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Wie sich der Mittelstand in Berlin schlägt

Wahlkampfthema Wirtschaft: Der Mittelstand Berlins vergrößert sich überdurchschnittlich. Doch die Stimmung bei Kreativwirtschaft, Dienstleistern und in den Industriebetrieben ist höchst unterschiedlich.

Foto: Amin Akhtar

Holger Weiss verfällt in einen leichten Singsang aus Schlagworten, wenn er beschreibt, was bei „Aupeo“ eigentlich gemacht wird. Er muss das oft erzählen, so ist das, wenn man ein junges Unternehmen führt. Der Firmenname muss erst noch zur Marke werden. Die Menschen sollen irgendwann bei „Aupeo“ sofort an Internetradio denken, so wie sie bei „Tempo“ meist eine Packung Taschentücher vor ihrem inneren Auge sehen.

Weiss sitzt im Konferenzraum von Aupeo an der Alexanderstraße im Bezirk Mitte. Das Unternehmen hat eine Etage in den weißen Plattenbauten bezogen, durch die Fenster des elften Stocks kann man den Fernsehturm und das Hotel ParkInn am Alexanderplatz sehen. Über dem langen Holztisch hängen riesige weiße Lampen, die wie überdimensionierte Pusteblumen aussehen, Möbel und Accessoires sind in den Firmenfarben weiß und grün gehalten, die Rückwand des Raumes ist wie eine Schultafel beschichtet, auf der der Besucher mit Kreide schreiben könnte. Durch die halboffene Tür hört man Stimmen aus dem Großraumbüro. Dort wird Englisch gesprochen.

Das Büro in einem Plattenbau in Mitte, Englisch als Unternehmenssprache, ein Geschäftsführer mit Drei-Tage-Bart und rosafarbenem Hemd mit offenem Kragen – äußerlich ist die Sache schon einmal klar: Das Internetradio-Unternehmen Aupeo zählt zu den jungen, kreativen sogenannten „Start-Ups“, mit denen sich die Hauptstadt so gern brüstet und die in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Wirtschaftsförderung geraten sind. Denn die Kreativbranche ist zum ernst zu nehmenden Bestandteil der industriearmen Dienstleistungsstadt Berlin geworden. Allein in den Jahren 2000 bis 2005 hat die Zahl der umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen der Kreativwirtschaft laut Investitionsbank Berlin (IBB) um 20 Prozent zugenommen. Fast jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeitet demnach in Berlin in einem Unternehmen der Kreativwirtschaft.

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Die Kreativen ziehen immer öfter nach Berlin, so war es auch bei Aupeo. Zwei Hypothesen habe es im Jahr 2008 gegeben, als die Geschäftsidee geboren wurde, sagt Weiss. Erstens: Die Musik wird sich ins Internet bewegen, man hört bald nicht mehr den Inhalt des CD-Regals, sondern einer Daten-Wolke. Zweitens: Die Internetnutzung wird sich vom PC allein weg bewegen, mobiler werden. „Beide Hypothesen haben sich jetzt schon bewahrheitet“, sagt der Unternehmer. Und Aupeo biete ein Radio, das dazu passe. Personalisiertes Internetradio. Die Nutzer können über ihre Anmeldung auf der Internetseite ihren individuellen Musikkanal hören, zugeschnitten auf ihre ganz individuellen musikalischen Vorlieben. Oder sie klicken eine der 120 Musikstationen an, die Aupeo für unterschiedliche Musik-Gelüste zusammengestellt hat. „All das ohne das klassische Radiogequatsche dazwischen und überall auf der Welt verfügbar, wo es Internet gibt“, sagt Geschäftsführer Weiss.

In den gut vier Jahren seit seiner Gründung ist Aupeo zu einem Unternehmen mit 30 Mitarbeitern gewachsen. Ursprünglich wollte Weiss' Geschäftsführungspartner und Firmengründer Armin Schmidt die Idee des personalisierten Internetradios in den Vereinigten Staaten, in der Stadt New York verwirklichen. Doch ideale Bedingungen für die Neugründung fand Schmidt schließlich in Berlin.

