Wahl in den Bezirken

Der Kampf ums Ufer in Friedrichshain-Kreuzberg

Kämpferisch, unkonventionell und ein bisschen schrill. Das gilt sowohl für Friedrichshain als auch für Kreuzberg. Außerdem teilen beide das Spreeufer - und dort wird heftig über Bauvorhaben gestritten

Foto: Christian Kielmann

Kreuzberg ist von jeher anders als der Rest der Stadt. Auch Friedrichshain bekommt mehr und mehr dieses Image: kämpferisch, unkonventionell und ein bisschen schrill. Dem Bezirk gemeinsam ist das Spreeufer – beliebt und umkämpft. Mediaspree heißt das Gebiet, in dem Investoren seit Jahren bauen und weitere Projekte realisieren möchten. „Mediaspree versenken“ ist das Motto der Initiative, die die großen Bauvorhaben verhindern will. Eine Lösung muss das nächste Bezirksamt finden, das am 18. September neu gewählt werden wird.

Einer der Mitbegründer der Initiative, die die Hochhauspläne verhindern will, ist Carsten Joost. Der Architekt lebt seit 14 Jahren in Friedrichshain. Der Kampf um das „Spreeufer für alle“ sei ein wichtiger Teil seines Schaffens, sagt er. Auch nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid im Jahr 2008. Die Initiative setzte damals ihre Forderungen durch: ein öffentlicher Uferweg und keine Hochhäuser am Spreeufer. Bauten sollen nur noch die in Berlin übliche Traufhöhe von 22 Metern haben. Das Bezirksamt versucht seither, diese Forderungen umzusetzen: durch Kauf von Grundstücken, durch Verhandlungen und notfalls auch durch Enteignung des Uferstreifens. Doch der Bauboom im Spreegebiet hält an.

Daimler baut im nächsten Jahr

2012 sind wieder drei neue Bauvorhaben geplant. Nahe der O* World baut das Unternehmen Vivico ein Hochhaus, mit mehr als 50 Metern Höhe. Dort soll die Daimler-Vertriebszentrale einziehen, die ihren Standort am Potsdamer Platz verlässt. „Ein architektonischer Schnellschuss“, kritisiert Joost. „Die Zentrale hätte man auch in einem 22 Meter hohen Gebäude unterbringen können.“ Der Baubeginn ist für Herbst angekündigt. Im Osthafen will die Firma Hochtief ein Bürohaus bauen. Nur so hoch, wie es der Bürgerentscheid beschlossen hat, wird es dennoch von den Mediaspree-Gegnern abgelehnt. Wo jetzt noch die Strandbar „Maria am Ostbahnhof“ zu finden ist, will ein Hamburger Investor bauen. „Lofts, Büros und ein Hotel“ sagt Joost.

Die Strandbars am Spreeufer gehören zu den angesagtesten Orten in Berlin. Nicht nur für Besucher. Juval Dietziger hat mit Freunden zusammen die legendäre Bar 25 aufgebaut, war dort Küchenchef und wohnte fünf Jahre lang in einem Bauwagen auf dem Gelände in Friedrichshain. „Es war mein Zuhause“, sagt er. Eine Gruppe von 17 Menschen lebte auf dem Gelände, „wie eine große Familie“. Die Strandbar sei „ein kleines Dorf, mit Kino, Theater und zuletzt sogar einem Pool“ gewesen, erzählt Dietziger. 200 Mitarbeiter hatte die Strandbar. Im vergangenen Jahr mussten sie das Grundstück, das der Berliner Stadtreinigung gehört, räumen. Denn die Strandbars sind nur als Zwischennutzung am Spreeufer gedacht. Auch die Bar „Kiki Blofeld“ an der Köpenicker Straße in Kreuzberg wird geschlossen. Auf dem Grundstück plant eine Baugruppe Wohnungen, Nachbarschaftsgärten und eine Kiezküche. Die Strandbar schließt im September. Nebenan haben sich die Macher der Bar 25 angesiedelt. Ihr neues Projekt, „Kater Holzig“, ist in einer alten Seifenfabrik eingerichtet – voraussichtlich für zwei Jahre.

Wegen der Strandbars, der Clubs und der vielen Restaurants kommen Touristen aus aller Welt nach Friedrichshain-Kreuzberg. Sie gehen nachts auf Kneipentour, Ferienwohnungen und Hostels im Bezirk sind gut gebucht. So gut, dass es vielen Einheimischen schon lästig wird. Sie klagen über nächtliche Ruhestörungen, die Bezirkspolitiker versuchen zu vermitteln und eine Lösung zu finden – bislang ohne nennenswerte Erfolge. Und mit der Attraktivität von Friedrichshain-Kreuzberg steigt auch die Nachfrage nach Wohnungen, nicht nur nach Ferienwohnungen. Die Folge: Die Mieten steigen – bei Neuvermietungen um 22 Prozent innerhalb von drei Jahren. Viele Migrantenfamilien und Hartz-IV-Empfänger ziehen fort, auch alte Menschen verlassen den Kiez. Die Quadratmeterpreise für Gewerberäume steigen ebenfalls. Händler mit kleinen Geschäften werden von neuen Bars verdrängt. „Die Kiezstruktur geht uns verloren“, sagt die Galeristin Heba Choukri (44). Sie lebt seit 1986 in Kreuzberg. Ein anderer aktueller Streitpunkt in Kreuzberg sind Häuser, die die Wohnungsbaugesellschaft GSW verkauft. Gebäude, die sie 1994 unentgeltlich vom Land Berlin bekam. Das Haus Schlesische Straße 25 hat bereits einen neuen Eigentümer. Es wurde schon zwei Mal besetzt und von der Polizei geräumt. Beim Runden Tisch Wrangelkiez forderten Kreuzberger, die einziehen möchten, den Bezirksbürgermeister auf, einen Kontakt zum neuen Eigentümer herzustellen. Doch der fühle sich bedroht und sei noch nicht zu einem Gespräch bereit, sagte Franz Schulz (Grüne). „Unser Lebensraum wird gewinnbringend verhökert“, klagte eine Kreuzbergerin. „Die Hartz-IV-Empfänger und Rentner können sehen, wo sie bleiben.“

>>> Franz Schulz (Grüne)

>>>Jan Stöß (SPD)

>>>Knut Mildner-Spindler (Linke)

Umstrittenes Thema in Kreuzberg ist seit Jahren die Drogenszene am Kottbusser Tor. Dealer, Junkies und Trinker trifft man zu jeder Tageszeit an dem Platz und an den Eingängen zur U-Bahn an. Vor zwei Jahren verlagerte sich die Szene zum Neuköllner Hermannplatz, um den verstärkten Polizeikontrollen zu entgehen. Nachdem auch dort mehr kontrolliert wurde, seien die Drogenabhängigen zum Kottbusser Tor zurückgekehrt, sagt Astrid Leicht vom Verein Fixpunkt. Ihre Mitarbeiter waren jahrelang vor Ort, um den Drogenabhängigen zu helfen. Doch jetzt ginge das nicht mehr, denn die Arbeitsbedingungen seien nicht mehr zumutbar, sagt Astrid Leicht. Jetzt wird ein Drogendruckraum eingerichtet, in einer einstigen Schule an der Reichenberger Straße. Aber der ist umstritten – wie so vieles andere in Friedrichshain-Kreuzberg.