Abgeordnetenhauswahl 2011

Hartz-IV-Empfänger – Teure Hilfe für Familien

Seit Jahren explodieren die Kosten, wenn Eltern staatliche Unterstützung brauchen. Der Bedarf in den Hartz-IV-Haushalten steigt – und die Arbeitsbedingungen für die Helfer werden schlechter.

Nein, gewöhnt hat sie sich an diese Umgebung noch immer nicht. Juliane Fiehling* arbeitet schon ein paar Jahre hier, vier, fünf Tage pro Woche. Den Kopf schüttelt sie trotzdem fast jedes Mal, wenn sie mit ihrem Auto einbiegt in diese Welt aus weißen und gelben und beigefarbenen Plattenbauten. Es wirkt fast, als widere die Familienhelferin diese Gegend an. Wenn sie „Märkisches Viertel“ sagt, dann schaut sie pikiert wie eine alte Dame, die genötigt wird, mit ihren Händen zu essen. Aber wer will ihr das verdenken, sie hat viel Elend gesehen.

Junge Mädchen, die von anderen Jugendlichen verprügelt wurden. Überforderte, depressive Eltern. Alleinerziehende Mütter mit vier Kindern. Lehrer, die innerlich längst gekündigt haben. Jeder Fall anders und doch irgendwie gleich. Es ist nicht so, als mache ihr der Job keinen Spaß, „sonst wäre ich längt krank oder berufsunfähig oder hätte gewechselt“, sagt sie. Sie schätze es sehr, immer wieder neue Menschen kennenzulernen, nicht den ganzen Tag im Büro zu sitzen, zu helfen. Aber, nun ja, gerade schön sei das hier eben nicht. Aber sie kann es sich auch nicht aussuchen. Juliane Fiehling, blondes Haar, groß gewachsen, Piercing in der Nase, macht den Job jetzt seit fast 20 Jahren. Sie hat dutzende Familien beraten, nette und weniger nette, in fast allen Bezirken. Das geht an niemandem einfach so spurlos vorüber. Ihre Abgrenzung, sie ist auch ein Selbstschutz.

Juliane Fiehling, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist ausführendes Organ eines riesigen Apparats, der „Hilfen zur Erziehung“ (HzE) heißt und in der Bundesrepublik allein 2009 rund fünf Milliarden Euro verschlungen hat. Für Beratung, soziale Gruppenarbeit, Vollzeitpflege, Heimerziehung und eben jene Familienhelfer wie Juliane Fiehling. Von den rund fünf Milliarden Euro hat das Land Berlin allein 408 Millionen und damit fast 13 Prozent ausgegeben. In Berlin leben nur knapp mehr als vier Prozent der Einwohner Deutschlands. Wer diese beiden Zahlen nebeneinanderlegt, ahnt, dass die Probleme in dieser Stadt größer sind als anderswo.

Da wären zunächst die Kosten. Die Kalkulation gelingt dem rot-roten Senat schon längst nicht mehr. 2009 lagen die Ausgaben der Bezirke fast 90 Millionen Euro über dem ursprünglichen Etat, 2010 noch einmal rund 50 Millionen Euro darüber. Anfang August verhängte der Bezirk Spandau, dessen HzE-Kosten bereits 2010 um 50 Prozent in die Höhe geschnellt waren, eine Haushaltssperre. Der Grund: Die HzE-Kosten lagen schon zu diesem Zeitpunkt 3,5 Millionen Euro über der veranschlagten Summe.

Hartz IV in Berlin:

>>>Drei Fragen an Ülker Radziwill (SPD)

>>>Drei Fragen an Emine Demirbüken-Wegener (CDU)

>>>Drei Fragen an Elfi Jantzen (Grüne)

>>>Drei Fragen an Sebstian Czaja (FDP)

>>>Drei Fragen an Margrit Barth (Linke)

