Wahl zum Abgeordnetenhaus

„Erst wählen gehen und abends zu Hertha“

Die Wahlurnen stehen auch im Tanzsaal und im Autohaus, mancherorts bildeten sich lange Schlangen. Das war der Wahltag in Berlin.

In manchen Wahllokalen – wie hier in einer Schöneberger Schule – bildeten sich Schlangen

In manchen Wahllokalen – wie hier in einer Schöneberger Schule – bildeten sich Schlangen

Foto: Gregor Fischer / dpa

Ein Wahllokal ist kein Lokal und darf trotz des Namens auch nicht frei gewählt werden. Oder? In den meisten der rund 1700 Berliner Wahllokale schienen die Regeln klar: anstellen, anmelden, ankreuzen. Doch mancherorts gab es auch Diskussionen. In Steglitz zum Beispiel, wo eine Wählerin darauf beharrte, sich an der kürzeren von zwei Warteschlangen anzustellen, die zu zwei verschiedenen Wahllokalen führten. „Ich habe ein Recht, mir mein Wahllokal selbst auszusuchen! Wieso organisieren Sie das nicht besser?“ Aber ein Wahllokal ist kein Bürgeramt und keine Supermarktkasse. Nach einer Diskussion mit den Wahlhelfern stellte sich die Dame dann doch an der richtigen Stelle an. Dort, wo ihr Name im Wählerverzeichnis stand. So wurde ihre Stimme dann auch mitgezählt.

Am Ende ist es dann eben doch so: Jede Stimme zählt, jede einzelne. Schon am frühen Sonntagmorgen war klar, dass dies viele Berliner motivierte, wählen zu gehen. Bei schönstem Spätsommerwetter waren die Straßen zu ungewöhnlich früher Stunde schon voller Menschen. Ziel der meisten Wähler waren Schulen, Kitas und Senioreneinrichtungen, in denen die meisten Wahllokale untergebracht waren.

Doch es gab auch ausgefallenere Wähl-Orte. In Wittenau etwa hatte ein Autohändler seine Fahrzeuge mit Schildern dekoriert: „Sie haben die Wahl!“ Und tatsächlich: Zwischen glänzenden Neuwagen und Reparaturannahme wurde im Autohaus gewählt. „Wir haben seit dem frühen Morgen gut zu tun“, sagte der Wahlvorsteher für die Wahlkreise 410 und 411, Konrad Wapuschinski, der im richtigen Leben nicht Autohändler ist, sondern Finanzbeamter.

„Wir haben nie eine Wahl ausgelassen“

Gegen 11.30 Uhr hatten hier bereits rund 24 Prozent der Wähler die Stimmen abgegeben – viele gleich zweimal, denn draußen vor der Tür befragte Infratest dimap die Wähler für die 18-Uhr-Prognose der ARD. Joachim und Ingrid Koch, 75 Jahre alt, steckten dafür ein zweites Mal einen „Stimmzettel“ in die „ARD“-Urne, anonym natürlich. „Wählen ist wichtig“, sagte Ingrid Koch. „Wir haben nie eine Wahl ausgelassen, seit wir 21 wurden und damit damals volljährig.“ Er fügte hinzu: „Wer nicht wählen geht, wählt die, die wir nicht haben wollen.“

Auch in Wilmersdorf waren die Wähler früh auf den Beinen. „Gegen Mittag hatten wir schon eine Wahlbeteiligung von mehr als 50 Prozent“, sagte Wahlvorstand Ulf Kupferroth, ein Lehrer. Das Wahllokal liegt in der Zahnklinik der Freien Universität an der Aßmannshauser Straße. Eigentlich ein unangenehmer Ort, der trotzdem neugierige Besucher anzog. Lara, fünf Jahre alt, überredete ihre Mutter zu einer Stippvisite im Wahllokal. „Sie wollte unbedingt wissen, wie es darin aussieht.“ Die Mutter selbst hatte in einem anderen Wahllokal gewählt. Lara musste dabei so lange mit der Oma draußen warten. „Sonst liest sie am Ende in der Kabine laut vor, wen ich wähle, das wollte ich nicht.“

