Wahl in den Bezirken

Reinickendorf wird dank BBI ruhiger

In Reinickendorf wird es in Zukunft etwas ruhiger zu gehen, wenn der Flughafen in Tegel im Jahr 2012 geschlossen wird. Nicht alle Einwohner freut das.

Foto: BMO

Der erste Reflex ist: Abducken. Donnernd bewegt sich das Flugzeug über den Giebel des Häuserblocks – scheinbar im Sturzflug. Doch die Passanten am Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf gehen ungerührt ihres Weges. Und tatsächlich wiederholt sich die Szenerie im Drei-Minuten-Takt. Noch, denn mit der Inbetriebnahme des Hautstadtflughafens BER in Schönefeld am 3. Juni 2012 soll der Flughafen Tegel geschlossen werden.

Für viele der knapp 194000 Reinickendorfer, die am 18. September eine neue Bezirksverordneten-Versammlung (BVV) wählen sollen, ist der alte Berliner Flughafen ein wichtiges Zukunftsthema. Die Pläne des Senats, auf dem 460 Hektar großen Gelände nach der Stilllegung einen „Forschungs- und Industriepark für Zukunftstechnologien“ zu entwickeln, decken sich mit den Vorstellungen des Bezirksamtes. Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) fordert jedoch, „dass das Gelände schon jetzt vermarktet wird“. Ziel müsse es sein, schnell Nachnutzer anzusiedeln. Rund 5000 Arbeitsplätze gehen mit der Schließung des Flughafens Tegel in Reinickendorf verloren. Für den Bezirk, dessen Arbeitslosenquote mit zuletzt 16,3Prozent um drei Prozentpunkte über dem Berliner Durchschnitt lag, eine erhebliche Belastung.

Hochburg der CDU

Reinickendorf ist ein Bezirk der Gegensätze. Ländliche Ortsteile wie das dörfliche Lübars zählen ebenso zum Bezirk wie Trabantenstädte wie das Märkische Viertel. 40 Prozent des Außenbezirks bestehen aus Wasser, Wald und Feldern. Zugleich gehört der Nordwesten Berlins mit rund 100 verarbeitenden Betrieben noch immer zu Industrieschwerpunkten der Stadt. Der Ausländeranteil ist im Berlin-Vergleich niedrig, das Haushaltseinkommen der Reinickendorfer überdurchschnittlich hoch. Dennoch sind Stadtviertel wie der Lettekiez so weit abgerutscht, dass Quartiersmanager die soziale Schieflage verbessern sollen. Und: Reinickendorf gilt als CDU-Hochburg in Berlin. In der Bezirksverordnetenversammlung verfügt die Union über eine absolute Mehrheit.

Die Kandidaten für Reinickendorf:

>>> Frank Balzer (CDU)

>>> Andreas Höhne (SPD)

Bezirksbürgermeister Balzer betrachtet das Ende des innerstädtischen Flughafens Tegel durchaus auch als Chance für seinen Bezirk. „70000 Reinickendorfer werden von Fluglärm entlastet, wenn Tegel schließt“, sagt er. Der CDU-Politiker erwartet, dass dann auch in Problemkiezen wie dem Quartier um den Kurt-Schumacher-Platz oder in Reinickendorf-Ost die Wohnqualität steigt. „Die Kieze werden eine Aufwertung erfahren, und das wird sich im Sozialgefüge widerspiegeln“, prognostiziert er. Selbst soziale Brennpunkte würden dann wieder für eine gut verdienende Mittelschicht attraktiv sein. Auch von Billiganbietern und Spielhallen dominierte Geschäftsstraßen wie die Residenzstraße könnten von steigender Kaufkraft profitieren, hofft Balzer. Sozialstadtrat Andreas Höhne (SPD), der Balzer den Bürgermeisterposten streitig machen möchte, warnt hingegen davor, dass in den Vierteln entlang der Einflugschneise nach der Tegel-Schließung die Mieten so schnell steigen könnten, dass alteingesessene Reinickendorfer verdrängt werden.

Auch im „Bierstübl am Kutschi“, am Kurt-Schumacher-Platz, ist die Stilllegung des Flughafens ein großes Thema. Barfrau Sabine Braune ärgert sich über die Schließung: „An den Lärm haben wir uns hier alle längst gewöhnt. Und eine Stadt wie Berlin kann doch zwei Flughäfen vertragen.“ Auf der anderen Seite des Tresens widerspricht Herbert Gast vehement: „Bei mir, an der Dahnstraße, fliegen die so tief, dass ich den Piloten im Cockpit grüßen kann. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.“ Die Meinungen sind vielfältig: Hausbesitzer hoffen, dass der Wert ihrer Immobilien steigen wird, diejenigen, die gerne verreisen, klagen schon jetzt über die weite Anfahrt zum neuen Flughafen Schönefeld.

