Wahl 2016

Georg Pazderski: "Eine Integration soll nicht stattfinden"

Georg Pazderski von der AfD im Exklusiv-Interview über Flüchtlinge, Patchwork-Familien und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Georg Pazderski

Georg Pazderski

Foto: Reto Klar

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) wird in Berlin wohl ins Abgeordnetenhaus einziehen, angeführt von Spitzenkandidat Georg Pazderski. In Umfragen liegt die Partei derzeit bei 15 Prozent. Ein Gespräch mit dem 64 Jahre alten ehemaligen Bundeswehroffizier über Angela Merkel, Flüchtlinge und Familien in Berlin.

Berliner Morgenpost: Herr Pazderski, haben Sie einen Freund mit Migrationshintergrund?

Georg Pazderski: Ja, natürlich habe ich einen Freund mit Migrationshintergrund.

Erzählen Sie doch mal, was ist das für ein Mensch?

Ich habe beispielsweise einen türkischen Freund. Dessen Söhne haben Migrationshintergrund. Ich habe zusammen mit ihm Generalstabsausbildung gemacht. Die beiden Söhne sind sehr erfolgreich in Deutschland. Der eine Sohn unterrichtet Volkswirtschaftslehre in Aachen, der andere ist bei Mercedes angestellt, auch auf einer relativ hohen Ebene, weil er Ingenieur ist. Und das ist ein sehr, sehr gutes Beispiel für Integration. Die beiden haben es geschafft, aber auch nur weil die Eltern das wollten.

Georg Pazderski (AFD): Russlanddeutsche sind auf uns zugekommen

Sprechen die beiden noch mit Ihnen?

Ja, die sprechen alle noch mit mir.

Ich frage nicht ohne Grund. Sie haben im Wahlkampf nur ein Thema: die Flüchtlinge. Die wollen Sie nicht ins Land lassen, die wollen Sie auch nicht integrieren. Das ist doch völlig weltfremd.

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Das ist möglicherweise Ihre Auffassung und Ihre Wahrnehmung, dass wir nur ein Thema haben. Erstens Mal werden uns die Themen aufgezwungen, natürlich auch durch Journalisten und durch die Politik. Wir haben viele andere Themen hier in Berlin, wir haben das Thema Innere Sicherheit, das Bildungsthema. Wir haben das Thema der fehlenden Wohnungen. Es ist nicht nur die Flüchtlingspolitik.

Lassen Sie uns trotzdem bei den Flüchtlingen bleiben, weil Sie damit Ihren Wahlkkampf machen. Sie haben auch letztens wieder gesagt, Sie wollen die Flüchtlinge hier nicht integrieren. Was wollen Sie denn mit denen machen?

Georg Pazderski (AFD): Vater-Mutter-Kind ist der Kern unserer Gesellschaft

Sehen Sie, jetzt bin ich genau da, was ich vorhin gesagt habe. Sie sprechen das Thema ständig an, deshalb müssen wir uns da auch äußern. Ich habe schon einmal gesagt, wir müssen die Flüchtlinge durchaus vernünftig und gut unterbringen hier. Wir müssen ihnen die Möglichkeiten geben, dass sie auf die Rückkehr vorbereitet werden. Nur eine Integration von Flüchtlingen soll nicht stattfinden. Die Flüchtlinge sind ja nur temporär in Deutschland. Das wäre ja auch einem Land gegenüber, gegenüber Syrien fatal, wenn wir sagen würden, wir behalten die alle, und die dürfen nicht mehr zurück. Die Flüchtlinge sind hierhergekommen, weil sie einen Fluchtgrund haben. Diesen Fluchtgrund müssen wir ausräumen. Das heißt also, da ist die Bundespolitik gefragt. Und wenn wir diesen Fluchtgrund ausgeräumt haben, dann müssen wir dafür sorgen, dass diese Leute wieder zurückkommen und ihr Land aufbauen. Und dafür müssen wir sie vorbereiten.

Die Menschen kommen hierher, weil sie vor Krieg und Terror geflohen sind, weil sie Angst um ihr Leben haben. Sie haben einen Anspruch auf Asyl. Das heißt, sie bleiben erstmal hier. Was machen Sie mit Ihnen, wenn Sie sagen, Sie wollen sie nicht integrieren?

