Abgeordnetenhauswahl 2011

Die neue Sekundarschule teilt Berlin

Lehrer, Eltern und Schüler haben schon viele Reformen über sich ergehen lassen. Jetzt gibt es die neue Sekundarschule. Das Auswahlverfahren ist umstritten, für manche werden die Wege sehr lang.

Foto: David Heerde

Ferhat weiß nicht so recht, ob er lächeln darf oder doch lieber ernst wirken sollte. Nervös rutscht der zierliche schwarzhaarige Junge auf seinem Stuhl hin und her und entscheidet sich dann, möglichst cool zu bleiben. Ferhat ist zwölf Jahre alt, er kommt aus Kreuzberg und geht in die 8. Klasse. „Ich bin gut in der Schule“, sagt er mit fester Stimme. Später wolle er Anwalt werden, sagt er und lächelt nun doch. Er habe mal als Zeuge aussagen müssen. „Wie der Anwalt das gemacht hat, fand ich gut. So möchte ich später auch sein.“ Dass er dazu ein gutes Abitur braucht, ist Ferhat klar. „Ich schaffe das“, sagt er.

Vor einem Jahr wäre Ferhats Wunsch, Anwalt zu werden, aussichtslos gewesen. Denn vor einem Jahr hieß Ferhats Schule noch Eberhard-Klein-Oberschule und war eine Hauptschule. Jetzt ist sie eine Sekundarschule. Das heißt, Ferhat kann hier sein Abitur machen und danach Jura studieren, theoretisch jedenfalls. Denn noch klaffen Anspruch und Wirklichkeit der neuen Sekundarschule weit auseinander.

Als Ferhat sich im vergangenen Jahr für eine weiterführende Schule entscheiden musste, war in Berlin gerade eine große Schulreform in Gang gesetzt worden. Ferhat gehört zur ersten Schülergeneration, die nur noch zwischen Sekundarschule und Gymnasium wählen konnte. Eigentlich wollte Ferhat auf das Leibniz-Gymnasium gehen. Aber sein Vater meinte, das Gymnasium sei zu schwer für den Sohn. Gemeinsam mit seinen Eltern hat sich Ferhat dann die integrierte Sekundarschule Skalitzer Straße ausgesucht, nur zehn Minuten entfernt von seinem Zuhause. Ferhat sagt: „Auch hier kann ich das Abitur machen.“ Und es klingt fast ein wenig trotzig, so, als müsse er sich noch immer rechtfertigen für diese Entscheidung. Ferhats Freund Emre wollte von Anfang an in die Schule an der Skalitzer Straße. „Mein Onkel hat mir diese Schule empfohlen, er war früher hier selbst mal Schüler“, sagt er. Emre will Erzieher werden. „Mein letztes Zeugnis war schon ganz gut. Ich habe mich auch viel mehr angestrengt als an der Grundschule“, sagt er.

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Die beiden Jungen wissen, dass ihre Schule früher eine Hauptschule war. Vom schlechten Ruf, den die Schule damals hatte, wissen sie nichts. Die Eberhard-Klein-Oberschule war im Jahr 2003 in die Schlagzeilen geraten, weil sie die erste Berliner Schule war, an der kein deutsches Kind mehr lernte. Doch nicht nur deshalb sind die Anmeldungen an dieser Schule immer mehr zurückgegangen. Viele Berliner Eltern wollten ihre Kinder nicht mehr an eine Hauptschule schicken. Sie hatten genug von dieser Schulform, die längst als Sammelbecken für die schlechtesten Schüler galt. Deren Absolventen kaum eine Chance hatten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, selbst dann nicht, wenn ihnen ein guter Abschluss gelungen war. Jahrelang ist deshalb über die Auflösung der Hauptschule diskutiert worden – ohne Folgen. Erst Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) wagte sich an dieses heikle Thema. 2008 stellte er ein Konzept zum Umbau der Oberschulen vor. Zöllner schaffte es, seinen Plan durchzusetzen, im Januar vergangenen Jahres beschloss das Abgeordnetenhaus dann die Umstrukturierung im Oberschulbereich. Die Reform wurde anschließend zügig umgesetzt. So gingen bereits zu Beginn des vergangenen Schuljahres fast alle Haupt-, Real- und Gesamtschulen in der integrierten Sekundarschule auf. Lediglich acht Schulen starteten erst mit diesem Schuljahr. Nun gibt es im Oberschulbereich neben 118 Sekundarschulen nur noch 92 Gymnasien.