Die Wahl fast vergessen

In Marienfelde war der Ansturm an den Wahlurnen ebenfalls groß. Ein Wahllokal lag in den Seminarräumen der Unfallkasse Berlin. Geduldig warteten hier auch Jürgen und Mary Linow. „Wir sind zum Wählen extra aus unserem Garten in Mariendorf gekommen.“ Dass sie so früh da seien, hatte für viele Wähler aber noch einen anderen Grund: „Heute Abend spielt Hertha, wir wollen deswegen nachher rechtzeitig im Stadion sein“, rief ein Ehepaar, das mit Hertha-Schals auf das Wahllokal zulief.

In Prenzlauer Berg wurde dagegen das Ereignis des Tages auch gern mal fast vergessen. „Ach Gott, die Wahl! Mist! Na gut, bis 18 Uhr noch!“ Eine junge Frau fasste sich an die Stirn, als sie am Vormittag am Wahllokal im Seniorentreff „Herbstlaube“ an der Dunckerstraße vorbeilief. Im Schaufenster lagen gehäkelte Kuscheltiere, im Innern warteten ebenso gut gelaunte wie gekleidete Anwohner des Helmholtzplatzes auf dunkelgrünen Samtsesseln darauf, dass eine Wahlkabine frei wurde.

Ein Paar mit Kindern sucht das richtige Wahllokal

Wähler Benedikt K. aus Kassel lebt seit Anfang des Jahres in Prenzlauer Berg. Ihm ist der Gang zur Urne wichtig. „Das ist ein Grundelement der Demokratie“, sagte der 30-Jährige. Er verließ sich in seiner Wahlentscheidung – dreimal grün – auf Wahl-O-Mat-Ergebnisse. Bei anderen gleicht der Gang zum Wahllokal einem Ausflug ins Blaue. „Wir wissen noch gar nicht, ob wir hier überhaupt wählen können“, sagte ein junges Paar Mitte 30 mit zwei Kindern. Vor Kurzem seien sie ins Gleimviertel umgezogen, aber die Wahlbenachrichtigungen seien nicht angekommen. Am Sonntag zogen sie durch mögliche Wahllokale, in der Hoffnung, das passende zu finden. Und dann? „SPD oder Grün, das wird intuitiv in der Warteschlange entschieden.“

In Kreuzberg wurde unter anderem in einer Tanzschule gewählt. Die „Maxixe“ liegt an der Fidicinstraße. „Der Bezirk hatte Schwierigkeiten, geeignete Orte zu finden“, erzählte Inhaberin Ele Busch. „Und ich dachte, warum nicht? Das ist doch spannend.“ Spannend war es allein schon, den Weg zur Tanzschule zu finden. Da ging es zwischen zwei Häusern eine Kopfsteinpflasterauffahrt hinein, dann links auf ein altes Brauereigelände, dann neben einem Weinladen in den ersten Stock. Tangoklänge empfingen den Eintretenden, auf roten Samtsofas erholten sich erschöpfte Wähler bei Zeitungslektüre.

Inhaberin der Tanzschule versorgt Wahlhelfer mit Kaffee

Dieses besondere Wahllokal schien viele anzusprechen. „Ich habe heute schon einige positive Reaktionen bekommen“, sagte Busch. Eine Entschädigung bekommt die Inhaberin nicht, im Gegenteil, sie versorgte die Wahlhelfer selbst mit Kaffee und Kuchen. Und fand das völlig in Ordnung. „Ich kann mir durchaus vorstellen, das wieder zu machen in fünf Jahren.“