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Wir haben unterschiedliche Gruppen. Auf der einen Seite haben wir natürlich politisch Verfolgte, die hierher kommen. Auf der anderen Seite haben wir Flüchtlinge, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind. Und wir haben auch Leute hier, die Wirtschaftsmigranten sind, die auf den Zug der Flüchtlinge aufgesprungen sind und jetzt versuchen, sich hier ein besseres Leben zu holen. Das ist durchaus alles legitim, aber auf der anderen Seite müssen wir da deutlich unterscheiden. Natürlich wollen wir Flüchtlingen helfen, natürlich wollen wir Flüchtlingen alles das, also Dinge an die Hand geben, dass sie auch vernünftig aufgenommen werden, aber man muss ganz klar sagen: Flüchtlinge sind temporär in Deutschland, Flüchtlinge müssen wieder zurückgehen.

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Sie wollen auch keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen. Sie sagen, dass sie eher in der Nähe von Syrien bleiben sollen. Auch das ist wieder eine Aussage, die so gar nicht haltbar ist, denn wir haben ein Grundgesetz, ein deutsches Asylrecht. Es gibt das Grundrecht auf Asyl – und das völlig zu Recht. Warum sagen Sie den Menschen nicht die Wahrheit?

Wir sagen ihnen schon die Wahrheit. Ich sage Ihnen, Frau Merkel hat das Gesetz gebrochen. Sie hat Dublin III gebrochen. Wir haben einen Asylkompromiss gehabt von 1993. Darin steht, dass wer aus einem sicheren Drittland kommt, keinen Anspruch hat, in Deutschland Asyl zu beantragen. Das hat Frau Merkel einfach über Bord geworfen. Also sie verstößt gegen das Gesetz. Auf der anderen Seite muss ich sagen, wir müssen natürlich vernünftige Ansätze finden. Wir müssen schauen, dass wir den Menschen vor Ort helfen. Dass sie in der Nähe ihrer Heimat, in sicheren Bereichen untergebracht werden. Wir könnten mit dem Geld, das wir heute in Deutschland für Flüchtlinge ausgeben, ein Vielfaches leisten in den Nachbarländern Syriens. Beispielsweise in Jordanien, in der Türkei und so weiter …

Das passiert doch alles…

Nein, das passiert eben nicht. Nicht in dem Maße, wie wir das eigentlich haben wollen. Sie wissen auch beispielsweise, dass wir gerade, weil das nicht passiert ist, eine zusätzliche Fluchtbewegung hatten. Weil die Sätze von der UN von 30 auf elf Dollar im Monat gekürzt worden sind. Hier müssen wir ansetzen. Wir müssen einen breiteren Ansatz finden. Es kann nicht sein, dass Deutschland versucht, die Flüchtlingskrise allein zu lösen. Die anderen europäischen Staaten haben Deutschland, ich will nicht sagen, im Stich gelassen, aber sie folgen dem Weg Deutschlands nicht. Und jetzt müssen wir uns doch als Deutschland fragen, warum folgen sie dem Weg nicht? Sind das alles Unmenschen? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass sie sehr realistisch sind und wissen, was sie tun.

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Würden Sie an der Grenze auf Kinder und Frauen schießen?

Das ist Unsinn. Nein, würde ich nie. Diese Frage stellt sich überhaupt nicht. Sie setzen an einer Grenze die Schusswaffe dann ein, wenn das Leben von Menschen bedroht ist, zum Beispiel von Flüchtlingen bedroht sein sollte oder wenn Ihr eigenes Leben bedroht ist.

Frau von Storch hat dies gesagt. Mit ihr gemeinsam machen Sie Wahlkampf in Berlin.

Ja, aber Frau von Storch hat das wieder zurückgezogen. Sie hat das getwittert oder auf Facebook geschrieben und hat es auch wieder zurückgezogen, weil es so nicht stimmt.

Wie viele Flüchtlinge sind denn in Berlin?

Ich kenne die offiziellen Zahlen, aber ich gehe davon aus, dass die offiziellen Zahlen nicht stimmen. Ich gehe davon aus, dass wir etwa 100.000 - mindestens - Flüchtlinge, Wirtschaftsmigranten in Berlin haben. Wir haben auch Illegale hier. Wir haben gesehen – Hamburg beispielsweise hat mal Zahlen rausgegeben -, dass zu den offiziell registrierten etwa ein Drittel Migranten hinzukommen.

Sehen Sie, Sie verbreiten Angst und Schrecken. Auch in Ihrem Wahlprogramm steht…

Das hat nichts mit Angst und Schrecken zu tun…

Auch in Ihrem Wahlprogramm steht, 90.000 Flüchtlinge seien in Berlin. Es sind 53.000 – davon 40.000 in Unterkünften und rund 13.000 in Wohnungen.

