Abgeordnetenhauswahl

Unterwegs im Wahlkampf mit Linke-Kandidat Klaus Lederer

Klaus Lederer sagt, dass er bei der Linkspartei nie an vorderster Front stehen wollte. Jetzt ist er Spitzenkandidat. Eine Beobachtung.

Klaus Lederer (r.) muss im Wahlkampf auch Kartoffeln schälen

Klaus Lederer (r.) muss im Wahlkampf auch Kartoffeln schälen

Foto: Massimo Rodari

Klaus Lederer kommt locker zum Zelt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz gejoggt, wie ein Boxer, der in den Ring einläuft. Nur mit deutlich freudigerem Gesichtsausdruck. Auf der Plane steht „Wir kochen auf!“ und „Über den Tellerrand …!“. Launig kreischende Chartmusik scheppert aus einer Box. Es ist, als wäre man bei einer Verkaufsshow auf dem Marktplatz einer Kleinstadt.

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Anwesend sind bislang Journalisten und Fotografen. Viel mehr werden es an diesem Mittag auch nicht. Ein Genosse hält dem Linke-Politiker eine rote Schürze entgegen. Schnell verkabeln, Headset auf und los. „Herzlich Willkommen zu der Kochshow der Linken“, sagt eine Frau, die nun durch die kommende Stunde leiten wird. Fragen zum Wahlprogramm an den Spitzenkandidaten der Partei. Währenddessen wollen sie, versucht locker, gemeinsam Kartoffelsuppe zubereiten und sie später an Passanten verteilen. Man sagt ja, Kochen verbindet und Essen bringt Leute zusammen.

Zur Einstimmung schnell was Persönliches: „Kochst du gerne?“ Lederer bejaht – mit dem Zusatz, „wenn die Zeit da ist“. Klar. Er ist nun Aushängeschild der Partei und hat viel zu tun. Zwischen drei und sieben Terminen fast täglich. Gespräche mit Fernsehsendern, Besuch im Planetarium, Treffen mit jungen politischen Organisationen.

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Seit er vor vier Wochen mit seinem Mann – 2009 sind sie eine Lebenspartnerschaft eingegangen – aus dem Urlaub kam, ist er nur noch unterwegs. Er hätte das große Medieninteresse nicht erwartet, sagt er. Gar nicht so leicht sei das, sich da noch Zeit mit dem Liebsten freizuschaufeln.

Lederer scheint noch nicht so abgebrüht wie andere in der Branche. Er macht auch deutlich, dass es nie sein hehres Ziel war, „Jemand“ in seiner Partei zu werden. Mit der Zeit kam einfach eins zum anderen. Dabei ist er bereits seit dem Fall der Mauer politisch aktiv. Schon als Jugendlicher in Berlin sah der heute 42-Jährige das Potenzial für Veränderung, erinnert er sich.

Anfang der 90er-Jahre trat er der PDS bei. Ein Jurastudium, und zehn Jahre später wurde er Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Und nun Spitzenkandidat für die Berliner Linke. „Wie fühlt man sich damit?“ „Was soll ich da sagen?!“ Er lacht. „Einem geht viel durch den Kopf, natürlich ehrt es einen, wenn die Genossen sagen: ‚Mach das!‘“ Wichtig aber für seine Partei ist das „Wir“. Ihre große rhetorische Leitfrage ist: „Wem gehört die Stadt?“ „Allen“, sagen sie. Sozialer Zusammenhalt ist gemeint, ein Miteinander, das Gestalten der Stadt von Politikern und Bürgern zusammen.

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Im Galopp beantwortet Lederer die Programmpunkte. Er ist ein guter Redner, zückt die Argumente wie vom Fließband. Kein „Ähm“, kein Überlegen, nichts scheint ihn gedanklich aufzuhalten. Auch nicht die Kartoffel, die ihm aus der Hand flutscht.

Außerhalb des Rahmens, wenn es mal nicht um politische Fragen geht, wirkt Lederer zurückhaltend, fast unsicher. So wie eine Woche später, als er Mitglieder der Gruppe „JUMA“ in der Parteizentrale empfängt. „JUMA“ ist eine Initiative, die für „jung, muslimisch, aktiv“ steht. Sie wollen Lederer interviewen und dabei filmen. Bevor es losgeht, raucht er zwei selbstgedrehte Zigaretten vor der Tür. Er scheint nervös heute. Irgendetwas läuft nicht so, wie es soll. Sein Assistent und er können jemanden telefonisch nicht erreichen. Das ärgert ihn. Lederer, das wird an diesem Tag deutlich, scheint ein rastloser Mann zu sein. In Jeans, T-Shirt und Sakko steht er zwar versucht entspannt vor der Kamera, während die Interviewer seelenruhig 20 Minuten die Technik justieren. Irgendwie aber will er sich nicht recht entspannen. Die erste Frage von „JUMA“ nach dem, was ihn nervt, bestätigt diese unruhige Ader: Es ist das Warten auf Bus und Bahn. „Was für verlorene Lebenszeit – das trifft mich im Mark!“

Nach dem Interview schnell raus, rauchen. Abseits der Kamera fällt es Lederer schwer, im Gespräch nur an einer Stelle zu stehen. Dann tänzelt er hin und her. Hauptsache kein Stillstand. Es wirkt so, als wäre er ständig auf dem Sprung. Aber das ist er ja auch irgendwie – eventuell ja sogar nach oben.

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