Abgeordnetenhauswahl 2011

Berlin ist eine Hochburg der Kunst

Berlin ist die Kultur-Metropole in Europa. 10.000 Künstler leben in der deutschen Hauptstadt, 400 Galerien vertreten sie. Aber eine nachhaltige Förderung fehlt. Private Initiative ist gefragt.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Sally Underwoods lässige Frisur ähnelt ein wenig dem krausen Bienenkorb der verstorbenen Amy Winehouse. Underwood kommt auch aus London und ist Künstlerin. „Hier habe ich ein riesiges Wohnatelier in Kreuzberg“, erzählt sie, „das würde ich in London nie bekommen.“ Sie braucht viel Platz für ihre Skulpturen. Ohnehin sei hier alles offener und freier als an der Themse. „Halt entspannt“, sagt Sally Underwood. Ihre Wohnung in der britischen Metropole hat sie verkauft, davon lebt sie jetzt. Wie lange sie bleiben wird? „Keine Ahnung.“ Sie zuckt die Schultern. Eigentlich sollten es nur einige Monate werden, jetzt sind es schon drei Jahre. So wie ihr geht es vielen anderen Künstlern auch.

Berlin gilt als die Kunst-Hochburg Europas, als bester Produktionsort für jene, die Kunst machen. Wer als Künstler etwas auf sich hält, zieht hierher oder unterhält zumindest ein kleines Wohnatelier als Zweitadresse. Um nur einige Namen zu nennen: Olafur Elliason, Monica Bonvincini und das kanadische Künstlerduo Janet Cardiff/ George Bures Miller leben in der Stadt. Auch Sammler zog es in den letzten Jahren verstärkt nach Berlin, teilweise gleich mit eigenen Kunsthäusern wie Christian Boros mit seinem spektakulären Bunker oder Thomas Olbricht mit seinem „me collectors room“ in der Auguststraße, gleich neben den Kunstwerken angesiedelt. „Toll und wichtig ist, wie in Berlin die soziale, die politisierte und die Kunstszene zusammenfließen. Alltagsrealität geht hier mit Hight-End-Kunstleben zusammen“, sagt Galerist Oliver Körner von Gustorf. Ein Grund für ihn, ab Dezember mit seiner Galerie „September“ aus der Charlottenstraße ins Areal am Kottbusser Tor umzuziehen. Eine ehemalige Näherei mit 320 Quadratmetern an der Adalbertstraße wird sein neues Domizil, „weil da unglaublich viel passiert“.

Diese schillernde Anziehungskraft Berlins hat natürlich auch ganz einfach monetäre Gründe: Es gibt Platz und Räume, und die Mieten sind noch relativ preiswert.

Einer, der sich in der Szene und mit anderen Großstädten bestens auskennt, ist Judy Lybke. Mit „Eigen + Art“ an der Auguststraße ist er einer der führenden Großgaleristen Berlins, ein Profi in Kunstvermarktung und weltweit unterwegs auf Messen von Shanghai, Hongkong bis Mexiko. Elf internationale Messen hat er dieses Jahr bestückt – ein guter Gradmesser für seine globale Geschäftstüchtigkeit. „Der Standort Berlin ist exzellent, nicht nur was den günstigen Wohnraum betrifft. Es existieren Freiräume wie in keiner anderen Großstadt.“ Judy grinst und sagt: „Hier kann man sich ohne großen finanziellen Hintergrund, ohne riesiges Netzwerk prinzipiell jeden Tag als Künstler neu erfinden.“ Aber er weiß natürlich, dass man „schnell anfängt, aber auch schnell wieder aufhören kann“.

Diese Art der Improvisation, die Atmosphäre des Unfertigen, das Gefühl des Um- und Aufbruchs, aber auch die Vielfalt der sich ständig wandelnden Szenen in den Kiezen, egal ob in Schöneberg, Kreuzberg oder Mitte, all das macht die Anziehungskraft Berlins für Künstler wie Sally Underwood aus. Hinzu kommt, dass es abseits der Museen und der kommerziell ausgerichteten Galerien noch die unorganisierte Szene gibt. In Räumen wie dem „Autocenter“, bei „After the Butcher“ oder im „Bosso“ können sich Künstler treffen, ausstellen, kuratieren und ganz unkompliziert ein Netzwerk bilden. Dort entstehen nicht selten tolle Ideen.

