Abgeordnetenhauswahl 2011

So ringt Berlin um die Charité

Deutschlands größtes Universitätsklinikum ist für Berlin allein wohl zu groß geworden. Es muss investiert werden, doch dem Senat fehlt das Geld. Nun könnte der Bund helfen.

Foto: Sergej Glanze

Sanft, fast zärtlich legt die Pflegerin ihre Hand auf die Schulter des alten Mannes. „Na, dann setzen Sie sich mal da rüber“, sagt Renate Wettstein und dirigiert den Tumor-Patienten sanft vom Bett auf den Stuhl, um ihm die Trachialkanüle zu wechseln. Die Leiterin der Station für Strahlentherapie auf dem Campus Virchow der Charité arbeitet wie ihre 19 Mitarbeiter auch „am Bett“ mit, also im direkten Kontakt mit den Patienten. „Das ist mir wichtig“, sagt die kleine Frau mit den dunklen Haaren. Dann lerne sie auch die Menschen kennen, die manchmal monatelang in einem der 37 Betten auf der Station liegen müssten. Viele sterben. „Das nimmt man schon mit nach Hause“, sagt Renate Wettstein.

Dennoch ist die Stimmung im Team auf der Station 61 gut. Sie haben hier auch zusammen gestreikt, vor ein paar Wochen. Sie haben durchgesetzt, dass die Löhne der Schwestern und Pfleger jetzt schrittweise an das Niveau in anderen Krankenhäusern angeglichen wird. Das Berliner Universitätsklinikum wird dann nicht länger darunter leiden, dass viele ihrer 12.000 Mitarbeiter weniger Geld verdienen als an anderen Krankenhäusern. „Wenn die Angleichung kommt, haben wir wieder bessere Chancen, gute Leute zu bekommen“, hofft die erfahrene Krankenschwester, die seit 19 Jahren in der Charité arbeitet.

Die Arbeit sei aufwendiger geworden, seit die 51-Jährige. Sie ist 1978 in den Job eingestiegen. Der bürokratische Aufwand sei zehn Mal größer als früher. Gerade an einem Universitätsklinikum muss auch das Pflegepersonal Protokolle für Forschungsstudien mitführen, Daten erheben. Wenn neue Standards in der Pflege eingeführt werden, ist es für die Charité selbstverständlich, diese auch als erste umzusetzen. Gerade wurde auf Station 61 ein Verfahren eingeführt, um Patienten routinemäßig auf Mangelernährung zu überprüfen. Die Pflegerinnen haben einen Fragebogen entworfen, sie haben überlegt, wie die Befragungen laufen sollen, und sie haben die Kollegen geschult. „Die Arbeit hier ist anspruchsvoller als anderswo“, sagt die Stationsleiterin, die im nahen Pankow lebt.

Für Julia Gericke ist das genau ein Grund, in der Charité zu arbeiten. „Die Außenbewertung der Charité ist sehr positiv“, sagt die junge Krankenschwester und blickt kurz von ihrem Computerbildschirm auf, wo sie gerade Daten des vergangenen Tages dokumentiert. Eine Tätigkeit, die täglich eine Stunde Zeit frisst. Es werde viel geforscht, sie lerne neue Therapien kennen. „Aber man muss mehr arbeiten.“ Ihre Kollegin Monika Brobek nickt. „Das ist ein Uniklinikum. Man sieht mehr Fälle. Deswegen habe ich mich hier beworben.“ Es ist 10.30 Uhr am Vormittag. Seit Beginn der Frühschicht um sechs Uhr sind die Frauen noch nicht zum Frühstücken gekommen.

