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Kita-Platz werden in Berlin verzweifelt gesucht

Wahlkampfthema Kita-Plätze: In vielen Berliner Bezirken ist das Angebot für die Drei- bis Sechsjährigen zu gering. Und es fehlen auch immer mehr Erzieherinnen. Der Beruf ist schlecht bezahlt und deshalb unattraktiv geworden.

Adam ist spät dran, weil Mütter immer so trödeln, natürlich. Er hat kaum noch Zeit, die Jacke auszuziehen und seinen neuen Rucksack, den er für die Kita bekommen hat, an seinen Haken an der Garderobe zu hängen. Die anderen sitzen schon längst auf den beiden Bänken vor der Tür zum Garten und warten darauf, endlich nach draußen zu können, auf den Spielplatz. „Schau, Havim, das ist das neue Kind“, stellt ihn die Erzieherin vor. Adam lächelt. Und Havim, die Hübsche, wirft den Kopf zurück. „Das neue Kind hat gepopelt“, sagt sie. Die anderen lachen. Und so beginnt Adams zweiter Tag in der Kita „Prinz Rose“ an der Schierker Straße in Neukölln.

Er ist heute das einzige deutsche Kind hier. Deutsch ist für die Erzieherinnen ein pragmatischer Begriff. Er beschreibt nicht die Staatsbürgerschaft, deutsch ist einfach ein Kind, dessen Eltern beide immer schon Deutsche waren und deutsche Namen haben. 85 Prozent der Kinder in der Kita „Prinz Rose“ sind „ndH“, wie es in offiziellen Statistiken heißt. Nichtdeutscher Herkunftssprache. Aber auch das sagt wenig aus. Havims Mutter stammt aus Vietnam, der Vater aus der Türkei, und Havim spricht fließend und akzentfrei Deutsch. Ihre beste Freundin Samira auch, sie ist auch gerade fünf Jahre alt und trägt ihr Haar zu zwei Zöpfen geflochten, an denen die Jungs gerne ziehen. Sie möchte schon schreiben können und vergleicht die Buchstaben in den Namen der anderen Kinder mit ihren.

Ecenaz, drei Jahre alt, hat heute noch kein Wort gesprochen. Es ist ihr erster Tag in der Kita. Sie hat eine Babypuppe, die so rosa ist wie Ecenaz' Trainingsanzug, in einen Einkaufswagen gesetzt, und fährt sie durch die Kita. In der anderen Hand hält Ecenaz eine Spielzeug-Motorsäge, die sogar surrt.

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Seit viereinhalb Jahren leitet Marion Gumbrecht, 53, die Kita „Prinz Rose“. Früher, in den 80er- und 90er-Jahren, als sie hier als Erzieherin arbeitete, lag das Verhältnis zwischen deutschen und nichtdeutschen Kindern ungefähr bei 50 zu 50 Prozent. „Es waren auf der einen Seite die türkisch- oder arabischstämmigen Eltern, auf der anderen die Akademiker aus den Dachgeschossen“, erinnert sie sich. Heute gelten die Straßen in der Nachbarschaft, die Emser Straße und die Altenbraker Straße, die Schierker Straße und die Jonasstraße, als soziale Brennpunkte, und gerade die Eltern mit Migrationshintergrund fragen, wenn sie ihr Kind für einen Platz anmelden wollen: „Wie viele deutsche Kinder sind denn da?“

54 Plätze hat die Kita, und 20 Kinder stehen noch auf der Warteliste. Auch Adams Mutter hat zwei Jahre warten müssen, bis ihr Sohn aufgenommen wurde. Sie hatte ihn zunächst in eine andere Kindertagesstätte gebracht.

Dabei hätten sie sogar noch einen Platz frei in der Kita „Prinz Rose“. Doch Marion Gumbrecht braucht ein bestimmtes Kind, ein „ruhiges Mädchen, 2006 geboren“. In einer Gruppe kommen auf 15 kleine Jungen nur vier Mädchen, sie können sich ihre Kinder aussuchen.