Das sind die offiziellen Zahlen. Sie wissen aber beispielsweise, dass noch nicht alle registriert sind. Und darüber hinaus haben wir eine Dunkelziffer bei der illegalen Migration, bei den illegalen Einwanderern. Und die berücksichtigen Sie beispielsweise nicht.

Was ich nicht verstehe: Sie bezeichnen sich selbst als Nationalkonservativer und als Menschen, der unsere Grundwerte vertritt. Wie können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren, dass Sie Ihren Wählern nicht die Wahrheit sagen? Sondern hier übertreiben, da übertreiben.

Ich sage die Wahrheit. Ich glaube eher, das man versucht, von Regierungsseite, von den Einheitsparteien, die Zahlen runterzuspielen. Um die Bürger nicht zu verunsichern. Es gibt Zahlen, die sagen, dass etwa ein Drittel zusätzliche illegale Einwanderer hier in Deutschland sind, die nicht registriert sind, sondern die irgendwo hier rumlaufen. Das bedeutet, wenn Sie die Zahlen, die Sie jetzt gerade annehmen, die Ihnen offiziell genannt wurden, und rechnen ein Drittel dazu, dann sind Sie schon bei 80.000. Ich gehe fest davon aus, dass wir etwa 80.000 bis 100.000 Flüchtlinge und illegale Einwanderer hier in Berlin haben.

Ihr Wahlprogramm gibt es auch auf Russisch. Sie werben ganz um die Russlanddeutschen. Was versprechen Sie denn diesen Menschen? Eine bessere Integration?

Nein, wir haben das Wahlprogramm nicht in Russisch übersetzt, sondern ein Kurzprogramm in Russisch übersetzt.

Auf Ihren Wahlplakaten stehen Ihre Forderungen auch auf Russisch.

Nein, da steht eine politische Botschaft. Sie müssen sich schlau machen. Wir haben dieses Programm übersetzt und zwar in ein Kurzprogramm, weil Russlanddeutsche auf uns zu gekommen sind und uns gefragt haben. Warum kommen die Russlanddeutschen auf uns zu? Weil sie einfach eine große Schnittmenge mit den politischen Positionen der AfD sehen. Das sind Bereiche wie Innere Sicherheit. Sie kennen den Vorfall der Lisa, der sieben Tage nach Köln passiert ist. Wo die Russlanddeutschen geglaubt haben – und auch heute noch glauben viele, dass hier falsch aufgeklärt worden ist. Das ist das, was ich genannt habe: „Perception is reality (Empfindung ist Realität, die Red.).“ Man fühlt es, auch wenn es nur gefühlt ist. Man hat doch das Gefühl, dass es Realität ist. Unser traditionelles Familienbild ist typisch für die Russlanddeutschen, die das genauso sehen. Auch viele Russlanddeutsche haben Angst vor der Einwanderung. Das hängt auch damit zusammen, weil sie aus Bereichen kommen, wo sie jeden Tag um ihren Beruf, ihr Einkommen, ihr Auskommen auch kämpfen müssen. Und natürlich Angst haben, dass Leute nach Deutschland kommen, die ihnen möglicherweise später auch die Jobs wegnehmen.

Gibt’s Ihr Programm auch auf Türkisch?

Wir sind nicht gefragt worden, ob wir das auch auf Türkisch übersetzen würden. Ich habe das mehrfach angeboten. Keiner ist auf uns zugekommen und hat uns gefragt. Also haben wir es auch nicht übersetzt. Wir würden das gerne tun.

Auf Arabisch?

Auch nicht. Ist auch niemand auf uns zugekommen. Das zeigt, dass manche Gruppen aktiver sind als andere.

Was ist Frau Merkel für Sie?

Frau Merkel ist jemand, die offensichtlich ihren Realitätssinn verloren hat und versucht, den Bürgern eine Politik zu verkaufen, die nicht funktioniert.

Ist Angela Merkel für Sie eine „Volksverräterin“?

Nein. Das würde ich nicht sagen. Ich würde sagen, sie macht schlechte Politik, und sie hat Fehler gemacht, und ich werfe ihr die Tatsache vor, dass sie offensichtlich in ihrem Starrsinn an falschen Entscheidungen festhält.

AfD-Mitglieder und Kandidaten beschimpfen die Bundeskanzlerin aber als „Volksverräterin“? Müssen Sie da als Kandidat nicht eingreifen?

Ich denke, wir sind hier in Deutschland. Und in Deutschland gilt Meinungsfreiheit. In Deutschland sollte, so lang sich das in dem demokratischen Rahmen bewegt, jeder sagen können, was er will. Dass ich mit solchen Leuten spreche und dann natürlich meine Meinung darüber sage, das ist selbstverständlich. Das regelt man mit den Parteifreunden aber untereinander und nicht in der Öffentlichkeit.