In Berlin leben mehr Künstler als in jeder anderen europäischen Metropole. Beim Landesverband Berliner Galerien geht man von rund 10000 Künstler in der Stadt aus. Etwa 6000 werden von den rund 400 Galerien der Stadt vertreten. Etwa zehn bis 15 Künstler hat eine Galerie durchschnittlich im Portfolio. Allerdings nur zehn Prozent der Galerien machen überdurchschnittlich gute Umsätze, 30 Prozent durchschnittliche, die übrigen, das sind immerhin 60 Prozent, wirtschaften unterdurchschnittlich, wie Annemone Vostell vom Landesverband errechnet hat. Das bedeutet, die Künstler leben am Existenzminimum. „Dennoch gibt es einen dynamischen Zuzug von Künstlern und auch Galerie-Neueröffnungen“, erzählt sie. Allein vier werden zum Galerienherbst Anfang September neue Räume aufmachen.

Jung, offen, unkonventionell

Die zeitgenössische Kunst ist das Pfund, mit dem Berlin wuchern kann. Internationale Magnetkraft und darüber hinaus ein Imagefaktor – so beschreibt Klaus Wowereit, Bürgermeister und Kultursenator in Personalunion, die Bedeutung der Kultur für Berlin. Jung, offen – und ein wenig unkonventionell, wahlstrategisch nicht unwirksam. Kulturpolitik, so Wowereit im SPD-Wahlprogramm, sei wichtig für Berlin, sie solle Wohlbefinden, Integration und Kreativität befördern. Doch zum Stichwort „zeitgenössische Kunst“ finden sich nur wenige vage Zeilen.

Ein Thema, über das seit Jahren heftig diskutiert wird, ist der Plan, eine Kunsthalle für Gegenwartskunst in Berlin zu eröffnen. Für Wowereit ein Prestigeprojekt. Also versprach er den Berlinern und den Künstlern ein eigenes Kunsthaus – Aushängeschild einer kreativen Metropole. Doch ausgerechnet im Wahljahr wurde sein lang gehegter Plan für die 30 Millionen Euro teure Halle auf Eis gelegt – unter Beteiligung seiner eigenen Partei. Als abgespeckte Variante blieb die sommerliche „Leistungsschau“, die nicht weniger als eine Momentaufnahme der aktuellen Kunstproduktion sein sollte. Ehe sich Wowereit versah, war der Anfang dieser Leistungsschau misslungen. Erst musste der Standort am Humboldthafen mit mobiler Ausstellungsarchitektur aufgegeben werden, angeblich war die Ufersicherung mangelhaft. Dann folgte eine riesige Protestaktion, in der sich der geballte Unmut einer Kunstszene kundtat, die sich sonst eigentlich nie kollektiv äußert. Der Protestbrief, der sich am Titel „Leistungsschau“ entzündete, zeigte im Kern eigentlich nur, wie weit Künstler und Politiker voneinander entfernt sind. Angeprangert wurde nicht nur das Konzept, sondern auch die offensichtliche Instrumentalisierung von Kultur für stadtpolitische Ziele. „Was ist von einer Kulturpolitik zu halten, wenn die Museen der Stadt aus Geldnot nur noch wenig ausstellen können? Wenn Ateliers und Wohnungen für Künstler immer teurer werden“, fragt Kuratorin Ellen Blumenstein, die die Protestfront „Haben und Brauchen“ anführte.

Kultur-Metropole Berlin:

>>> Drei Fragen an Volker Thiel (FDP)

>>> Drei Fragen an Alice Ströver (Grüne)

>>> Drei Fragen an Wolfgang Brauer (Linke)

>>> Drei Fragen an Michael Braun (CDU)

>>> Drei Fragen an Brigitte Lange (SPD)

So wurde Wowereits Kunsthalle für ihn zum Bumerang. Im Juli kam das Aus. „Bau- und Betriebsmittel für eine städtische Kunsthalle ließen sich leider nicht durchsetzen“, hieß es in wenigen Worten in einer Mitteilung. Dies und auch das wenig schmeichelhafte, abrupte Ende für das landeseigene Art Forum, die Kunstmesse der Stadt, wirft freilich kein glänzendes Licht auf Wowereits Kulturpolitik.