Die Berliner Charité:

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Wer an der Charité arbeitet, hat es oft mit besonderen Situationen zu tun. Das Klinikum mit seinen drei Standorten in Mitte, Wedding und Steglitz ist einer der größten Arbeitgeber Berlins. Und die Charité löst immer wieder politische Debatten aus. Die Exzellenz der Forscher und die gute Krankenversorgung stehen außer Frage. Aber Streit gibt es immer wieder um die Struktur des Klinikums, um den Erhalt der drei Standorte und ums Geld. Die Frage steht im Raum, ob nicht auch die Charité zu groß ist für Berlin allein und ob sie nicht auch von der Bundesregierung mitfinanziert werden müsste – ebenso wie Spitzen-Kulturgüter Museumsinsel oder die Deutsche Staatsoper in Berlin.

In diesem Jahr hat der Senat 330 Millionen Euro für dringliche Investitionen in die marode Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Auf Christian Kilz' Schultern lastet nun die Verantwortung, die Kosten für die umfangreichen Umbauarbeiten im Rahmen zu halten. Allein 185 Millionen Euro hat der Bauchef der Charité für die Sanierung des maroden Bettenhochhauses zur Verfügung. Dabei muss es auch bleiben. Daran hängt in gewisser Weise die Zukunft der Charité.

Sanierung soll 2013 beginnen

Sollte es dem 43 Jahre alten Ingenieur nicht gelingen, mit den Bauarbeiten im Kostenrahmen zu bleiben, droht eine neuerliche Diskussion über die Zukunft des Flaggschiffs der medizinischen Forschung in der Stadt. Der Senat hat die Bewilligung weiterer Mittel daran geknüpft, dass die Bauten nicht teurer werden als versprochen. Daran arbeitet Andreas Kilz. Die Vorplanungsunterlage möchte der Mann mit den raspelkurzen rotblonden Haaren Ende des Jahres auf den Tisch der Senatsbauverwaltung bringen, 2012 sollen die Bauplanungsunterlage fertig und die Baufirmen ausgewählt sein. Mitte 2013 möchte Kilz mit der Sanierung des Bettenturms beginnen. Zwischendurch müssen der Bauchef der Charité und seine zwei Mitarbeiter mit Hilfe externer Ingenieurbüros aber sicherstellen, dass die Patienten anderweitig untergebracht sind.

"Wir müssen das Hochhaus komplett leer ziehen“, sagt der 43-Jährige. Logistisch ist das ein Problem. Wo heute noch der Versorgungstrakt steht, müssen dann drei vierstöckige Riegel aus Container-Bauten 360 Krankenbetten aufnehmen. Um das Versorgungszentrum zu ersetzen, muss die Charité als erstes ein neues, sogenanntes Speiseverteilzentrum bauen. Die restlichen 450 Betten, die langfristig im Hochhaus erhalten bleiben, müssen auf andere Standorte in Mitte, Wedding und Steglitz verteilt werden. Für die Container werden drei Millionen Euro Miete pro Jahr fällig.

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Dass das Geld nicht reicht, um den Investitions- und Sanierungsbedarf an der Charité zu decken, weiß auch Kilz. Er schätzt den Sanierungsstau auf das Doppelte der nun bewilligten 330 Millionen Euro. Aber der Experte sagt auch, dass mehr Geld sofort wenig helfen würde. „Man kann höchstens 150 Millionen Euro im Jahr sinnvoll verbauen“, so Kilz. „Ich bin dankbar, dass es jetzt einen Beschluss gibt“, sagt er mit Blick auf den monatelangen Streit zwischen Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) und Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) um die Investitionssumme für die Charité. Davor seien ja viele Varianten im Gespräch gewesen – eine Hochhaussanierung, ein Neubau, sogar der Abriss des Bettenhochhauses.

Klarheit sei entscheidend, denn Krankenhausbau sei überaus kompliziert, sagt Kilz. „Eine Klinik zu planen, ist das Speziellste überhaupt, weil es viel mehr Kreuz- und Querbeziehungen gibt wie bei einem normalen Bürohaus oder einem Hotel.“ Seiner Meinung nach wäre es hilfreich, wenn das Land stetig einen Investitionszuschuss für die Charité zahlen würde, um Planungssicherheit zu schaffen. „Es wäre einfacher, ein ganzes Ensemble auf einmal zu bearbeiten“, sagt Kilz. Aber der Ingenieur ist niemand, der mit den Rahmenbedingungen hadert. „Ich habe mich damit abgefunden und bearbeite es so, wie es geht.“ Kilz ist seit anderthalb Jahren Bauchef an der größten Universitätsklinik Deutschlands. Zuvor baute unter anderem das Universitätsklinikum in Magdeburg. Seitdem wohnt er auch noch weit draußen auf dem Land, an der Grenze von Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Jeden Tag fährt er länger als eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit in Berlin-Mitte. Da habe er Zeit, sich Dinge durch den Kopf gehen zu lassen.