Hinter Marion Gumbrechts Schreibtisch hängt ein Dienstplan. „Tigerenten Ayse“ steht an erster Stelle. Ayse, 28 Jahre alt, hat hier schon ihr Praktikum gemacht, seit sechs Jahren ist sie Kindergärtnerin. Sie spricht Türkisch, das hilft manchmal bei Gesprächen mit den Eltern. Obwohl die Leiterin darauf achtet, dass wenigstens ein Elternteil ausreichend Deutsch kann, um über die Kinder zu reden. „Nur ,Hallo' und ,Hat Ihr Kind etwas zu essen dabei?' ist mir einfach zu wenig“, sagt Marion Gumbrecht. Mit den Kindern sprechen alle ausschließlich Deutsch, und wenn ein Kind kein Deutsch kann, dann zeigen sie ihm mit Gebärden, wann es zum Beispiel Zeit zum Zähneputzen ist. „Trotzdem“, sagt die Leiterin, „ich glaube nicht, dass diese Kinder bis zur Einschulung den Rückstand aufholen können. Ich denke, die sind hinter den deutschsprachig aufgewachsenen Kindern immer noch ein Jahr zurück.“ Und: „Was soll ich hier mit Früh-Englisch anfangen, wenn einige Kinder noch nicht einmal Deutsch sprechen?“

Viele Eltern sind arbeitslos

Das ist das eine Problem. Das andere, sagt Ayse, ist die Arbeitslosigkeit. Zehn Kinder sind in ihrer Gruppe. „Von deren Eltern hat, so weit ich weiß, keiner Arbeit.“ Und montags, nach dem Wochenende zuhause, ist den Eltern aufgefallen, essen die Kinder immer besonders viel. „Das ist in allen Kitas in Neukölln so, dass die Kinder montags hungrig sind“, sagt Jens Ahrens, 56, als Kreisgeschäftsführer der AWO Südost auch zuständig für die Kitas der Arbeiterwohlfahrt. Für eine der AWO-Kitas haben die Rotarier-Frauen eine Patenschaft übernommen, sie organisieren und finanzieren Ausflüge. Einmal waren sie im Britzer Garten in Neukölln, nur wenige Kilometer von der Kita entfernt: „Da haben die Kinder sich hingesetzt und das Gras gestreichelt. Die hatten noch nie Rasen gesehen.“

Ahrens besucht die Kita „Grashüpfer“ in Karlshorst, gerade für 2,5 Millionen Euro modernisiert und erweitert. Das ist eine Kita, wo die Eltern, viele Akademiker, nach Früh-Englisch und jeder anderen denkbaren Fördermaßnahme fragen und nur das Beste wollen für ihre Söhne und Töchter. 160 Kinder können hier unterkommen, und es gibt sogar noch freie Plätze. Erst 123 sind vergeben. „Doch allein mit den Anmeldungen hier könnten wir gleich noch eine zweite Kita aufmachen.“ Simone Inceoglu, 39, die Leiterin, ist dazu übergegangen, nur noch Anmeldungen mit der Postleitzahl 10318 zu bearbeiten. Sonst ist die Arbeit einfach nicht zu schaffen, all die Anfragen von Eltern aus Friedrichshain, aus Mitte, aus Charlottenburg sogar. Gezählt hat sie die Anfragen irgendwann nicht mehr. Allein in Treptow-Köpenick, wo die AWO auch mit Kindertagesstätten stark vertreten ist und dennoch nie genug Plätze hat, weil so viele junge Familien dorthin ziehen, fehlten im vergangenen Jahr schon 800 Plätze, sagt Ahrens. In ganz Berlin sind 140.000 Plätze genehmigt, 122.000 vergeben. Doch allein in den vier Bezirken Neukölln, Reinickendorf, Treptow-Köpenick und Lichtenberg, in denen sein AWO-Kreisverband Kitas übernommen hat, rechnet Ahrens mit einem Mangel von 1500 Plätzen – mindestens. Bis 2015, so die Prognosen, werden für die Kinder unter drei Jahren weitere 2850, für die Drei- bis Sechsjährigen 5750 zusätzliche Plätze gebraucht. Und das Personal, um die Kinder zu betreuen.