Auch Andrea Lorenz wird wegen des Flughafens „viele Tränen vergießen“, wie sie sagt. Die 51-Jährige leitet auf dem früheren Borsiggelände die Berliner Niederlassung der Getzner Werkstoffe GmbH – ein Unternehmen, das Dämpfer zur Verhinderung von Schwingungen im Bahn- und Industriebau herstellt und weltweit vertreibt. „Natürlich können und werden wir uns den neuen Gegebenheiten anpassen“ sagt die Diplom-Kauffrau. „Aber für uns und unsere Besucher war der Flughafen in der Nähe natürlich ideal.“

Auf dem früheren Werksareal der Firma Borsig im Reinickendorfer Ortsteil Tegel ist ein moderner Wirtschaftsstandort für Dienstleister, neue Technologien, Handel und Freizeit entstanden. Andrea Lorenz ist begeistert von den Bedingungen auf dem historischen Gelände. „Der Standort ist optimal“, sagt die Prokuristin. „Wir haben hier alles, was wir brauchen: eine gute Verkehrsanbindung, ein großes Einkaufszentrum gegenüber, und unsere Geschäftspartner können wir hier direkt im Hotel unterbringen.“ Auch für sie selbst, Chefin von zehn Angestellten, könnte der Arbeitsplatz kaum günstiger liegen. Schon ihre Eltern lebten in Frohnau. Andrea Lorenz und ihr Mann sind dem Villenquartier, angelegt im Stil einer englischen Gartenstadt, treu geblieben. 15 Minuten mit dem Auto benötigt die Niederlassungsleiterin von ihrem Privathaus ins Büro im achten Stock des backsteinernen Borsigturms aus dem Jahre 1922. Von hier aus hat sie einen weiten Blick über die Stadt und auf die touristischen Höhepunkte ihres Heimatbezirks: den Tegeler Forst und die Havel mit den Anlegern der Greenwichpromenade. Von dort kann sie auch die Insel im Tegeler Hafen sehen, die die Reinickendorfer Bezirkspolitiker schon seit langer Zeit beschäftigt: Die Insel, von Anwohnern gern für einen Spaziergang genutzt, wurde vom Bezirksamt an den Liegenschaftsfonds abgegeben und verkauft. Doch der russische Investor sprang wieder ab. Von den geplanten Stadtvillen blieben nur Sperrzäune und rostiges Baugerät.

Tempo 30 auf der Frohnauer Straße

Andrea Lorenz fühlt sich in Reinickendorf zwar rundum wohl, aber ein paar Dinge ärgern auch sie. Zum Beispiel das Tempolimit auf der Frohnauer Straße. Wegen Straßenschäden ist die Höchstgeschwindigkeit auf der wichtigen Zufahrtsstraße in die „Gartenstadt“ neuerdings auf 30 Stundenkilometer begrenzt. Andrea Lorenz hat kein Verständnis dafür, dass eine von nur drei Zufahrtsstraßen in ihren Ortsteil nicht instand gehalten wird. „Zugleich ist hier gerade erst die Straße Am Borsigturm aufwendig saniert worden, obwohl sie bestimmt nicht so eine große Bedeutung für den Verkehr hat“, sagt die Geschäftsfrau.

Die Kandidaten für Reinickendorf:

>>> Frank Balzer (CDU)

>>> Andreas Höhne (SPD)

Einige hundert Meter vom Borsiggelände entfernt, auf der Fußgängerzone Gorkistraße, zeigen andere Reinickendorfer jeden Freitag ihren Ärger. Eltern und Lehrer demonstrieren mit Mahnwachen dafür, dass die Hannah-Höch-Grundschule und die Greenwich-Oberschule im Märkischen Viertel doch noch zu einer Gemeinschaftsschule verschmelzen dürfen. Die CDU hatte mit ihrer Mehrheit in der Bezirksverordnentenversammlung den geplanten Schulversuch, der bis zum Abitur führen sollte, gestoppt. Schulexperimente würden zu Lasten der Kinder gehen, heißt es zur Begründung.

Gerade für Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen oder Migrantenfamilien im Märkisches Viertel sei es gut, über die sechste Klasse hinaus gemeinsam zu lernen, sagt dagegen Elternvertreter Uwe Borkenhagen. Kommt die Gemeinschaftsschule nicht, will der 47-jährige Leiter einer Aufzugsfirma seinen achtjährigen Sohn und seine siebenjährige Tochter von der Höch-Schule nehmen und aufs Gymnasium schicken. „Viele andere Eltern werden es mir nachtun. Dann bleiben die lernschwachen Kinder zurück“, warnt Borkenhagen. Die Mahnwachen wollen die Eltern mindestens bis zum Wahltag am 18. September fortsetzen.