Gewählt wurde im großen Tanzsaal. „Der Wahlvorstand hat beschlossen, die Spiegelwand mit grauem Tuchstoff abzuhängen“, sagte Wahlvorsteher Dieter Krolikowski, denn die Wahlkabinen stehen parallel vor den Spiegeln. Der 67-jährige Kreuzberger kennt das „Maxixe“, mit seiner Frau geht er hier manchmal tanzen. Sich als Wahlhelfer zu engagieren, ist für ihn Bürgerpflicht. „Ich finde demokratische und geheime Wahlen wichtig, das will ich unterstützen.“ Und als Rentner habe er die Zeit dazu. Doch so richtig für Ordnung sorgen musste er hier nicht. Ein Paar wollte gemeinsam in die Wahlkabine, das habe man rechtzeitig zu verhindern gewusst. Sonst gab es keine besonderen Vorkommnisse, „alle nett und entspannt hier“, sagte eine Wahlhelferin.

Nicht überall war die Stimmung derart gelassen – etwa in Lichtenberg. „In den Keller, das ist ja demütigend“, entrüstete sich ein älterer Wähler vor der neonbunten Fassade des Holi-Hostels im Weitling-Kiez. „Wir sollen doch die hohe Staatsgewalt wählen.“ Skeptisch beäugte ihn ein Vorübergehender. So richtig brummte die Wahl hier bisher nicht. Auch der Wahlvorsteher bezeichnete die bisherige Beteiligung am späteren Vormittag als „mittelprächtig“. „43 Leute in eineinhalb Stunden, das geht sehr langsam los hier.“

„Die einzige Möglichkeit mitzubestimmen“

Herbert Pöppel aus Friedrichsfelde hingegen hatte seine Stimme schon abgegeben, er wohnt in einem anderen Wahlkreis, aber der 74-Jährige geht öfter zum Zeitunglesen ins Hostel-Café. „Also, ich wähle ja schon seit Jahren die Grünen“, sagte er. „Obwohl ich da auch Bedenken habe. Aber was ist die Alternative? Die ganzen Berliner Politiker sind doch eine korrupte Bande!“

Gewählt werden muss trotzdem, der Meinung ist auch Johanna M. aus Mitte. Sie lebt seit acht Jahren in Lichtenberg, kommt eigentlich aus Moabit. „Ich habe schon immer gewählt, es ist die einzige Möglichkeit mitzubestimmen.“ Mit einem Auge behielt sie ihren Zweijährigen auf seinem Laufrad im Blick. „Und ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis. Ob sich das so verändert, wie sich der Bezirk durch den Zuzug verändert hat.“

Zwei junge Eltern um die 30 steuerten am Vormittag das Wahllokal an. Der Vater schob den einjährigen Sohn auf dem Dreirad. Warum er heute wählen geht? „Um danach nicht meckern zu dürfen“, antwortete er lachend. Und sie: „Um Parteien wie NPD und AfD keine Chance zu lassen.“ In Lichtenberg, wo der AfD zumindest in einigen Wahlkreisen bis zu 20 Prozent prognostiziert werden, ein guter Grund.

Einige Wahllokale sind nicht barrierefrei

Einer von denen, die wiederum genau dazu beitragen, ist ein breitschultriger Mann. „Ick sag’s einfach, ick wähl AfD, das sagt eigentlich alles“, meinte er. Warum? „Damit sich was ändert.“ Was? „Alles! Und damit endlich die ganzen Einheitsparteien abgewählt werden.“ Damit verschwand er die Treppen hinunter in den Keller des Hostels.

Der Wahltag sei ohne größere Störungen verlaufen, hieß es am späten Nachmittag bei der Landeswahlleitung. Einige Wahlplakate mussten abgehängt werden, weil sie näher als 30 Meter an einem Wahllokalen hingen. Verwirrung gab es, weil einige Wahllokale nicht barrierefrei waren. Doch dies sei im Vorfeld bekannt gewesen. Bis Sonnabend, zwölf Uhr, hatten Wähler Gelegenheit, einen Wahlschein für ein anderes Wahllokal zu beantragen. Wer das versäumt hatte, konnte nicht wählen.