Trotz des Krisenjahres 2008 fand Aupeo in Berlin eine Bank, die für die Firmengründung Kapital zur Verfügung stellte. Im vergangenen Jahr stieg dann auch die Investitionsbank Berlin mit einer finanziellen Förderung bei Aupeo ein.

Mittlerweile wird das Start-Up-Unternehmen auf internetfähigen Phillips-Fernsehern vorinstalliert, namhafte Technik-Hersteller wie Acer, Asus und Nokia zählen zu den Partnern der Berliner. Mit „mehreren Hunderttausend“ beziffert Weiss die Zahl der monatlichen Nutzer, in 40 Ländern ist der Dienst inzwischen verfügbar. Die Zukunftsaussichten nennt Weiss sehr gut. Die rasende Nachfrage nach Smartphone-Apps, den Mini-Programmen für internetfähige Handys, seien hervorragend für Aupeo. Auch der Trend zu Tablet-Computern wie dem iPad entspreche genau der Geschäftsidee.

Mitarbeiter aus zwölf Nationen

Englisch sprechen die 30 Mitarbeiter in ihren Büros an der Alexanderstraße der Einfachheit halber. Zwölf Nationen von China bis Finnland arbeiten in dem Unternehmen zusammen. „Berlin hat eine unglaubliche Anziehungskraft auf kreative junge Leute“, sagt der Geschäftsführer. Das Durchschnittsalter der Beschäftigen liegt bei Ende 20 Jahre. Er selbst sei hier „mit 41 Jahren schon ein Opa“, sagt Weiss. Für die erste Karrierephase biete die Stadt Berlin perfekte Bedingungen, ein tolles Flair, eine internationale Ausrichtung und nach wie vor auch günstige Mieten. Erst ab der zweiten Karrierephase würden auch negative Seiten sichtbar, so Weiss. Wenige Kita-Plätze, überlaufene und dreckige Grünflächen, schlechte Verkehrsanbindungen. „Berlin ist eine internationale Stadt mitten in der Provinz“, sagt er. So sei es höchste Zeit, dass der neue Großflughafen in Schönefeld mit einer besseren internationalen Anbindung öffne. Im Sommer nächsten Jahres soll das geschehen.

Musiker, Informatiker und Betriebswirtschaftler arbeiten bei Aupeo zusammen. In einem schmalen, langen Nebenzimmer des Großraumbüros lagert das Herzstück des Internetradios. Die Plattensammlung. Gut 100000 CDs, sorgsam sortiert, beschriftet, aufgereiht in schmalen Holzregalen. Noch ist Platz für mehr, der Raum wird auch als Fahrradgarage und Abstellplatz für Farbeimer, grüne Wolldecken und Kabel genutzt.

Jede neue CD werde digitalisiert und von einem Algorithmus analysiert, den Aupeo zusammen mit dem Fraunhofer-Institut programmiert habe, erklärt der Geschäftsführer. Der erfasse Kategorien wie Rhythmus, Tempo, Gesang. Die Musik wird danach in die Datenbank einsortiert. Mag ein Nutzer gern ruhige Klaviermusik, so weiß Aupeo, was auf seinem individuellen Radiosender gespielt werden muss. „Das alles ist legal, wir haben alle erforderlichen Lizenzen und zahlen Gema-Gebühren“, sagt Weiss. Werbung und Mitgliedsbeiträge der Premiumkunden finanzieren das Angebot.

„Grand Piano“ ist auch die erfolgreichste Genre-Station von Aupeo. Was auf den einzelnen Stationen gespielt wird, die man neben dem eigenen, individuellen Programm anwählen kann, bestimmen die Mitarbeiter. Sie überlegen auch, welche dieser Musikkanäle die Nutzer wohl gerade begeistern könnten. Derzeit arbeiten sie etwa an einer „Bollywood“-Station.