Die Sekundarschule soll eine Schule für alle sein. Sie bietet ihren Schülern alle Abschlüsse bis hin zum Abitur, für das die Schüler hier 13 Jahre lernen müssen. Die Hochschulreife zu erreichen dauert somit ein Jahr länger als am Gymnasium. Doch in den Bildungsstandards und den Schulabschlüssen sind beide Schulformen gleichrangig. Bildungssenator Zöllner will so die Chancengleichheit der Berliner Schüler verbessern. Die Hauptschule und ihr Stigma sollten in Berlin endgültig abgeschafft werden.

So steht es zumindest auf dem Papier. So erklären es die Lehrer ihren Schülern. Ferhat sagt: „An der Sekundarschule lernen alle Kinder zusammen. Die Besseren helfen denen, die Probleme haben.“ Und wie sieht der Schulalltag aus? Ferhat kichert. „Meist helfen die Kinder sich nicht“, sagt er. Viele hätten sowieso keine Lust zum Lernen.

Das Lerntempo verringert sich

Genau das beobachtet auch Ingrid Seefeld (Name von der Redaktion geändert). Die 52-Jährige unterrichtet an einer Realschule, die im vergangenen Jahr zur Sekundarschule wurde. „Wir haben viele Schüler mit einer Hauptschulempfehlung aufnehmen müssen“, sagt die Lehrerin, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Diese Schüler säßen nun mit denjenigen, die eine Realschulempfehlung hatten, und einigen, die sogar ans Gymnasium hätten gehen können, in einer Klasse. Die Reform sei zwar ein ehrgeiziges soziales Projekt, in der Realität aber führe das unterschiedliche Wissensniveau der Schüler zu einer Verringerung des Lerntempos der gesamten Klasse. Lernwillige Schüler würden darunter leiden und sich mehr und mehr nach unten ziehen lassen. Als Lehrerin könne sie nicht viel dagegen tun, sagt Seefeld. „Wie soll das gehen bei 25 Schülern pro Klasse, in der von Sonderschülern über verhaltensauffällige Kinder bis hin zu Gymnasiasten alles vertreten ist?“ Man schaffe es einfach nicht, jeden so zu unterstützen wie er es brauche. Ingrid Seefeld meint, dass schwache Schüler an den Hauptschulen besser gefördert worden seien. Dort seien höchstens 18 Schüler in einer Klasse gewesen, die meist von zwei Lehrern unterrichtet wurden. Um die Förderschüler hätten sich zusätzliche Sonderpädagogen gekümmert.

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In der Sekundarschule Skalitzer Straße ist das Kollegium weniger pessimistisch. Schulleiter Bernd Böttig sagt: „ Ohne die Reform würde es unsere Schule längst nicht mehr geben.“ Die Eberhard-Klein-Hauptschule fusionierte vor einem Jahr mit der Carl-Friedrich-Zelter-Hauptschule zur Sekundarschule. Standort der neuen Schule ist das Gebäude der Eberhard-Klein-Schule an der Skalitzer Straße 55. Schulleiter Böttig verkündet stolz, dass mit der Reform wieder mehr Eltern ihre Kinder an seiner Schule angemeldet haben. Statt wie in den vergangenen Jahren fünf oder sechs konnte er mehr als 40 Anmeldungen verbuchen. Das reicht zwar nicht, um vier siebte Klassen mit jeweils 22 Schülern zu füllen. Doch es ist ein Anfang, mit dem die Schule leben kann. Die restlichen Schüler wurden ihr zugewiesen. Darunter auch Kinder aus weit entfernten Stadtteilen wie Lichtenrade. „Das hat schon für Aufregung bei den betroffenen Familien gesorgt und für böse Anrufe in der Schule“, sagt Böttig. Diese Kinder seien am Ende aber doch in nähergelegenen Schulen untergekommen.