Was ist eine Patchworkfamilie?

Eine Patchworkfamilie – Wollen Sie jetzt von mir eine Auskunft haben? – ist eine Familie, die aus unterschiedlichen Familien besteht, die zusammengekommen sind.

Kennen Sie eine?

Ja, ich kenne Patchworkfamilien, wo es auch gut funktioniert. Und warum soll das nicht gut funktionieren?

Kennen Sie auch eine Regenbogenfamilie?

Nein. Kenne ich keine.

Sie plakatieren Vater, Mutter, Kind als Idealvorstellung. Was sagen Sie einer alleinerziehenden Mutter in Berlin?

Die alleinerziehende Mutter ist genauso wichtig wie die Familie Vater, Mutter, Kind. Ich sage nur, dass Vater, Mutter, Kind der Kern unserer Gesellschaft sind. Das ist der Kern, der eine Gesellschaft leben und weiterbestehen lässt. Natürlich hat eine alleinerziehende Mutter die gleichen Rechte. Und natürlich muss eine alleinerziehende Mutter genauso gut gestellt werden wie eine Familie. Weil sie ja auch eine Familie ist mit ihrem Kind, ihren Kindern.

Sie grenzen immer aus – Sie grenzen Lebensmodelle aus, Sie grenzen Flüchtlinge aus. Macht Ihnen das eigentlich Spaß?

Nein, wir grenzen überhaupt nicht aus. Wir haben nichts dagegen, wenn es Regenbogenfamilien gibt. Jeder kann nach seiner Facon glücklich werden. Wir sagen nur, wie wir uns das Ideal vorstellen. Und auf der anderen Seite sagen wir, dass die Familien, die traditionelle Familie besonders geschützt werden muss. Und dass wir nicht immer auf alternative Lebensmodelle, die im Prinzip überhaupt nicht in dieser Zahl vorkommen, wie uns das immer suggeriert wird, unser Hauptaugenmerk richten. Ich wünsche, dass wir uns um die ganz normalen Familien genauso kümmern wie um die anderen. Dann wäre es um Deutschland besser bestellt.

Im Umfragen liegt die AfD bei rund 15 Prozent. Sie sagen, Sie wollen im Abgeordnetenhaus konstruktiv mitarbeiten. Was heißt denn das?

Das heißt, wir werden uns vernünftigen politischen Vorschlägen nicht verweigern. Wir werden diese unterstützen. Wir werden auch versuchen, eigene Vorschläge einzubringen, die vernünftig sind. Alles das, was Berlin nach vorne bringt und was zum Wohl der Bürger geschieht, das werden wir natürlich unterstützen.

In einigen Bezirken können Sie auch Stadträte bekommen. Wovor muss Berlin sich fürchten? Bekommen wir dann einen Bildungsstadtrat von der AfD?

Zunächst einmal wird das ja im Bezirk bestimmt, welchen Stadtrat die AfD bekommt…

Aber Sie haben bestimmt Präferenzen.

Wir haben hervorragende Leute. Wir haben beispielsweise Leute, die Hochschullehrer sind, die in der Bildungspolitik genau wissen, wovon sie reden. Warum sollte der beispielsweise kein Bildungsstadtrat werden? Ob uns die anderen Parteien das zugestehen, ist eine ganz andere Frage. Weil die Bildungspolitik in Berlin mittlerweile so ideologisiert ist, dass man gar nicht möchte, dass jemand mit einem vernünftigen, pragmatischen Ansatz wieder Leistung fordert und die Schüler besser ausbilden will, hier eine Chance bekommt, das zu tun.

Was ist für Sie ein gutes Ergebnis am 18. September?

Für mich ist ein gutes Ergebnis zwischen zwölf und 15 Prozent. Und wir sind über alles, was mehr wird, hoch erfreut.

Sie werden Fraktionsvorsitzender und bleiben in Berlin, die nächsten fünf Jahre?

Zunächst einmal muss das die Fraktion entscheiden, ob ich Fraktionsvorsitzender werden soll. Ich würde es natürlich gerne werden, aber das entscheidet die Fraktion. Ich werde meine Arbeit und meine Kraft auf Berlin konzentrieren. Ich werde das tun, was die Mitglieder möchten. Wenn sie sagen, ich soll in Berlin bleiben, werde ich in Berlin bleiben. Wenn sie sagen: „Tritt du für den Bundestag an“, werde ich das tun.