Wahl in den Bezirken

Steglitz-Zehlendorf leidet unter Verkehrslärm

In Steglitz-Zehlendorf sorgt der Verkehrslärm für Ärger. Viele Menschen wehren sich gegen die zunehmende Belastung.

Foto: Amin Akhtar

Die Sonne steht schon tief und im Irish Pub am Ende der Steglitzer Zimmermannstraße haben sich etliche Kiezbewohner auf ein Feierabendbier versammelt. Der Wirt, den hier alle nur Torsten nennen, kommt mit einem Tablett voller Getränke heraus. Plötzlich drückt ein Autofahrer auf der Kreuzung vor der Kneipe energisch auf die Hupe, um sich die Vorfahrt zu erzwingen. Torsten zuckt zusammen, die Gläser geraten ins Wanken. In letzter Sekunde bringt der junge Mann das Tablett in Sicherheit, dann haut er mit der Faust auf den Tisch und ruft: „Ich gründe eine Bürgerinitiative.“ Diese Hupkonzerte vor der Haustür habe er satt. Sie störten nicht nur ihn, sondern auch seine Gäste und die Feierabendruhe.

Seine Idee löst am Stammtisch draußen vor der Kneipe eine spontane Debatte aus. „Ich bin dabei“, sagt eine Krankenschwester. Sie arbeitet im Schichtdienst und muss wegen des Lärms auf der Straße immer mit Ohrenstöpseln schlafen. „Vielleicht sollte man gleich Tempo 30 im Kiez fordern?“, fragt ein Techniker. Der Dramaturg neben ihm geht noch einen Schritt weiter: „Ich würde die Zimmermannstraße am liebsten zur Anwohnerstraße erklären.“ Dann käme es nicht ständig zu diesen Problemen in der engen Straße. „Wenn wir schon dabei sind, lassen wir auch noch den morschen Ast absägen, der mir das Licht vor meinem Fenster nimmt“, fordert eine Managerin im Textilgewerbe.

Schwarz-Grün hat gespart

Was an diesem Feierabend im Kiez zwischen Schloßstraße und Lepsiusstraße im kleinen Kreis diskutiert wird, spiegelt die Problemlage im gesamten Bezirk wider. Zunehmender Lärm und Verkehr, Tempo-30-Zonen: Das sind einige der Themen, die in Steglitz-Zehlendorf mit knapp 300.000 Einwohnern immer wieder diskutiert werden. Und die auch die Bezirkpolitiker nach der Wahl am 18. September beschäftigen werden.

Vor fünf Jahren rückte der Bezirk im Südwesten Berlins in den Fokus des politischen Interesses, als sich die Bezirksverordneten zur ersten schwarz-grünen Zählgemeinschaft in Berlin zusammenschlossen. Schwarz-Grün in Berlin, wenn auch nur auf Bezirksebene – geht das überhaupt? Die anfängliche Skepsis ist nach fünf Jahren gewichen. „Ruhige Zeiten ohne grundsätzliche Probleme“, mit diesen Worten wird die Legislaturperiode von vielen Bezirksverordneten beschrieben.

Nach einer schwarz-grünen Bilanz gefragt, spricht Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) von einer „guten Zusammenarbeit und einer guten Option für den Bezirk“. Kopp erwähnt die solide Finanz- und Personalpolitik – Steglitz-Zehlendorf konnte immerhin acht Millionen Euro Rücklagen bilden –, die Investitionen in die Sanierung und Ausstattung von Schulen und 1000 neue Straßenbäume, die für 5000 gefällte Bäume neu gepflanzt wurden.

Der Südwesten hat unter Schwarz-Grün einiges geschafft in den vergangenen fünf Jahren. Die Schloßstraße wurde umgebaut. Obwohl die Meinungen über die nur noch einspurige Fahrbahn und die breiteren Gehsteige – die doch wieder mit Autos zugeparkt sind – auseinandergehen, gibt es die eine Gruppe, die sich über die Neugestaltung freut: Die Radfahrer, die auf einer eigenen Spur auf der Einkaufsstraße vorankommen. Das vierte Einkaufszentrum ist im Bau und wird nächstes Jahr als „Boulevard Berlin“ eröffnet und der Bierpinsel hat mit Larissa Laternser eine neue Eigentümerin gefunden. Die junge Frau will nicht nur aus dem Restaurantturm eine neue Adresse für gehobene Gastronomie machen. Ihre Pläne gehen weiter und betreffen die Zukunft der gesamten Schloßstraße. Sie will die Wissenschaft aus den Elfenbeintürmen der zahlreichen Institute und Forschungszentren im Südwesten in die Öffentlichkeit holen und Experten und Professoren ein Forum in der Schloßstraße geben. Ein Vorhaben, das auch Wirtschaftsstadträtin Barbara Loth (SPD) mit einer Wissenschaftsmeile auf der Einkaufstraße unterstützt. Und schließlich hat sich sogar auf der Bühne des Schlosspark-Theaters unter prominenter Leitung von Dieter Hallervorden der Vorhang wieder gehoben. Unklar ist nach wie vor die Zukunft des Steglitzer Kreisels, doch dafür muss der Senat eine Lösung finden.

