Wahl in Berlin

Ein Besuch in Berlins AfD-Hochburgen

Im Norden von Pankow und Hellersdorf hat die AfD ihre stärksten Ergebnisse eingefahren. Am Stadtrand wohnt das Unbehagen.

Felix Lünenberger hat die AfD gewählt

Felix Lünenberger hat die AfD gewählt

Foto: Reto Klar

„Nee, wissen Sie, ich habe die Schnauze voll von der Politik.“ Der Mann klingt wütend, als er an den Gartenzaun tritt. Er schwitzt, er gräbt gerade seinen Garten um, es ist heiß in der kleinen Siedlung am Nordrand von Pankow. „Ich habe die Schnauze voll davon, dass einerseits überall von Demokratie geredet wird, und wenn man dann seine Meinung sagt, wird man in die rechte Ecke gestellt.“ Seine Meinung worüber? „Über alles. Die Art, wie bei uns Flüchtlinge untergebracht werden, zum Beispiel. Die Anwohner werden vor vollendete Tatsachen gestellt.“ Ein anderer Nachbar, ein paar Häuser weiter, fasst es so zusammen: „Frau Merkel lässt allet rin, wat rumlooft, und bei uns gibt es nicht mal Geld für die Straßen.“ Beide Männer wollen ihre Namen nicht nennen, aus Angst, „in die rechte Ecke gestellt zu werden“, wie sie sagen.

Auf den ersten Blick eine heile Welt

Was ist da los, in der Stadtrandsiedlung Blankenfelde, zwischen Birnbaumring und Kartoffelsteig, Kürbis-, Sonnenblumen- und Gurkensteig? Die Siedlung stammt aus den 30er-Jahren, die kleinen Häuschen sind umgeben von Zäunen, gestutzten Hecken und Gartenzwergen. Den größten Lärm macht ein Hund. Gewählt wurde im kleinen Kulturhaus in der Mitte der Siedlung, wo an anderen Tagen Gesellschaftsspiele gespielt werden oder man sich zum Frühschoppen trifft. Eine heile Welt, sollte man meinen. Doch nirgendwo in Berlin haben am Sonntag so viele Wähler für die AfD gestimmt wie hier: Bei den Zweitstimmen kam sie auf 37,2 Prozent.

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Den Mann am Gartenzaun wundert das nicht. „Ich habe auch AfD gewählt.“ Ob die AfD nun politisch etwas verbessern werde, daran glaube er zwar auch nicht wirklich. „Aber meine Wunschpartei gibt es ja leider nicht – das wäre die PdU, die Partei der Unzufriedenen. Alle anderen Parteien kann man ja nicht mehr wählen.“

Ein paar Häuschen weiter löst das Wahlergebnis dagegen fassungsloses Kopfschütteln aus. „Ich kann es mir nicht erklären“, sagt ein junger Mann, der gerade aus Buch hierher gezogen ist. „Vielleicht liegt es daran, dass so viele alte Menschen hier wohnen.“ Von akuten Problemen in der Siedlung sei ihm nichts bekannt. „Gucken Sie sich um, alle Nachbarn haben Arbeit, es gibt nicht mal Ausländer hier.“ Ihm ist das Wahlergebnis peinlich. Ein weiterer Nachbar, auch er will seinen Namen nicht nennen, kennt doch einen Grund für die Protestwahl: „In der Nähe ist eine Flüchtlingsunterkunft geplant, außerdem sind hier viele gegen das neue Wohnviertel Elisabeth-Aue.“

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Die Elisabeth-Aue ist als Großsiedlung am Stadtrand geplant, ebenso wie Hellersdorf, das zu DDR-Zeiten am Ostrand der Stadt entstand. Es gilt bis heute als sozial schwacher Bezirk, als typische „Platte“, wo die Arbeitslosigkeit groß ist und die Menschen frustriert sind – und hat seit Sonntag eine weitere Gemeinsamkeit mit der winzigen Stadtrandsiedlung in Blankenfelde: Auch hier entschieden sich überdurchschnittlich viele Wähler für die AfD. Im Norden des Bezirks kam die Partei auf mehr als 30 Prozent der Zweitstimmen und holte das Direktmandat im Wahlkreis.

