Nach Abgeordnetenhauswahl

Grünen-Politiker von Dassel könnte bald in Mitte regieren

In Mitte haben die Grünen die Wahl knapp gewonnen und werden wohl den Bürgermeister stellen. Ein Porträt über Stephan von Dassel.

Stephan von Dassel - Berlins Stadtrat für Soziales und Bürgerdienste könnte bald Bezirksbürgermeister von Mitte werden

Stephan von Dassel - Berlins Stadtrat für Soziales und Bürgerdienste könnte bald Bezirksbürgermeister von Mitte werden

Foto: dpa

Auf den Schildern im Flur fehlt der Vorname. So ist das auf deutschen Ämtern. „Herr von Dassel, SozBüDL“ steht an der Bürotür von Stephan von Dassel (49) im Rathaus in Wedding. Das war mal der rote Arbeiterbezirk von West-Berlin. Heute ist der Wedding bei Studenten angesagt und gehört wie das Brandenburger Tor zum Bezirk Mitte. Der ist ein Kosmos mit 370 000 Einwohnern, zwischen Promi-Lokal „Borchardt“ und türkischen Gemüseläden, zwischen Kanzleramt und Brennpunktkiezen.

Die Wahl in Berlin-Mitte haben die Grünen mit 24 Prozent der Stimmen gewonnen, mit hauchdünnem Vorsprung vor der SPD. Wenn für ihn nichts schief geht, wird Stephan von Dassel im Oktober von seinem Posten als Stadtrat für Soziales und Bürgerdienste zum Bezirksbürgermeister befördert. Er wäre der zweite Grüne nach Monika Herrmann im benachbarten Friedrichshain-Kreuzberg.

von Dassel hat talkshow-taugliche Spezialgebiete

Wie wird man als Berliner Lokalpolitiker bundesweit bekannt? Mit knackigen Botschaften. Religion ist Privatsache, also kein Kopftuch für die Lehrerin: Das sagte Franziska Giffey, SPD-Bürgermeister in Neukölln. Cannabis soll wie in Holland in Coffeeshops verkauft werden: Das wollte Monika Herrmann für Kreuzberg.

Auch von Dassel hat talkshow-taugliche Spezialgebiete: Er kennt die Maschen von betrügerischen Pflegediensten und kämpft gegen Ferienwohnungen. Die sind in Berlin ohne Sondergenehmigung nicht mehr erlaubt, weil der Wohnraum knapp geworden ist. Im Bezirk Mitte, dem touristischen Epizentrum, gibt es Tausende. Vor einem Jahr hat der Senat sein Gesetz verschärft.

Viele Klagen und Verfahren um Ferienwohnungen laufen noch. „Es gibt noch fast so viele wie vorher“, sagt von Dassel. „Wir kämpfen um jedes Haus und jede Wohnung, aber es dauert.“ Das sei für die Nachbarn von solchen Wohnungen frustrierend. Über das Internetportal AirBnB habe er selbst noch nie etwas gebucht. Ferienwohnungen seien ohnehin nicht sein Ding: „Ich finde Hotels eigentlich viel schöner.“

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Die Bürgerämter gelten als chronisch überfordert

Von Dassel, blaues Hemd, schwarze Brille, kommt aus Münster. Er ist mit 16 bei den Grünen eingetreten, hat Politik studiert und bei den Grünen im Abgeordnetenhaus gearbeitet, bevor er 2009 Stadtrat wurde. „Ich habe immer Politik gemacht, ist halt so.“ Wie es sich für einen Grünen gehört, radelt er und ist für die Freigabe von Haschisch. Nach altgrüner Fundi-Fraktion klingt von Dassel nicht: „Die beste Droge ist ein klarer Kopf.“ Sein Laster? Zuviel Cola.

Berliner Lokalpolitik ist für Neulinge verwirrend. Da ist der Senat mit dem Roten Rathaus für das Land und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Dazu dutzende, teils stillgelegte Rathäuser in den Bezirken. Und die ewige Frage: Wer ist zuständig, Bund, Land oder Bezirk? Die Bürgerämter gelten als chronisch überfordert.

Von Dassel kennt den Satz „Dafür sind wir nicht zuständig“. Den hasse er. Er findet, die Verwaltung sei grundsätzlich erstmal zuständig. Von Dassel sei ein „Macher“, urteilte die „Berliner Zeitung“, die ihm „solide Arbeit“ bescheinigte.

„Integrationspolitik auf bezirklicher Ebene muss dahin gehen, wo es wehtut.“

Was der 49-Jährige vorhat: besseres Personalmanagement und mehr Investitionen, etwa bei den maroden Schulen. Was Integration angeht: Da reiche es nicht, als Politiker nur zum Fastenbrechen die Moschee zu besuchen. „Integrationspolitik auf bezirklicher Ebene muss dahin gehen, wo es wehtut.“ Das heißt für ihn, auch mal den Konflikt mit Moscheen zu suchen und diese nicht einfach „vor sich hindümpeln“ zu lassen.

Der Grüne weiß, dass für manche im Bezirk Politik wie ein Ding vom fremden Stern ist. Er will die Leute aus der „mentalen Wagenburg“ holen. „Ich habe auch kein Probleme, mich einmal im Monat abends in eine Weddinger Eckkneipe zu setzen und zu gucken, was bewegt die Menschen dort?“ Bei Gemecker über Missstände bohrt er gerne nach: „Mit welchen Problemen sind Sie wohin gegangen und wer hat sich dann nicht gekümmert?“

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