Der Schulleiter bleibt dabei. „Es wird sich herumsprechen, dass wir jetzt eine Oberschule für alle Kinder sind“, sagt er. Das Ganztagsangebot seiner Einrichtung mit Mittagessen, Freizeit- und Förderkursen werde mehr und mehr Eltern überzeugen. Schließlich kämpfen er und sein Kollegium sogar darum, eine Abiturstufe an der Schule einzurichten. Die Senatsbildungsverwaltung ist zwar dagegen, doch die Schulstadträtin Monika Herrmann (Grüne) aus Friedrichshain-Kreuzberg unterstützt die Schule.

Für Böttig steht fest, dass es in diesem Schuljahr ruhiger wird. Im vergangenen Jahr habe man die Fusion verkraften und den Umzug der Zelter-Schule organisieren müssen. Es sei nicht leicht gewesen, die Kollegien zu vereinen, so Böttig. Die Zelter-Schule war eine kleine, übersichtliche Einrichtung, weshalb manchen Kollegen die Eingewöhnung an der großen Schule schwerfiel. „Einige haben sich versetzen lassen“, sagt Böttig. Während der Schulleiter vor allem die Vorzüge der integrierten Sekundarschule beschwört, berichten seine Schüler weniger Schönes. Ferhat sagt, dass die meisten Kinder keinen Spaß am Lernen haben und deshalb sehr laut im Unterricht sind. „Sie lachen viel und machen dumme Witze. Die Lehrer müssen oft schreien, um für Ruhe zu sorgen.“ Es sei nicht leicht, sich zu konzentrieren. Auch seine Mitschülerin Zeynep (14) sagt, dass viele ihrer Klassenkameraden den Unterricht stören und die Lehrer ärgern würden. „Meist ist es viel zu laut.“

Johannes Neuwirth ist der Mathematiklehrer von Ferhat, Emre und Zeynep. Der 59-Jährige erlebt die schwierige Zusammensetzung vieler Klassen jeden Tag. Dennoch begrüßt Neuwirth, der seit 1988 in der Schule an der Skalitzer Straße unterrichtet, die Schulreform. „Allen Schülern gerecht zu werden, ist eine große Herausforderung für uns Pädagogen“, sagt er. „Wir stehen da noch ganz am Anfang.“ Ob die Reform erfolgreich sein wird, hängt für Neuwirth jedoch nicht nur vom Können der Lehrer, sondern auch vom Budget einer Schule ab. Ausreichend Personal, gute Freizeitangebote und eine umfassende Fortbildung der Lehrer müssten finanziert werden. Nötig seien auch bauliche Veränderungen. „Die Schüler können nicht den ganzen Tag in Klassenstärke in einem Raum verbringen.“ Bisher stünden jedoch viel zu wenig Mittel zur Verfügung, kritisiert Neuwirth.

Allein die Leistung zählt

Und es gibt noch einen Haken. Mit der Reform haben sich auch die Auswahlkriterien für sehr beliebte Schulen verändert. Nun spielt es keine Rolle mehr, wie nahe ein Schüler an seiner Wunschschule wohnt. Stattdessen zählt allein seine Leistung. Die Schulen können sich 60 Prozent ihrer Schüler selbst aussuchen, zehn Prozent der Plätze werden an Härtefälle vergeben, 30 Prozent ausgelost. Als Auswahlkriterium haben fast alle Schulen den Notendurchschnitt der Bewerber festgelegt. Dieses Verfahren ist gerichtsfest. Bei den Sekundarschulen führte das dazu, dass besonders beliebte und damit stark nachgefragte Einrichtungen sich die besten Schüler aussuchen konnten und somit faktisch zu Gymnasien wurden. Im Gegenzug bekamen die wenig gefragten Schulen die restlichen Kinder mit dem schlechteren Notenschnitt zugewiesen. Auf diese Weise würden sich „Restschulen“ herausbilden, warnen Bildungsexperten. Schulen wie die Gustav-Langenscheidt-Sekundarschule in Schöneberg oder die Heinrich-Mann-Sekundarschule in Neukölln sind ein Beispiel dafür. Dort haben sich die Kollegien bereits über das schwierige Schülerklientel beklagt.

