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So sieht die wirtschaftliche Zukunft Berlins aus

Wahlkampfthema Wirtschaft: In Adlershof, Oberschöneweide oder auch Tegel liegen die Potenziale für die wirtschaftliche Entwicklung von Berlin. Die Erwartungen sind groß, denn noch sind viele Fragen nicht geklärt.

Die Zukunft sitzt an schönen Tagen am Spree-Strand in Liegestühlen und trinkt Kaffee. 7500 Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) genießen den Luxus einer Mensa am Fluss, den ihnen die modern sanierte ehemalige Spreehalle der Kabelwerke Oberspree bietet. „Das ist nicht irgendeine Hochschule. Hier schwingt deutsche Industriegeschichte mit“, sagt Andreas Ingerl begeistert. Der junge Professor für Multimedia und Screendesign ist sicher: „Wir werden hier zwar nicht in zwei Jahren das nächste Silicon Valley aufbauen. Aber das wird hier wieder ein lebenswerter Industriestandort werden.“ Deshalb ist der Designer auch gleich in eines der Atelierhäuser am Spreeufer gezogen. „Ich will diese Veränderung erleben.“

Oberschöneweide ist einer jener Zukunftsorte, von denen es in Berlin nach dem Industriesterben nach dem Mauerbau und dem Stillstand während der Mauerzeit mehr gibt als in anderen europäischen Metropolen. Weite innerstädtische Flächen wie die Flugfelder von Tempelhof und demnächst von Tegel, frühere Bahngelände wie nördlich des Hauptbahnhofs oder alte Industriezonen wie in Oberschöneweide und Marzahn warten auf eine Fee, die sie zum Leben erweckt. Aber auch die Umgebung von Forschungsinstituten oder Hochschulen wie in Adlershof, Buch oder rund um den Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg bieten jede Menge Möglichkeiten, aus Wissen Arbeit zu machen. Ein großer Teil der neu entfachten wirtschaftlichen Dynamik der Stadt entfaltet sich an diesen Zukunftsorten.

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Wie Berlin in den nächsten Jahren mit diesen Potenzialen umgeht, wird über die ökonomische Zukunft der Stadt entscheiden, ist Norbert Quinkert überzeugt. Gelungene Wirtschafts- und Ansiedlungspolitik entscheide sich immer an konkreten Standorten, ist seine Erfahrung. Der frühere Chef von Motorola Deutschland, der mehrere Mobiltelefon-Werke in Deutschland aufgebaut hat, ist Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, die in Labors und Garagen nach ausbaufähigen High-Tech-Ideen fahndet. Er findet, die Stadt müsste einen „Beauftragten für Zukunftsorte“ einsetzen, der die Entwicklung der unterschiedlichen Standorte koordiniert. Quinkert wünscht sich mehr Entschlossenheit von der Berliner Landesregierung, die Zukunftschancen zu nutzen.

Der Designer Ingerl aus Oberschöneweide ist hingegen nicht so sicher, ob eine zentrale Koordination aus dem Senat heraus etwas helfen würde. „Man kann vieles planen, aber man muss es vor allem tun“, sagt der gebürtige Schwabe, der im Herbst 2010 von einem Posten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule im thüringischen Ilmenau an die HTW gewechselt ist. „Potenzial sehe ich hier“, sagt Ingerl. Potenzial für die Wirtschaftsentwicklung ebenso wie für die Verbesserung des lange Zeit heruntergekommenen Stadtteils, der spöttisch „Oberschweineöde“ genannt wurde.

Die HTW bringt Leben in den Stadtteil, wo vor dem Fall der Mauer noch 25000 Menschen arbeiteten und jetzt die meisten Hallen leer stehen oder Billigmärkte beherbergen. Heute bevölkern 7500 Studenten den Campus mit den langgezogenen Fabrikgebäuden aus gelbem Klinker. Ingenieurwissenschaftler, Informatiker, Gestalter, Modedesigner. 130 Millionen Euro investierte der Senat, um die über das Stadtgebiet verteilte HTW zusammenzuführen und damit Leben und Zukunft nach Oberschöneweide zu bringen. In einem eigenen Gründerzentrum wagen Absolventen den Sprung in die Selbstständigkeit. „Wir haben das Siechtum überwunden“, sagt HTW-Präsident Michael Heine in seinem Büro auf dem Karlshorster Teil der Hochschule. Er wäre auch gerne in Oberschöneweide, sagt Heine. Dort wünscht sich der Präsident neben dem im Bau befindlichen Forschungszentrum für Kultur und Informatik auch noch ein Zentrum für regenerative Energie. Die HTW sei die „erste Adresse für solche Aktivitäten“, sagt Heine. Er habe Zweifel, ob man das doppeln und auf anderen Standorten Ähnliches anstreben sollte.

WG-Zimmer kostet 300 Euro

Nicht nur der Campus, der Stadtteil insgesamt kommt allmählich nach vorne. Inzwischen lassen sich mehr und mehr Studenten dort nieder. Am Schwarzen Brett vor der HTW-Mensa bieten Kommilitonen WG-Zimmer im Altbau inklusive Internet-Flatrate für 300 Euro an. Gegenüber der Hochschule am Rathenauplatz servieren die ersten Cafés Chai Latte an oder Sushi zum Business Lunch. Schräg gegenüber sitzen aber auch noch die Trinker vor dem Spätkauf. „Hier sehe ich einen Querschnitt von Berlin und nicht nur die Leute in Mitte“, beschreibt Professor Ingerl seine Eindrücke. Es sei wichtig, die Menschen im Stadtteil mitzunehmen beim Weg in die neue Zeit und die Geschichte Oberschöneweides stärker sichtbar zu machen, an Tram-Häuschen, in der Spree, in leeren Fenstern der Industriehallen. Aber dafür brauche man Fördergelder, um dies angemessen umzusetzen.