In Hellersdorf gab es schon lautstarke Proteste gegen Flüchtlingsheime. Das Thema bestimmte, so sieht es jetzt aus, auch die Wahl. Auch wenn viele versucht hatten, andere Themen zu setzen. Enrico Stölzel etwa, der für die SPD kandidierte. Der 29-Jährige ist Hellersdorfer. „Fassungslos“ sei er über das Wahlergebnis, sagt er. „Gegen die Linke zu verlieren, damit hätte ich in diesem Viertel hier leben können, wo die Linke traditionell stark war.“ Nun aber habe die Linke Stimmen verloren – ausgerechnet an die AfD, die auch in der Bezirksverordnetenversammlung zweitstärkste Kraft wurde und auch Anspruch auf einen Stadtratsposten hat.

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Stölzel hatte versucht, im Wahlkampf auf andere Themen zu setzen. Die Jugendarbeitslosigkeit etwa, und die Armut. „In manchen Quartieren leben zwei Drittel der Kinder in Bedarfsgemeinschaften, nirgendwo gibt es mehr alleinerziehende Mütter als in Hellersdorf Nord.“ Er hatte den Wählern versucht zu erklären, was in den vergangenen fünf Jahren besser geworden war. „2011 waren im Bezirk noch 2700 junge Menschen arbeitslos, heute sind es nur noch 1000.“ Seine Idee: Er wollte Nichtwähler gewinnen, denn sein Wahlkreis war 2011 mit 39 Prozent der mit der niedrigsten Wahlbeteiligung in Berlin. Diesmal gingen viele Nichtwähler zur Wahl. Viele stimmten dann aber für die AfD.

Hohe Stimmanteile rundum das Flüchtlingsheim

Zu den AfD-Wählern gehörte Felix Lünenberger, er ist 34 und sagt: „Mir geht es um eine bessere Flüchtlingspolitik und Integration.“ Bei der letzten Wahl habe er die Linken gewählt, „mal sehen, ob sich diesmal was ändert.“ Er ist Hellersdorfer wie Enrico Stölzel, die beiden kennen sich nicht. Felix Lünenberger kennt kaum Politiker, sagt er. Wie die Direktkandidatin heißt, für die er gestimmt hat? „Keine Ahnung.“

Zu den Nichtwählern gehören zwei junge Frauen, die mit einem Kinderwagen unterwegs sind. Geraldine (20) und Lynn-Celine (19) sind Schwestern, die jüngere ist die Mutter des kleinen Jungen. „Politik interessiert uns nicht.“ Allenfalls zu der Frage der Flüchtlinge haben sie eine Meinung. „Mit ihnen kommt auch der Terror hierher, das sieht man ja im Fernsehen.“

Ein Flüchtlingsheim wird momentan an der Louis-Lewin-Straße gebaut. In den umliegenden Straßen kam die AfD auf über 30 Prozent. „Na klar, das macht mir Angst“, sagt eine junge Frau, die nebenan auf den Bus wartet. Zwar räumt sie ein, mit Flüchtlingen bisher eigentlich keine Probleme zu haben. Doch im Vorfeld der Wahl gab es im Bezirk viele Gerüchte. Die NPD habe hier an der Baustelle eine Veranstaltung gemacht, erzählt eine ältere Dame. Für sie ist das Wahlergebnis kein Wunder. „Man kann ja fast noch froh sein, dass die Leute AfD gewählt haben und nicht NPD. Die hat damals genau das versprochen, was viele sich hier wünschen, Kitaplätze, bezahlbare Wohnungen, bessere ärztliche Betreuung der Alten – und mehr Sicherheit.“ Auch sie hatte sich die Reden angehört. „Aber als meine Nachbarin dann meinte, jetzt wisse sie, wen sie wählt, war ich fassungslos.“

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