In Neukölln kam es Mitte Juli wegen der Hilfen zur Erziehung zu einem öffentlichen Streit zwischen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) und der Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne). Buschkowsky warf der Stadträtin vor, ihren Haushalt zu überziehen. Für die Erziehungsunterstützung werde sie in diesem Jahr 4,1 Millionen Euro, also fast zehn Prozent, mehr ausgeben als geplant. „Das ist Misswirtschaft“, sagte der auch für Finanzen zuständige SPD-Mann und kündigte kurzerhand 68 Jugendhilfe-Projekten und Schulstationen die Verträge. Gabriele Vonnekold war zu diesem Zeitpunkt im Urlaub. Ein Aufschrei ging durch Berlin, Experten meldeten sich zu Wort. Einhellige Meinung: Natürlich müsse gespart werden, aber doch nicht bei Kindern und Jugendlichen. Letztlich wurde die Kündigung wieder zurückgenommen. Man sollte meinen, dass diese Misskalkulationen gerade im Wahlkampf Angriffsflächen böten. Doch die Opposition macht selbst vier Wochen vor der Wahl keine Anstalten, das HzE-Problem auf der Agenda nach oben zu schieben. Das alles zeigt, wie sensibel dieses Thema ist. Wie wichtig – und wie schwierig.

Um Zahlen kümmert sich Juliane Fiehling nicht besonders. Sie beschäftigt sich mit der anderen Seite der Hilfen zur Erziehung – der Übersetzung der gesetzlichen Vorgaben in den Alltag. Im achten Buch des Sozialgesetzbuches, Abschnitt vier, Paragraf 27 heißt es: „Ein Personensorgeberechtigter hat bei der Erziehung eines Kindes oder eines Jugendlichen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung, wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist“. Da es nicht immer leicht zu bestimmen ist, wann und wie eine „Hilfe geeignet und notwendig ist“, haben die Jugendämter für Familien mit Problemen drei Kategorien errichtet. Den Leistungsbereich, den Graubereich und den Gefährdungsbereich.

Großes Problem, intensive Betreuung

Wenn Juliane Fiehling beauftragt wird, einen Fall zu übernehmen, dann weiß sie vorher, in welchen Bereich die jeweilige Familie einsortiert wurde. Je größer das Problem, desto intensiver die Betreuung, sollte man meinen, aber grundsätzlich haben alle Familien Anrecht auf den gleichen sogenannten Fachleistungsstundenumfang. „Früher hatte ich pro Familie acht Stunden Zeit in der Woche, jetzt sind es noch fünf“, sagt Fiehling. Die seien für Familien im Leistungsbereich, wo sie nur kleinere Erziehungshilfen geben muss, noch ausreichend. In den anderen beiden Bereichen werde es zeitlich aber dann schon sehr eng. Graubereich bedeutet, dass dem Jugendamt Meldungen von anderen Diensten, der Schule oder Nachbarn vorliegen. Eine Familie wird nicht von ungefähr dort eingestuft. Im Gefährdungsbereich sind die Eltern nur noch wenige Schritte davon entfernt, dass ihnen die Kinder entzogen werden. In Berlin wurden 2009 für 1336 Kinder und Jugendliche zumindest vorläufige Schutzmaßnahmen ergriffen. „In begründeten Ausnahmefällen kann man die Stunden aufstocken“, sagt Juliane Fiehling – meist aber muss sie mit dem erst im vergangenen Jahr erneut um eine Stunde beschnittenen Umfang auskommen. Das heißt: Wer wie sie eine 30-Stundenstelle hat, muss nun in einer Woche sechs Familien betreuen – und nicht mehr vier, wie früher.

Die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten 20 Jahre haben sich nicht nur in der Arbeit der Familienhelfer bemerkbar gemacht – sondern auch in ihren Portemonnaies. Fiehling erzählt, sie habe in den 90er-Jahren als Freischaffende das Dreifache ihres jetzigen Gehalts verdient. 1999 habe der Branche ein Sozialarbeiter einen Bärendienst erwiesen, als er sich beim Jugendamt in Neukölln einklagen wollte. „Da gingen natürlich die Alarmglocken beim Senat an.“ Das System wurde komplett verändert, seither sind fast alle Familienhelfer bei freien Trägern beschäftigt – und verdienen dort deutlich weniger. Fast 800 dieser Träger gibt es in Berlin, die Branche wächst rasant. Nicht alle von ihnen, da sind sich Politiker aller Parteien einig, gehen mit den ihnen zur Verfügung gestellten Mitteln verantwortungsvoll um.