Die Kandidaten für Steglitz-Zehlendorf:

>>> Norbert Kopp (CDU)

>>> Barbara Loth (SPD)

>>> Christa Markl-Vieto (Grüne)

Dennoch gibt es auch in Steglitz-Zehlendorf, das in einem neuen Kiez-Führer der Berliner Tourismus- und Kongress GmbH als „reich und schön“ beschrieben wird, Themen, die die Menschen aufregen und in Bürgerinitiativen zusammenführen. Dazu gehört der Lärm, der nicht nur in Anwohnerstraßen oder an der Avus in Nikolassee ein Problem ist. Auch der zu erwartende Fluglärm nach der Inbetriebnahme des Großflughafens BER in Schönefeld regt viele Menschen auf. Nur Stunden nach der Bekanntgabe der neuen Flugrouten über den Wannsee hatte eine Bürgerinitiative den Protest gegen den zu erwartenden Fluglärm aufgenommen. Länger als ein halbes Jahr dauerte der Streit, in den sich auch Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) als Mitglied der Fluglärmkommission eingeschaltet und hinter die Bürgerinitiative gestellt hatte, bis für den Südwesten Berlins eine vertretbare Lösung gefunden wurde. Noch aber ist die Debatte nicht zu Ende. Die An- und Abflugrouten können auch nach der Eröffnung des BER noch verändert werden.

Gegen den zunehmenden Lärm und Verkehr ist seit mehr als zehn Jahren eine andere Bürgerinitiative im Viertel rund um die Curtiusstraße in Lichterfelde-West aktiv. Damals sollte in der Straße ein Supermarkt gebaut werden. Die Anwohner zogen dagegen vor Gericht und gewannen. Drei Jahre später genehmigte das Bauamt dann doch einen Markt im Gewerbegebiet. „Heimlich“, wie der Sprecher der Bürgerinitiative, Friedrich F. Zuther, sagt. Jetzt will ein Investor sogar noch zwei weitere Supermärkte in der Straße ansiedeln. Doch diesmal haben sich die Anwohner Verbündete gesucht: Sie haben die Bezirksverordneten auf ihrer Seite, die jetzt das Bauamt aufforderten, statt Gewerbe ein Wohngebiet im Bebauungsplan für das Areal zuzulassen. „Im Moment ruht die Sache“, sagt Zuther. Aber nach der Wahl am 18. September gehe es weiter. Bereits vor einigen Jahren haben die Lichterfelder Tempo 30 in der Curtiusstraße durchgesetzt. Nächstes Ziel der Bürgerinitiative: Tempo 20 oder LKW-Verbot auf den Pflasterstraßen zwischen Drake- und Köhlerstraße. „Dort rumpelt es so sehr, da wackeln die Tassen im Schrank“, sagt der Zuther.

Exklusive Wohnungen geplant

Auch das Bauprojekt auf dem ehemaligen Volksfestgelände „Truman Plaza“ zwischen Hüttenweg, Argentinischen Allee und Clayallee hat eine Bürgerinitiative auf den Plan gerufen. Auf dem etwa 50000 Quadratmeter großen Gelände will der Investor, die Projektentwickler Stofanel, exklusive Wohnhäuser errichten. Im benachbarten Gewerbegebiet entsteht ein Büro- und Einzelhandelskomplex mit vier- bis sechsgeschossigen Gebäuden. Der Bebauungsplan ist beschlossen. Mehr als 200 Einsprüche sind von den Anwohnern im Bauamt eingegangen. Sie befürchten, dass die Händler an der Ladenstraße am U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte unter dem Einkaufszentrum zu leiden haben. Architekten wiederum kritisieren den geplanten Sechsgeschosser, der nicht ins Umfeld der Siedlung mit offener Bauweise passe. Die Kritiken der Anwohner werden jetzt im Stadtplanungsamt geprüft.

Die Kandidaten für Steglitz-Zehlendorf:

>>> Norbert Kopp (CDU)

>>> Barbara Loth (SPD)

>>> Christa Markl-Vieto (Grüne)

An der Zimmermannstraße wird über die Gründung einer Bürgerinitiative wohl noch länger diskutiert werden. Die Anwohner behalten – gemeinsam mit Wirt Torsten – aber ganz sicher die Kreuzung an der Lepsiusstraße im Blick. Dass bis auf ein paar Blechschäden noch nichts weiter passiert ist, ist für alle ein Wunder. Vielleicht hat lautes Hupen bislang ja schlimmere Unfälle verhindert.