Abgeordnetenhauswahl 2016

Wie Michael Müller im Wahlkampf Rosen in Marzahn verteilt

Der Wahlkampf in Berlin ist in vollem Gange. Unterwegs mit dem Regierenden Bürgermeister auf Tour durch Marzahn.

Michael Müller verteilt Rosen am Eastgate in Marzahn

Michael Müller verteilt Rosen am Eastgate in Marzahn

Foto: Reto Klar

Als Ende 2014 Polizisten in einer Wohnstraße in Tempelhof Position bezogen, glaubten die Nachbarn zunächst, es sei etwas Schlimmes passiert. Es dauerte etwas, bis sich herumsprach, dass sie deshalb da waren, weil ein Nachbar einen neuen Job hatte: Hier wohnte ab jetzt der Regierende Bürgermeister Berlins.

Michael Müller, geboren 1964, verheiratet, zweifacher Vater, Familienmensch, SPD, wurde 2014 Nachfolger von Klaus Wowereit. Inzwischen haben sich seine Nachbarn an die Sicherheitsleute gewöhnt. Nur der Regierende Bürgermeister selbst, sagen sie, wirke morgens manchmal noch fast überrascht wegen der Bodyguards vor seiner Tür.

Michael Müller war 2014 der perfekte Kontrast zu der schillernden Figur seines Vorgängers. Der gelernte Drucker Müller beerbte Klaus Wowereit, der sich in seinen 13 Amtsjahren nebenbei den Ruf als Regierender „Partymeister“ erworben hatte. Bei Müller wurde außerhalb Berlins vor allem gefragt: Michael wer? Obwohl er wie Wowereit auf eine lange Karriere in der Berliner SPD verweisen kann. Er trat mit 15 in die Partei ein, war Fraktions- und Parteichef sowie Senator für Stadtentwicklung. Er gilt nach außen als eher farblos. Ein Druckersohn aus Tempelhof, mit Nickelbrille, aschblondem Kurzhaar und einem breiten Lächeln. Dieses Profil zu schärfen, ist Ziel in Müllers Wahlkampf 2016.

Im weißen Hemd und ohne Jacket verteilt Müller Rosen

„Müller treffen!“, so werden seine Auftritte angekündigt, mit Ausrufezeichen. Am Dienstagnachmittag steht Müller vor einem Einkaufszentrum in Marzahn, in blauer Anzughose und weißem Hemd, das Jackett hat er abgelegt, es ist auch im Wortsinn die heiße Phase des Wahlkampfes. Müller verteilt rote Rosen an Passantinnen. Ältere Damen greifen zu, ein paar jüngere gucken weg, Männer in kurzen Karoshorts mustern den Rosen-Mann misstrauisch. Viele erkennen den Regierenden Bürgermeister Berlins nicht. Vom Podium aus spricht Müller über seine Wahlziele. Wohnungsbau, Mieten, Bildung – und bietet dann das direkte Gespräch an. Es dauert eine Weile, bis sich ein Mann vorwagt, Mitte 30, Umhängetasche.

„Herr Müller, Sie müssen es doch wissen: Wird der BER jemals eröffnen?“ Der Regierende Bürgermeister seufzt, aber nur sehr leise, zieht die Mundwinkel nach oben, sagt: „Der BER wird eröffnen, so viel kann ich sagen“ – und schiebt sich unauffällig weiter. Die Mitstreiter reichen dem Spitzenkandidaten weitere Rosen, Kulis, das Wahlprogramm, ein SPD-rotes Frisbee für ein Kind, am Wahlstand gibt es sogar SPD-Sonnencreme.

„Wir sind eine offene und tolerante Stadt“

Müller lässt sich zum Selfie bitten mit einem weiblichen Fan, als ein Mann die nächste schwierige Frage stellt: „Warum wird in Marzahn schon wieder ein Flüchtlingsheim gebaut?“ Diesmal weicht Müller nicht aus. Der Bürgermeister erklärt dem Besorgten, dass Flüchtlinge in allen Bezirken der Stadt untergebracht würden. Dass es die passenden Flächen für die Modulbau-Heime eben hier gebe, zwischen den Plattenbauten von Marzahn. Und dass ja auch viel für die Integration der Flüchtlinge getan werde.

Weitere Passanten hören nun zu. Der Mann ist mit den Antworten nicht zufrieden, das sieht man ihm an. Ebenso wie man Müller anmerkt, dass er nichts versprechen will, was er nicht halten kann. Er wendet sich der nächsten Fragerin zu. Rosen, bitte.

Einen Satz wiederholt Müller überall: „Wir sind eine offene und tolerante Stadt.“ Auf dem Familienfest der SPD Ende Juli überreichte er zwei prominenten Schauspielern auf der Bühne ihre Parteibücher. In Marzahn ruft er vom Podium dazu auf, bitte wählen zu gehen. Und, bitte, das Kreuz bei einer demokratischen Partei zu machen. „Es muss ja nicht unbedingt die SPD sein.“ Nach einer Stunde gibt er allen die Hand und seinen Sicherheitsleuten ein Zeichen. Dann ist er weg.