Das MV, wie Rapper Sido, der berühmteste Sohn des Problemkiezes, das Märkische Viertel zu nennen pflegt, ist grau überdacht an diesem Tag. Es wirkt, als schwebe nur eine einzige, riesige, dunkle Wolkenwand über den Hochhäusern. Unablässig schickt sie Regen hinab, die Straßen in dem Stadtviertel sind wie ausgestorben. Vor einem Spielplatz gegenüber vom Märkischen Zentrum läuft ein grüner Plastikbrunnen langsam voll, aus ihm heraus erhebt sich eine grün-weiß gepunktete Skulptur. Es ist ein Fabelwesen, das an einen Oktopus erinnert. Das Wesen steht auf einem seiner Beine, ein anderes hat es angezogen wie ein Sprinter. Es wirkt wie zum Absprung bereit hinaus in eine bessere Welt, doch das Standbein ist fest im Boden verankert. Direkt darunter hat jemand namens Onur mit einem Edding auf den Brunnenrand geschrieben: „belogen, betrogen, zum MVer erzogen!“ Es ist eben nicht ganz so einfach, hier herauszukommen.

Im Märkischen Viertel leben auf gerade einmal 3,2 Quadratkilometern fast 35?000 Menschen, die Bevölkerungsdichte ist höher als die in New York City. Im aktuellen Sozialatlas werden Teile des Märkischen Viertels als „stark gefährdet“ eingestuft, Arbeitslosigkeit, Kinderarmut und der Anteil derjenigen, die staatliche Zuschüsse zu ihrem Lohn erhalten, sind schon traditionell sehr groß. Die Nachfrage nach Erziehungshilfe wächst, im gesamten Bezirk Reinickendorf lagen die Ausgaben für HzE im Jahr 2010 stolze 17 Prozent über dem Etat.

„Ich betreue hier kaum Familien mit weniger als drei Kindern. Die wachsen in dem Bewusstsein auf, dass Hartz IV als Grundsicherung jedem zuteil wird. Weil ja schon Oma von Hartz IV lebt und Mutti natürlich auch.“ Für Juliane Fiehling ist es keine Frage, dass Armut sich weiter vererbt. Es sei kein Spruch, dass Jugendliche auf die Frage, was sie später mal machen möchten, antworten: „Ich hartze.“ Die Karrieren vieler Kinder seien vorgeplant – und daher werde auch der Bedarf an Erziehungshilfen langfristig weiter steigen. Davon ist sie überzeugt.

Vernachlässigt und misshandelt

Die Familienhelferin wirkt nicht verbittert, aber doch sichtlich ernüchtert. Es liegt kaum Emotion in ihrer Stimme, es ist die Erfahrung, die da spricht. Wie solle ein Kind eine Vision entwickeln von einem anderen Leben, wenn es in ihrer Welt keine Fantasie gebe? Aber man könne den meisten Eltern gar keinen großen Vorwurf machen, viele Mütter hätten schließlich selbst eine schwierige Kindheit hinter sich, wurden geschlagen, vernachlässigt, einige vergewaltigt. „Eine Mutter, die als Kind misshandelt wurde und mit 20 Jahren drei Kinder von zwei Vätern hat und diese alleine erzieht, die setzt sich nicht abends hin und liest Geschichten vor.“ Und sie, sagt Fiehring, könne das in ihrer Arbeit auch nicht leisten. Fragt man sie, was sie denn für die Familien tun könne, antwortet sie: „Das frage ich mich auch oft.“

Lesen Sie auch in unserer Wahlserie:

>>> Hartz-IV-Empfänger – Teure Hilfe für Familien

>>> Privat oder kommunal - Kampf um die Netze

>>> Sicherheit in Berlin - Eine Jugend hinter Gittern

>>> So sieht die wirtschaftliche Zukunft von Berlin aus

>>> Wie sich der Mittelstand in Berlin schlägt

>>> Kita-Plätze werden in Berlin verzweifelt gesucht

>>> Steigende Mieten in Berlin - der Wohnraum wird wieder knapp.