Kultur als Chefsache? Einer wie Christoph Tannert, Chef des internationalen Künstlerhauses Bethanien, hat dazu eine klare Meinung. „Berlin“, so sagt er, „braucht einen starken Kultursenator, inspirierend und debattenbelebend und zudem Politikberater, dann wären Diskussionen wie jene um die Kunsthalle auch nicht ins Lächerliche gezogen worden.“ Die Leistungsschau, also die 1,4 Millionen Euro teure Ausstellung „Based in Berlin“, hätte wie ein „Wahlkampfgeschenk“ gewirkt, sagt Tannert. Das Konzept sei hilflos, wenig plausibel und viele künstlerische Positionen reine „Durchläufer“ gewesen. Absurd sei auch gewesen, „einen Pool von hinter den Ohren grünen Jungkuratoren zu berufen, die von zwei Super-Nannys betreut wurden“. Er meint die internationalen Kuratoren, den MoMA-Mann Klaus Biesenbach und Hans-Ulrich Obrist aus London. Aufregen kann er sich auch immer noch über den anfänglichen Titel „Leistungsschau“. Der Begriff hätte etwas von einer „Herrschaftskunstattitüde“ gehabt, irgendwie erinnere ihn der an die verordneten Bezirkskunstausstellungen in der DDR.

Ein Masterplan für die Kultur?

Berlin sei aber, so fügt Tannert an, in einer extrem zwiespältigen Situation. Die Stadt sei in 20 Jahren aufgeblüht, viele Wellen von Veränderungen hätten sie geformt und ständig strömten neuen Generationen von Künstlern in die Stadt. Tannert hat das Gefühl, dass die Politiker da nicht mithalten können. „Es fehlt ein Masterplan für die Kultur. Visionen für die Zukunft“, sagt der Bethanien-Chef. Tannert meint damit, dass die Kunst den Schutz brauche, um nicht zur nächsten marktkonformen Stadt zu werden. Dabei brauche die Hochkultur eine andere Förderung als die Subkultur, die bekanntlich von freien Räumen lebe.

Ansonsten aber möchte Tannert gar nicht meckern, seine Situation ist gut. Er bekommt eine Landesförderung in Höhe von 712000 Euro, und nach dem Umzug vom Mariannenplatz im alten SO 36 in ein saniertes Fabrikgebäude an der Kohlfurter Straße 41-43 ist das Bethanien nun mittendrin in der turbulenten Szene rund um das Kottbusser Tor. Mit den lichten Ladenfestern sind die Ausstellungen für alle einsehbar, so gehören auch vorbeilaufende Rucksacktouristen zum interessierten Publikum. Tannert weiß, dass er im Vergleich zu anderen Kunsthäusern durchaus in einer profitablen Lage ist. Er hat im neuen Haus – ein Projekt des Karstadt-Investors Nicolas Berggruen – mehr Platz, mehr Stipendien, statt 20 wohnen jetzt 25 Künstler dort. Sie kommen aus aller Welt – aus Australien, Korea oder auch aus Slowenien

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365 Millionen Euro stehen dieses Jahr im Kulturhaushalt des Senats zur Verfügung, davon gehen 200 Millionen Euro an die Bühnen, Bibliotheken und Musikschulen. In den Bereich Kunst fließt nur ein Bruchteil des Berliner Kulturetats – 12,35 Millionen Euro. Nicht viel für den von Wowereit wortreich umschwärmten offenen „Kreativbereich“. Von den rund zwölf Millionen fließen schon sechs Millionen Euro an das Landesmuseum Berlinische Galerie. Das Haus hat den Auftrag, die in Berlin entstandene Kunst historisch authentisch und so aktuell wie möglich zu sammeln und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Problem: Einen Ankaufsetat gibt es nicht. Die zwei Kunstvereine, der NBGK und der NBK, erhalten zusammen 1,5 Millionen Euro. Die vitalen Kunstwerke in der Auguststraße bekommen etwa eine halbe Million Euro. Stipendien für junge Berliner lässt sich der Senat 340000 Euro kosten. Atelierprogramme werden mit 1,2 Millionen Euro gefördert. Ein Tropfen auf dem heißen Stein angesichts der Wartelisten für Studios. Im SPD-Wahlprogramm Kultur heißt es dazu schlicht: „Die sozialdemokratische Kulturpolitik muss sich deshalb verstärkt der Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen der freien Szene zuwenden.“