Die Ideen entwickelt unter anderem Beatrice Martini. Die Italienerin ist eine Art Schnittstelle zwischen den Verwaltern der Musik und den Marketingleuten, die den Nerv der Zeit zu treffen suchen. Martini ist 27 Jahre alt, sie arbeitet seit 2009 bei Aupeo. Eigentlich ist sie studierte Musikerin, sie spielt Harfe. Nun klickt sich Beatrice Martini durch das Programm, mit dem die Radiostationen verwaltet werden. Ihr schmales Gesicht wird von einer großen schwarzen Ray Ban-Brille beherrscht. Sie wohne in Kreuzberg sagt sie, das „eu“ in Kreuzberg macht der Italienerin noch Probleme. „Ich arbeite noch an meinem Deutsch“, erzählt Martini – auf Englisch. Aber Berlin sei ihre neue Heimat. „Ich will hier bleiben.“

Bei einem, der schon länger in Berlin ein Unternehmen führt und auch nicht zur umworbenen Kreativwirtschaft gehört, klingt die Bestandsaufnahme weniger euphorisch. Es seien immer die gleichen Schwierigkeiten, mit denen sich Berliner Unternehmer herumschlagen müssten, sagt Karsten Schulze: „Die träge Verwaltung, viel Bürokratie, Fachkräftemangel.“ Schulze führt zusammen mit seinem Bruder und seinem Onkel die Firma „Haru Reisen“, ein großes Busunternehmen mit 25 Omnibussen diverser Größen. Sie betreuen Gruppenreisen, freuen sich bei ihren Stadtrundfahrten über den anhaltenden Tourismus-Boom und lassen täglich Busse zwischen Hamburg und Berlin pendeln. Die Brüder leiten das Unternehmen in der dritten Generation, gegründet wurde Haru Reisen 1945 von Schulzes Großvater Hans Rudek – daher rührt noch heute der Firmenname.

85 Mitarbeiter gehören dazu, damit sind die Spandauer ebenso wie Aupeo und 99 Prozent aller Berliner Unternehmen sogenannter Mittelstand. Der Begriff wird oft unterschiedlich definiert, gängig ist die Erläuterung, nach der zum Mittelstand alle Unternehmen gehören, die weniger als 250 Mitarbeiter und/oder weniger Umsatz als 50 Millionen Euro pro Jahr aufweisen.

Unzufriedenheit mit dem Senat

„Eigentlich müsste die Politik also einen großen Fokus auf den Mittelstand haben“, sagt Schulze angesichts der Berliner Wirtschaftsstruktur. „Aber ihr großes Interesse verheimlichen sie uns bisher.“ Schulze sitzt im „Kompetenzteam Mittelstand“ bei der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Er attestiert dem Land „Beratungsresistenz“, etwa wenn es um kürzere Wege in der Verwaltung und Modernisierung der Abläufe geht. „Die halten es für e-government, wenn man sich auf der Internetseite des Bezirks ein Formular als pdf-Dokument herunterladen kann“, sagt Schulze. Dann müsse man es immer noch ausdrucken, unterschreiben und abschicken, Zeitersparnis durch moderne elektronische Verwaltung sei das nicht.

Außerdem sei Berlin durch die zweistufige Verwaltung gehemmt. Wenn ein Unternehmen in mehr als einem Bezirk tätig sei, führe das immer zu Chaos, weil nicht einmal die Gliederung der Bezirksämter einheitlich sei. „Wenn wir Haltestellenschilder für die Stadtrundfahrten aufstellen wollen, braucht es Tage um den richtigen Ansprechpartner in den einzelnen Bezirken ausfindig zu machen.“

Es sei aber auch schwer für die Politik, Prioritäten zu setzen, weil der Mittelstand so heterogen sei, räumt Schulze ein. „Die Politik sollte sich daher bei jeder Entscheidung fragen, ob sie der Wirtschaft zuträglich ist.“ Die Berliner Wirtschaft wachse derzeit zwar überdurchschnittlich, komme aber von einem extrem niedrigen Niveau.