>>> Berlin steht im Stau: Dauerärger Baustellen, Ärger bei der S-Bahn

Es sind meist eher praktische Dinge: Begleitung zum Jobcenter oder zum Amt, um etwa den Wohnraumverlust zu verhindern. Ein Besuch beim Schuldnerberater. Kinder an andere Beschäftigungen als Fernsehen heranführen, ihnen eine Form sozialen Umgangs beibringen, auch bei den Eltern das Bewusstsein für Alternativen schärfen. Aber das seien nur Tropfen auf den heißen Stein. „Der Nachhaltigkeitseffekt ist gleich null. Bei manchen wenigen merke ich, dass ich wirklich Impulse setzen konnte, aber bei den meisten…“ Das Dilemma sei, dass die Politik denke: Schickt da mal Familienhelfer rein und dann klappt das schon. Und das Fernsehen suggeriere mit der „Super Nanny“ auch noch, dass eine Familie nach einer Woche Intensivbetreuung keine Probleme mehr habe. „So klappt das aber eben nicht.“ Es hapere an der Grundstruktur, sagt sie. „Und daran etwas zu ändern, ist für uns nicht möglich.“ Mit Grundstruktur meint Juliane Fiehling: Die Präventionsarbeit im Allgemeinen, die elternzentrierte Hilfe im Besonderen. Jugendarbeit sei in erster Linie Elternarbeit. „Wir müssen den Eltern ihre Handlungsfähigkeit zurückgeben“, sagt Fiehling. „Ich kann und will nicht deren Kinder erziehen, sie sollen das selbst machen, präsenter werden und den Kindern geben, was sie brauchen.“ Es gehe darum, bei den Eltern ein Bewusstsein zu wecken, an deren eigener Geschichte zu arbeiten. Wie war es bei mir eigentlich? Was habe ich vermisst? Was habe ich schön gefunden? Was hat mir gut getan und was war nicht so dolle, was möchte ich meinen Kindern nicht zumuten? Es gehe um das Bewusstsein dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholen muss. „Wir machen inzwischen viel Biografiearbeit.“

Familien verzichten auf Gutscheine

Prävention ist das Schlüsselwort, da sind sich Politiker aller Parteien einig. Die Koalition aus SPD und Linkspartei hatte daher schon vor Jahren beschlossen, sogenannte Familienzentren einzurichten. In diesen Eltern-Kind-Zentren geht es um die Förderung frühkindlicher Entwicklung. Erziehung, Betreuung und Bildung sollen hier zusammengeführt werden. Fünf Millionen Euro hatte der Senat dafür im vergangenen Doppelhaushalt vorgesehen. Davon ist in den Bezirken aber nichts angekommen. „Unser Ziel muss es deshalb jetzt sein, das Geld so zu verteilen, dass Familienzentren finanziell gut aufgestellt sind“, sagt Ülker Radziwill, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Die CDU wirft der Regierung vor, den Präventionsbedarf ignoriert zu haben: „Nichts ist da passiert, nichts im Bereich abgestimmte Bedarfsermittlung, nichts im Bereich Frühe Hilfen“, sagt Emine Demirbüken-Wegner, die familienpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion.

Juliane Fiehling hat knapp zehn Jahre lang als Familienhelferin gearbeitet, als Eberhard Diepgen Regierender Bürgermeister in Berlin war und noch einmal zehn in der Amtszeit von Klaus Wowereit. Sie hat dutzende Änderungen miterlebt und wenn man sie nach ihren politischen Hoffnungen in der Jugendpolitik fragt, zuckt sie bloß mit den Schultern: „Da geht es doch immer nur um Profilierung und die nächste Wahl.“ Die meisten Vorschläge seien Schwachsinn, „wie diese Herdprämie damals oder dieses Bildungspaket jetzt, das als Supergeschenk an die Hartz-IV-Empfänger verkauft wird“, ist die Familienhelferin überzeugt. Von den sechs Familien, die sie derzeit betreut, habe keine einzige bislang Gutscheine in Anspruch genommen. „Keine Hartz-IV-Familie hier im Märkischen Viertel kommt auf die Idee: Wow, jetzt haben wir zehn Euro, schicken wir unser Kind doch zur Flötenstunde. Das ist lächerlich.“ Wer keine Impulse von klein auf bekomme, den könne man nachträglich auch nicht mehr dazu bewegen, sagt Juliane Fiehling. „Frühstkindliche Förderung und Bildung außerhalb des Elternhauses. Das ist die einzige Lösung.“ Mit diesem Satz geht Juliane Fiehling hinaus ins Grau, zurück zu den Problemen.

*Name von der Redaktion geändert