Er weiß, wie kontrovers über die Charité und ihre Finanzierung in Berlin gestritten wurde. „Die Charité ist heiß“, sagt Kilz und man hat den Eindruck, dass der kräftige Mann es ganz spannend findet, wenn Dinge heiß sind. Seine erste Bewährungsprobe hat der Bauexperte bereits bestanden. Der Neubau der Vorklinik, der wegen einer ungeahnten Kostenexplosion viele Senatoren an der Glaubwürdigkeit der Charité-Manager zweifeln ließ, liegt jetzt, unter Kilz' Regie im Kosten- und Zeitrahmen. „Das hat Herr Kilz unter seiner Fittiche genommen“, sagt sein Chef Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité. Und: „Wir müssen ihm danken.“

Heftiger Streit mit Nußbaum

Einhäupl wäre nach dem aufreibenden Streit der vergangenen Monate vor allem mit Finanzsenator Nussbaum an etwas mehr Ruhe gelegen. Der Vorstandschef arbeitet in diesen Wochen in aller Stille an einem Zukunftskonzept für sein Universitätsklinikum. Sein Ziel ist, die Charité ein Stück weit aus der Finanzhoheit des klammen Landes Berlin herauszulösen und mit zusätzlichen Kooperationspartnern die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Einhäupl möchte seine Klinik mit den Grundlagenforschern des Max-Delbrück-Centrums für molekulare Medizin (MDC) organisatorisch verkoppeln.

Das ist politisch heikel, weil der Bund zwar außeruniversitäre Institute wie das MDC fördern darf, aber eben keine Hochschulen. Diese liegen in der Hoheit der Bundesländer. „Dabei ergänzen wir uns perfekt“, sagt Einhäupl. MDC und Charité setzten die gleichen Schwerpunkte, in beiden Einrichtungen würde vor allem über Krebs, Herzkrankheiten und Nervenleiden geforscht. In einer gemeinsamen Organisation werde es möglich sein, die Fortschritte in der Grundlagenforschung schneller an die Patienten und zur Anwendung zu bringen, sagt Einhäupl. Darum geht es auch in der politischen Diskussion: Die Charité soll auch wirtschaftlicher Motor der Stadt sein.

Viele Wissenschaftler an der Klinik sind bereits Impulsgeber für Unternehmen. Professor Peter Hufnagl arbeitet noch spät am Tag in dem kleinen Häuschen hinter dem pathologischen Institut, das früher als Tierstall diente. Seit 1981 ist der Mathematiker an der Charité. Er ist froh, dass es gelungen ist, den Ruf des mehr als 300 Jahre alten Hauses auch über die DDR-Zeit zu retten. „Die Leute in Australien kennen keine andere Uniklinik in Deutschland“, sagt Hufnagl. Allerdings habe die Reputation der Charité in der Fachwelt gelitten. Wegen der misslichen Finanzlage der Charité seien schon mal Finanzierungszusagen für Professuren nicht eingehalten worden.

"So was ist einfach schlecht, das spricht sich rum“, sagt Hufnagl. Dennoch sorge das Renommee der Charité dafür, dass auch hoch spezialisierte Leute finanzielle Abstriche im Vergleich zu anderen Arbeitgebern hinnähmen. „Viele sind bereit, auf der finanziellen Seite etwas nachzulassen, weil sie hier an interessanten und aktuellen Fragestellungen arbeiten“, sagt Hufnagl. Der 55-Jährige leitet ein von der EU-gefördertes telemedizinisches Vorzeigeprojekt, ist Geschäftsführer zweier Firmen und hat etliche mehr gegründet.