So idyllisch wie in der Kita „Grashüpfer“ in Karlshorst sind die Kinder in der Kita „Märcheninsel“ nicht untergebracht. Die Kita liegt an der Charlottenstraße in einem Lichtenberger Neubaugebiet. Auch hier hat die Hälfte der Eltern keine Arbeit, schätzt die Leiterin. Trotzdem hat Simone Nickel, 49, heute wieder eine Mutter zu Besuch, die auf die „Märcheninsel“ hofft. Kathrin Helbig, 32, erwartet ihr erstes Kind. Seit dem Frühjahr sucht sie einen Kitaplatz für ihren Sohn, sie steht auf sechs Wartelisten. „Wir haben gewusst, dass es schwierig ist in Berlin. Aber dass es so schwer werden könnte, das haben wir nicht erwartet.“ Eine Zusage bekommt sie auch von Simone Nickel nicht. Diese verweist nur auf den Erzieherinnen-Mangel und verspricht, alles zu versuchen. Sie könnten 160 Kinder aufnehmen, haben aber nur 120 Plätze vergeben. Denn sie suchen noch Personal, Unterstützung für die 14 Erzieherinnen und die zwei Auszubildenden. Auch ihre Kita wurde gerade von der AWO saniert für mehr als zwei Millionen Euro, erst am 8. August konnten sie wieder einziehen. Die Erzieherinnen kamen, freiwillig und unbezahlt, eine Woche früher aus dem Urlaub, um alles vorzubereiten, damit die Kinder sich an ihrem ersten Tag auf der „Märcheninsel“ gleich wohlfühlen konnten. Ein paar Kartons stehen noch unausgepackt in den Ecken, einige Räume sind noch nicht vollständig eingerichtet.

Benny, 5, sieht die Modernisierung eher neutral: „Ich spiele sowieso am liebsten mit Autos. Und Puppentheater, wenn ich die Hexe kriege oder das große Krokodil.“ Helen, ebenfalls fünf Jahre alt, mag am liebsten den Raum, in dem die Erzieherinnen alte Kleider und Hüte hingehängt haben, damit die Kinder sich verkleiden können. „Da ist das Prinzessinnenkleid, in meiner Lieblingsfarbe Rosa.“

Sanierung kostete viel Geld

Finn, 4, interessiert sich wie Benny vor allem für Spielzeug-Autos – und die waren vor der Sanierung da und sind es noch, sodass er keine Meinung zu den neuen Räumen hat. Schulterzuckend: „Ja, ist jetzt bunt.“ Jens Ahrens erzählt die Geschichte etwas ausführlicher. 2004 sollte die Märcheninsel eigentlich geschlossen werden. Kein Bedarf, dachte man. „Wir haben die Kita wie den Grashüpfer von der öffentlichen Hand übernommen. Sie können sich nicht vorstellen, in welchem Zustand man uns die Gebäude übergeben hat. Verrottete Fenster, und egal, wie oft man geputzt hat, es stank aus jeder Toilette.“ Er ist sehr stolz auf das Sanierungsprogramm seines AWO-Verbandes, der für seine Kitas 7,5 Millionen Euro aufgebracht hat. Das löst jedoch höchstens die Hälfte seines Problems. Als Ahrens im Jahr 1976 bei der Arbeiterwohlfahrt anfing, gab es in Südost zwei Mitarbeiter. Heute sind es mehr als 400 – und es fehlen immer noch Leute. „Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen findet man kaum noch. Kein Wunder, bei dem Gehalt – das ist ja geregelte Armut. Es gilt ja leider das Prinzip: Kleine Kinder, kleines Geld.“ Außerdem, sagt Ahrens, gibt es das demografische Problem: „In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden in Berlin etwa 30 Prozent der Erzieherinnen altersbedingt ausscheiden.“

Christel Klabuhn, die ihr Alter sehr exakt mit „61,5 Jahre“ angibt, freut sich auch schon darauf. Sie betreut in der „Märcheninsel“ die Kleinsten. Seit 40 Jahren ist sie Kita-Erzieherin, sie hat Tausende von Kindern in den Arm genommen und getragen – und spürt das inzwischen auch, der Rücken schmerzt immer häufiger. „Ich persönlich, ich würde niemandem mehr zu diesem Beruf raten“, sagt sie. Vielleicht, wenn das, was Ahrens vorschlägt, einmal Wirklichkeit wäre – Kindergärtnerin als akademischer Beruf, eine Gleichstellung mit den Grundschullehrern. Aber sicher ist sich Christel Klabuhn da nicht.