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Besondere Probleme gab es in diesem Jahr in Tempelhof-Schöneberg. Dort konnten sich so begehrte Sekundarschulen wie die Sophie-Scholl-Schule, die Gustav-Heinemann-Schule oder die Carl-Zeiss-Schule vor Anmeldungen kaum retten. An der Sophie-Scholl-Schule hatten sich 465 Interessenten auf 223 Plätze beworben. Insgesamt erhielten 850 gute Schüler aus anderen Bezirken einen Schulplatz in Tempelhof-Schöneberg, Kinder aus dem Bezirk hatten deshalb das Nachsehen. Tempelhof-Schöneberg musste mehr als 1000 Erstwünsche ablehnen. Vielen Schülern wurden stattdessen Plätze in zum Teil weit entfernten Schulen zugewiesen. So auch Lucas Gröbler. Der Zwölfjährige aus Lichtenrade sollte nach Lichtenberg zur Schule gehen. An seinen Wunsch-Schulen, der Carl-Zeiss-und der Gustav-Heinemann-Schule, hatte Lucas mit einem Notendurchschnitt von 2,7 keine Chance.

560 Euro im Monat

Seine Mutter Heike Gröbler ist noch immer aufgeregt, wenn sie davon erzählt, wie schwer es war, für Lucas einen Schulplatz zu finden. Die Odyssee begann mit dem Ablehnungsbescheid vom 9. April und endete kurz vor den Sommerferien mit der Zusage für einen Privatschulplatz. Gröblers müssen nun monatlich etwa 560 Euro für den Schulbesuch ihres Sohnes bezahlen. „Wir haben Glück, dass wir uns das leisten können“, sagt Heike Gröbler. Die Mutter ist empört über die Entscheidung des Bezirks, der Lucas einen Schulplatz an der Lichtenberger Schule am Rathaus zugewiesen hatte. „Abgesehen davon, dass Lucas mindestens 50 Minuten bis zur Schule gebraucht hätte und aus seinem sozialen Umfeld herausgerissen worden wäre, handelt es sich bei dieser Schule um eine ehemalige Hauptschule mit dem Schwerpunkt der Förderung von lernbehinderten und verhaltensauffälligen Schülern", sagt sie. „Eine derartige Schule haben wir für unseren Sohn nicht ausgewählt."

Gröblers hatten sich bereits Monate vor dem anstehenden Schulwechsel nach einer geeigneten Einrichtung für Lucas umgesehen und sich gemeinsam mit ihrem Sohn schließlich für die Carl-Zeiss-Sekundarschule entschieden. „Wir wollten eine Schule, die nicht nur auf die Leistungen, sondern auch auf das soziale Engagement ihrer Schüler Wert legt“, sagt Heike Gröbler. Ihr Sohn sei seit Jahren in der Jugendfeuerwehr Lichtenrade aktiv und wolle dort auch weiterhin mitarbeiten. An der Carl-Zeiss-Schule sei das positiv aufgenommen worden. „Es gehört zum Profil der Schule, die Kinder bei solchen Einsätzen zu unterstützen“, sagt Heike Gröbler. Doch dann kam der Ablehnungsbescheid. An der Carl-Zeiss-Schule hatten nur Schüler, deren Notenschnitt besser als 2,5 war, eine Chance. Alle anderen mussten auf das Losglück hoffen. Doch Lucas hatte kein Glück. Sein Bezirk wollte ihn stattdessen nach Lichtenberg schicken.

Gröblers klagten gegen diese Entscheidung vor Gericht. Ohne Erfolg. Da aber auch an allen anderen in Frage kommenden Schulen ein Numerus clausus herrschte, blieb ihnen nichts weiter übrig, als Lucas an einer Privatschule anzumelden. Selbst das war nicht so einfach, weil viele schon keine freien Plätze mehr hatten. „Uns hat die Sekundarschulreform nichts gebracht“, sagt Heike Gröbler. Bitter.