Die Berliner Charité:

>>> Drei Fragen an Lars Oberg (SPD)

>>> Drei Fragen an Nicolas Zimmer (CDU)

>>> Drei Fragen an Anja Schillhaneck (Grüne)

>>> Drei Fragen an Wolfgang Albers (Die Linke)

>>> Drei Fragen an Sebastian Czaja (FDP)

Sein Team scannt Schnitte durch Tumore mit Spezialgeräten und baut eine Datenbank auf, mit deren Hilfe Mediziner ihren Befund sekundenschnell mit den Bildern von Tausenden anderer Tumore vergleichen können. So lässt sich sehr viel zuverlässiger einschätzen, ob es sich um einen bösartigen Krebs oder eine harmlose Zellveränderung handelt. Um die vielen Daten zu verarbeiten und die Bilder sichtbar zu machen, müssen Mediziner deshalb eng mit Mathematikern und Informatikern zusammenarbeiten.

Demnächst möchte Hufnagl dieses Verfahren in den Klinikalltag einführen. Das wird Geld kosten. Aber weil die Berliner in der sogenannten virtuellen Mikroskopie vorne seien, hätten die Scanner-Hersteller ein Interesse, „mit uns zu lernen“, sagt Hufnagl. Sie beteiligen sich sogar regelmäßig an „Scanner-Wettbewerben“, wenn die besten Geräte prämiert werden. Wer das System später anschaffen will, muss dann den vollen Preis bezahlen. „In der Industrie gibt es die Erwartungshaltung, dass man hier etwas Neues schaffen kann, was einen Schritt nach vorne bedeutet“, beschreibt der Mathematiker das Ansehen der Charité. Er selbst ist mehrgleisig tätig. Neben seinem Scanner-Projekt arbeitet er an einem Test für links- und rechtshändige Kinder am Computer. Dahinter steckt die Idee, die Bewegungen am Rechner für die Prävention von Krankheiten zu nutzen. „Oft erkennt man sich abzeichnende Krankheiten am Bewegungsprofil“, sagt der Professor. Wenn die Menschen sich nicht wohlfühlten, bewegten sie sich anders.

Viele ungewöhnliche Ideen

Die Charité steckt voller solcher ungewöhnlicher Ideen. Auch deshalb ist die Leistungsentwicklung der Klinik bei den eingeworbenen Drittmittel und bei Patente positiv. 150 Millionen Euro akquirierten Charité-Forscher im vergangenen Jahr von Unternehmen oder aus der Forschungsförderung, mehr als jede andere Uniklinik in Deutschland. Mit diesem Geld können umgerechnet 2000 Stellen finanziert werden. Auch bei den Drittmitteln pro Bett oder pro Mediziner liegen die Berliner bundesweit in der Spitzengruppe.

Das Klima habe sich verändert, beschreibt Peter Hufnagl den neuen Geist an der Charité. Dazu habe auch die Finanznot beigetragen. Die Kollegen wüssten inzwischen, dass Geld, das eigentlich nicht da ist, „aus der Wirtschaft eingeworben werden muss“. Noch gebe es im Vergleich mit den USA an der Charité und in Deutschland generell Nachholbedarf, was die Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft angehe. Aber es werde zunehmend normal, die Grenzen zu überschreiten. Das war lange verpönt. „Noch in den 90er-Jahren musste man bei Projekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft bestätigen, dass es keine direkte wirtschaftliche Nutzbarkeit hat“, berichtet Hufnagl. Auch wenn es schwierig ist, die Grenze zwischen staatlich finanzierter Forschung und wirtschaftlichen Aktivitäten zu ziehen, sieht Hufnagl keine Alternative: „Was nutzt, es ein Forschungsergebnis zu veröffentlichen, ohne dass die Erkenntnisse und Patente möglichst bald zum Patienten kommen?“