und die Aufwertung von Kiezen wie Tiergarten-Süd, Wedding und Gesundbrunnen. Neue Projekte und gezielte Aktionen sollen helfen, den Bezirk zu einer Einheit werden zu lassen – und doch gibt es immer noch unsichtbare Grenzen.

Eine davon liegt an der Bernauer Straße. Sie trennt Alt-Mitte mit seinen Galerien, Ökoläden, Loftbüros und Yogastudios von der grauen Platte, Discountern und Leerstand in Wedding. Jeden Morgen überschreitet Keno diese unsichtbare Grenze, das zweite Jahr bereits. Der Siebenjährige wohnt in Alt-Mitte und geht in Wedding zur Schule. Die Gustav-Falke-Schule an der Strelitzer Straße war zunächst nicht die Wunschschule seiner Eltern. Eigentlich machten sie sich für die Wiedereröffnung von drei geschlossenen Grundschulen in Alt-Mitte stark. In einem Fall erfolgreich – die Schule am Koppenplatz nahm wieder Kinder auf. Doch die war für Keno zu weit entfernt. „Unser Plan B war, dass an der Gustav-Falke-Schule etwas passiert, damit wir die Kinder dorthin schicken wollen“, erzählt Kenos Mutter. Denn die 40-Jährige hatte große Bedenken, dass ihr Sohn mit nur rund zehn Prozent deutschen Muttersprachlern in einer Klasse unterfordert sei. Die Eltern erstellten eine Wunschliste: maximal 24 Kinder in einer Klasse, Englisch und naturwissenschaftlicher Unterricht von der ersten Klasse an und altersangemessene Deutschkenntnisse bei allen Kindern. Mit der sogenannten Deutsch-Garantie-Klasse wurde die Gustav-Falke-Schule bundesweit bekannt. Bangte Schulleiterin Karin Müller anfangs noch um ausreichend Anmeldungen für eine Klasse, sprechen die neuen Zahlen für den Erfolg des Modells. In diesem Schuljahr konnte sie zwei komplette Klassen mit Kindern eröffnen, die den Deutschtest bestanden hatten. Mittlerweile kämen sogar Anfragen aus Reinickendorf, sagt Karin Müller. Für sie ein Beweis, dass sie mit ihrem Konzept auf dem richtigen Weg ist. Im November wird Kenos Schwester an der Gustav-Falke-Schule angemeldet.

Roma-Kinder werden integriert

Doch nicht nur die soziale Mischung von Kindern aus bildungsfernen und bildungsbewussten Elternhäusern bleibt eine Herausforderung. Auch die Integration der Roma-Kinder in den Schulalltag muss der Bezirk Mitte bewältigen. Etwa 150 Rumänen haben sich in Moabit in der Turmstraße angesiedelt. Um die Kinder aufzufangen, hatte der Bezirk eine Sommerschule gegründet. 25 Kinder wurden dort betreut und auf die Schule vorbereitet, acht konnten eingeschult werden. Der Zuzug wird anhalten, das Problem der Integration der Neuankömmlinge den Bezirk weiterhin beschäftigen, davon geht Bezirksbürgermeister Christian Hanke aus.

Die Turmstraße ist nicht nur durch den starken Zuzug der Rumänen in den Blickpunkt geraten. Die derzeitige Umgestaltung des Ottoparks und des Kleinen Tiergartens hat mehrere Bürgerinitiativen auf den Plan gerufen. 113 Bäume sollen gefällt werden. Mindestens 53 könnten gerettet werden, sagt Anwohner Karl Amannsberger. Bei einem Rundgang zeigt er die Bäume, die bereits eine weiße Plakette bekommen haben, Bäume, die teilweise nur die Sicht oder den Platz für das künftige Spielfeld nehmen. Der 60-jährige Physiker hat mit anderen Berlinern eine Unterschriftenaktion gestartet, einige Hundert Unterschriften sind schon zusammengekommen. Er wolle nicht die Umgestaltung der Parkanlagen verhindern, sagt Amannsberger. Mit dem Ziel, einen angenehmeren Aufenthaltbereich zu schaffen, stimme er überein. Aber der Moabiter fordert die Anpassung der Liege- und Spielflächen an den bestehenden Baumbestand. „Die grüne Lunge Moabits muss erhalten bleiben“, sagt Amannsberger.

Auf dem Leopoldplatz ist der Umbau bereits in vollem Gang. Viel ist schon geschehen, seit sich eine Bürgerplattform von etwa 40 Gruppen für die Umgestaltung stark macht. Straßensozialarbeiter kümmern sich um Suchtkranke, kostenlose Toiletten stehen zur Verfügung, und die Polizei ist verstärkt im Einsatz. „Das sind bereits wesentliche Verbesserungen“, sagt Susanne Sander, Koordinatorin der Bürgerplattform Wedding/Moabit. Der Trinkerbereich soll jetzt noch überdacht werden. Im November dieses Jahres – so die Planung – wird der Umbau des Leopoldplatzes mit Spiel- und Aufenthaltsbereichen abgeschlossen sein.

Die Händler sind unzufrieden

Für Anka Gnoth am Gemüsestand sind die Verbesserungen auf dem Platz noch nicht so ersichtlich. Sie ist auch erst ein halbes Jahr auf dem Markt. „Trostlos“ würde sie den Leopoldplatz beschreiben, auf dem sie auch manchmal beschimpft wird, weil ihre Bioprodukte teurer sind als an den anderen Ständen. „Das Milieu hier ist teilweise schlimm“, sagt Anka Gnoth. Sie habe gerade auf der Toilette erlebt, wie eine Prostituierte mit schnell verdienten 200 Euro angab und eine Bekannte ermunterte, doch auch „anschaffen“ zu gehen. Die Alkoholiker verhielten sich jetzt noch ruhig, das ändere sich aber im Laufe des Tages, so Anka Gnoth.

Die Kandidaten für Mitte:

>>> Christian Hanke (SPD)

>>> Andrea Fischer (Grüne)

>>> Carsten Spallek (CDU)

Das sei nicht mehr ihr Kiez, sagt die 25-Jährige. Während des Studiums hat sie selbst in Wedding gewohnt. Die authentische Atmosphäre fand sie damals toll. „Hier geht es nicht um sehen und gesehen werden wie am Hackeschen Markt“, sagt die Agrarwissenschaftlerin, die eigentlich Musikerin ist und sich am Marktstand etwas Geld dazuverdient. Aber obwohl sie unzufrieden ist, sieht sie auch die Veränderungen im Kiez: Viele kleine Klubs, Salons und Vereine haben sich in Ladengeschäften und Wohnungen eingerichtet. Dort etabliert sich eine neue Szene mit Künstlern und Studenten, die auch Anka Gnoth zu schätzen weiß. Sie hat in Wedding bereits einige Bühnen für ihre Salonkonzerte gefunden. Vielleicht gewinnt sie ja auch den Kiez wieder lieb.