Ein Atelier gegen ein Kunstwerk

Künstlerin Juliane Solmsdorf, die bei Katharina Sieverding an der Universität der Künste studiert hat, kennt das Problem. Umzüge gehören zu ihrem Leben. Derzeit arbeitet sie in einem kleinen Atelier an der Fehrbelliner Straße in Mitte. „Ich würde mir wünschen, Wowereit würde den enormen Leerstand, den es in der Stadt gibt, besser nutzen. Diese Räume könnten temporär an Künstler gegeben werden.“ Sie hat auch schon eine Lösung, wie das gehen könnte. „Denkbar wäre eine Art Tauchsystem. Der Künstler gibt für die Nutzung ein Werk in eine Sammlung. Kunst gegen Raum.“ Was ihr fehlt an den Politikern, sei eine nachhaltige Auseinandersetzung darüber, wie man mit dem Problem der Künstler umgeht beziehungsweise auch deren Ideen in einem Dialog nutzt, sagt die 34-Jährige. Sie war eine von den 80 Künstlern, die an Wowereits Sommerschau teilgenommen haben. Doch sie hatte nicht das Gefühl, dass es wirklich „eine Verbindung zwischen den Künstlern und dem Politiker“ gab. Noch besitzt sie genug Idealismus, die Dinge, die ihr wichtig sind, selbst in die Hand zu nehmen. Ab September wird Juliane Solmsdorf zusammen mit anderen Künstlern einen Projektraum im unteren Umlauf des Fernsehturms bespielen. Dort sollen jede Woche andere Ausstellungen zu sehen sein, die sie organisieren wird. Der Raum „D4“ kostet keine Miete. Die Vermieter sind daran interessiert, dass das Touristenziel belebt bleibt, und die Ausstellungen könnten eventuell Neumieter anziehen. „Die Atmosphäre am Fernsehturm ist für die Kunst seltsam und speziell“, erzählt sie. Zudem organisiert sie noch eine Bar im Wedding, „Smaragd“, heißt diese, zwei Mal die Woche ist dort geöffnet. Dort soll bewusst keine Kunst gezeigt werden, der Treffpunkt versteht sich als kreative Plattform für Künstler, Musiker und Schauspieler, „wo wir neue Ideen entwickeln, diskutieren und Musik machen“.

Eigeninitiative, das ist auch das Schlagwort für Judy Lybke. Mit Parteipolitik hat er nichts am Hut, sagt er, viel Unterstützung erwartete er von dieser Seite nicht. Er begreift sich in seiner Position als Galerist ohnehin als Solitär, der dem eigenen Kompass folgt. Sein Motto: Wer etwas ändern will, soll selbst anpacken. Engagement ist für ihn ein Projekt wie die ehemals von Mäzen Dieter Rosenkranz finanzierte temporäre Kunsthalle am Schlossplatz, bei freiem Eintritt für jedermann zugängig. „Andere Großstädte“, sagt Judy Lybke, „fressen dich auf, aber Berlin braucht dich, braucht privates Engagement. Berlin wird nicht gemacht durch Politik, sondern von Leuten, die agieren!“ Was ihn nur wirklich ärgern kann, ist, wenn Kunst als „weiche Währung“ nicht ernst genommen wird. Wenn er sich irgendwo vorstellt, erzählt der Galerist, bezeichne er sich als Unternehmer. „Künstler sind Wirtschaftsträger, das ist eine knallharte Situation, es geht um Umsatz und Arbeitsplätze.“ Das haben in Berlin noch nicht alle begriffen.