Simone Nickel, die Kindergartenleiterin, schwankt auch zwischen Freude und Sorge, wenn sie erzählt, dass ihr Sohn Tobias, 22, jetzt ebenfalls Kindergärtner werden will. Andererseits, das hat sie auch Kathrin Helbig, der künftigen Mutter, erzählt, ist sie begeistert, weil sie auf der „Märcheninsel“ jetzt auch zwei Männer haben, Quereinsteiger in den Erzieherberuf. Jan Siebert, 42, war vorher Koch, arbeitete dann ehrenamtlich bei der AWO. Gerade geben Cam Ly, 4, und ihre beste Freundin Rahel, 4, bei ihm ihre schmutzigen Teller vom Mittagessen ab, damit er sie wegräumen kann. Cam Ly erzählt dabei etwas Aufregendes von Kängurus, die „hüpfen wie die Hasen, habe ich gesehen“. Es ist nicht ganz zu verstehen, worum es bei der Geschichte geht, aber Jan Siebert schaut sehr verständnisvoll. Manche Männer können das.

Im Nebenraum, in der Gruppe „Kleine Spatzen“, ist jetzt Zeit für den Mittagsschlaf. Die Kinder ziehen sich selbst die Matratzen aus den Regalen, breiten ein Tuch und ihre Decken darüber und warten auf „Leo Lausemaus“. Das ist ihre gewohnte Geschichte zum Mittagsschlaf. 69,8 Prozent der Berliner Kinder verbringen einen ganzen Arbeitstag in der Kita, werden mehr als sieben Stunden betreut, nur 8,3 Prozent bleiben weniger als fünf Stunden bei den Erzieherinnen. Einen größeren Anteil an Ganztagsbetreuung haben nur Sachsen (81,7 Prozent) und Thüringen (90,8 Prozent), in Brandenburg gehen nur 58 Prozent der Kinder sieben Stunden und länger in eine Kita. Trotzdem war das einigen Eltern noch nicht genug Betreuungszeit. Deswegen hängt an der Tür zur „Märcheninsel“ seit neuestem ein Schild: „Die Kita ist erst ab 6 Uhr geöffnet.“ Weil die Erzieherinnen immer eine halbe Stunde oder 15 Minuten früher da waren, gewöhnten sich einige Eltern an, ihr Kind auch früher zu bringen. Jetzt, seit dem Schild, warten sie wieder bis Punkt sechs Uhr.

Ecenaz spricht ihr erstes Wort

Die Gute-Nacht-Geschichte beginnt. „Leo Lausezahn hat einen Wackelzahn“, liest die Kindergärtnerin vor. Es gibt Protest. „Ich habe aber schon zwei!“, ruft Julie, 5. Was interessiert Leo, wenn er nur einen hat.

In der Kita „Prinz Rose“ herrscht gerade Aufregung. Normalerweise gehen die Kinder in Neukölln gelassen mit jeder Überraschung um. So hatte letztens jemand die Feuerwehrstange aus dem Kletterhaus im Garten geklaut, ein Kind stand morgens da und klagte: „Ich kann ja gar nicht mehr rutschen!“ Die Stange wird wohl schon bei irgendeinem Altmetallhändler sein, nehmen die Erzieherinnen an. Auch den Verlust der beiden Kita-Meerschweinchen haben alle irgendwann akzeptiert. Die Tiere waren von den Kindern so überfüttert und überstreichelt worden, dass eine Erzieherin sie mit nach Hause nahm und jetzt recht artgerecht hält. Doch jetzt, an diesem Mittag in der Kita „Prinz Rose“, hat Hussein, 5, Zeynap, 4, gekratzt. Im Gesicht. Das darf man nicht. Und so wartet die ganze kleine Gruppe angespannt, was Erzieherin Angelika Maier jetzt machen wird. „Auweia“, sagt Angelika Maier. Und: „Hussein, schau mal, was du da gemacht hast.“ Hussein zieht sich bedrückt hinter die Kasse des Spielladens zurück. Aber kein Kind will bei ihm einkaufen. Er ist traurig. Bis Ecenaz, die Schweigsame, auf ihn zukommt. Die Babypuppe hat sie unter den Arm geklemmt. Sie schaut Hussein an, und dann sagt sie ihr erstes Wort in der neuen Kita: „Auweia.“

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