Da die Wirtschaft in Berlin zum größten Teil aus Dienstleistungsunternehmen besteht, versucht das Land mit einem Masterplan Industriestadt bis zum Jahr 2020 gezielt Industrie anzusiedeln. Norbert Geyer hält das nur bedingt für erfolgversprechend. „Ich richte mich mit meiner Geschäftsidee doch nicht nach einem Cluster des Wirtschaftssenators“, sagt der 64 Jahre alte Alleingesellschafter eines Industriebetriebs. Und lacht trotzdem. Das tut er oft und ansteckend. Auch wenn er durch seine Produktion am Rande von Lichtenrade läuft, wo die „Geyer-Gruppe“ Elektronik und feinmechanische Gehäusetechnik produziert. Dann scherzt er hier mit einer Mitarbeiterin, die im weißen Kittel Bauteile auf Platinen setzt, und klopft da dem Kollegen aus dem Vertrieb, den er im Gang trifft, jovial auf den Rücken. „Unternehmertum hat was mit Optimismus zu tun“, sagt Geyer und strahlt über das ganze, von einem grauen Bart eingerahmte Gesicht.

Die Produktpalette, die bei Geyer hergestellt werden kann, scheint unbegrenzt. Im Ausstellungsraum neben der Fertigungshalle steht in einer Ecke eine Nasszelle für Kabinen auf Kreuzfahrtschiffen, in der anderen eine blaue Ladesäule von Vattenfall, mit der Elektroautos „betankt“ werden können. Vitrinen dazwischen zeigen allerhand Elektronikbauteile. Auch Metallgehäuse für medizinische Nierensteinzertrümmerer kann man anschauen. Geyer hat sich darauf spezialisiert, anspruchsvolle, individuelle Aufträge mit relativ geringer Stückzahl passgenau zu fertigen. „Mal machen wir 600, mal 20000 Stück von etwas“, sagt er. „Durch die geringen Stückzahlen sind diese Aufträge uninteressanter für die Konkurrenz aus China.“ Auch vertraue gerade die Medizintechnik gern auf Qualität aus Deutschland. Den Standortvorteil gelte es zu verteidigen.

„Ohne Industrie bekommen wir nicht die Arbeitsplätze, die wir brauchen, um soziale Verwerfungen zu verhindern“, sagt Geyer. Berlin müsse nicht nur darüber reden, sondern auch ausstrahlen, ein Industriestandort zu sein. Bisher hätten die Politiker das nicht verinnerlicht.

250 Mitarbeiter in Lichtenrade

350 Menschen arbeiten für die Geyer-Gruppe, 45 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften sie. Ein Produktionsteil befindet sich in Dessau, 250 Mitarbeiter sind in Lichtenrade beschäftigt. Unten im Flur des weiß getünchten Firmensitzes, an dessen Außenwand der Slogan „Technik für Zukunftsprodukte“ prangt, kleben Passbilder aller Mitarbeiter in einem Organigramm. Er stelle sich mit den leitenden Angestellten davor, wenn es um bestimmte Entscheidungen gehe, sagt Geyer. „Damit man sieht, dass es um Menschen geht.“ Zahlen dürften nicht zu „Alleinherrschern im Unternehmen“ werden. Controller, Banker und Berater sind Geyers Lieblinge nicht. Er unterscheidet in „Kapitalknechte“ und „echte Unternehmer“.

Sein Vater hatte 1945 einen Mechanik- und Werkzeugbaubetrieb gegründet. Als Norbert Geyer 1966 einstieg, war er 20 Jahre alt und der Betrieb hatte acht Mitarbeiter. Geyer hatte Werkzeugmacher gelernt, auf der Abendschule später Feinwerktechnik studiert. „Eigentlich wollte ich Tubist werden“, erzählt er und amüsiert sich prächtig darüber. „Ich hatte dafür sogar schon ein Studienplatz-Angebot an der Universität der Künste.“

Der demografische Wandel und der dadurch entstehende Fachkräftemangel sind dem gebürtigen Neuköllner besonders wichtig. Er unterhalte Partnerschaften mit vier Schulen, erzählt Geyer. Neuerdings bietet sein Unternehmen sogar Elternabende an, bei denen sich die Erziehungsberechtigten potenzieller Auszubildender den Betrieb anschauen und die Ausbildungsberufe kennen lernen können. „Die Schüler werden nicht blöder“, sagt Geyer. „Die sind immer so gut, wie man sich um sie kümmert.“ Nur mit motiviertem Nachwuchs laufe auch das Unternehmen in Zukunft weiter. Und das gilt nicht nur für die Geyer-Gruppe.

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