In Oberschöneweide hätten viele Platz, hier könne man die Dinge aufsaugen, sagt Andreas Ingerl. An dem historischen Standort, wo früher die AEG Emil Rathenaus Elektroautos, Transformatoren und Kabel produzierte, gebe es jetzt die Möglichkeiten, dass sich kleine Unternehmen, Designer und Ingenieure aus der Hochschule zusammenfinden. Für den Medienwissenschaftler ist wie für die meisten Fachhochschul-Professoren Nähe zur Wirtschaft völlig normal. Er selbst arbeitete in Zeiten des New-Economy-Booms als Artdirector bei einer IT-Firma. „Da habe ich viel mitgenommen“, sagt der Mann mit dem Pferdeschwanz und der Brille mit dem dunklen Rand.

Oberschöneweide wird profitieren, wenn sich der Blick auf Berlin verändert, weil der neue Großflughafen BER in Schönefeld in Betrieb geht. Wer nach der Landung in die Innenstadt fährt, passiert zuerst Berlins größten und erfolgreichsten Technologiepark Adlershof. Kurz danach folgt schon die Abzweigung nach Schöneweide. In der Folge reihen sich wie an einer Perlenkette aufgezogen die anderen großen Entwicklungsräume aneinander, Tempelhof, Mitte mit dem früheren Güterbahnhof Heidestraße und schließlich Tegel.

Der Mann, der fast überall gerufen wird, wenn Berlin vor der Schwierigkeit steht, aus leeren Räumen gefragte Adressen zu machen, heißt Hardy Schmitz. Früher war er selbst Chef einer Computer-Firma, seit 2002 leitet er die Managementgesellschaft Wista für den größten Berliner Technologiepark Adlershof. In seinem holzgetäfelten Büro an der Rudower Chaussee zeigt Schmitz Pläne von neuen Büro- und Laborgebäuden, die die Wista mit Steuergeld auf dem Campus neben die Häuser der Humboldt Universität und der großen Forschungsinstitute baut, um Unternehmen darin je nach Bedarf flexibel nutzbare Räume zu bieten. „Das macht kein privater Immobilieninvestor“, sagt Schmitz. Die Firmen seien noch zu klein, um sich selbst Gebäude zu errichten. Schmitz schwört auf die räumliche Nähe, Wissenschaftler und Unternehmer müssten sich in der Cafeteria treffen, weil manchmal gerade bei solchen Gesprächen die besten Ideen für Projekte entstünden. Auf diese Weise ist in der Südost-Ecke der Stadt ein Spitzen-Cluster entstanden für Photonik, Optik, Mikrosysteme, Software und Medien.

Allerdings hat der 50-jährige Manager seinen Blick deutlich über Adlershof hinaus gerichtet. Denn, sagt Schmitz und weist auf die gefärbten Flächen an seiner Wandkarte, die Nachfrage nach Grundstücken auf neu ausgewiesenen Flächen in Adlershof nehme zu, seit der neue Flughafen wächst und die Autobahn drei Minuten entfernt ist. Erste Unternehmen aus der eigenen Brutstätte haben ihre Firmensitze gebaut, meist Hallen für Pilotproduktionen. „Adlershof ist inzwischen fast ein Selbstläufer“, sagt Schmitz.

Deshalb haben seine Mitarbeiter andere Aufgaben übernommen. Der ehemalige Infrastruktur-Entwickler Gerhard Steindorff ist dabei, aus dem Gelände und dem riesigen Gebäude des stillgelegten Flughafens unter dem Label „Tempelhofer Freiheit“ eine Marke zu machen. Erste Firmen haben ihre Ansiedlungswünsche bekundet, die Hangars sind zumindest zweimal im Jahr zur Modemesse Bread & Butter ausgebucht. Der Senat mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) an der Spitze hat nun entschieden, an der südwestlichen Ecke des alten Flugfeldes für fast 300 Millionen Euro die neue Zentral- und Landesbibliothek zu bauen. „Eine Schlüsselinvestition“, sagt Steindorff, der darauf setzt, dass sich um die moderne Bücherei Akademien, Bildungsstätten und Verlage ansiedeln. Und ein Schaufenster für Elektromobilität soll den Menschen Lust machen auf E-Mobile.

Was wird aus Tegel?

Aber der Arm der Adlershofer reicht auch über Tempelhof hinaus. Auf dem Campus Charlottenburg, in der Nähe der Technischen Universität und der Universität der Künste, bauen sie ein Gründungszentrum im alten Gerling-Haus an der Bismarckstraße auf. Schmitz hätte gern eine stärkere „Kümmerer-Rolle“ für den großen innerstädtischen IT-Standort übernommen, aber Bezirk und Hochschulen managen ihren Standort lieber selbst.

Dafür kommt Schmitz' Wista in Oberschöneweide zum Zuge, wo sie die Ausschreibung für das Regionalmanagement für die nächsten drei Jahre gewonnen hat. Und die Wista soll auch das schwierigste Problem lösen, das die Berliner Stadt- und Wirtschaftsentwicklung zu bieten hat: die Nachnutzung des Flughafens Tegel, der im Sommer 2012 stillgelegt wird. In Workshops und Studien haben Entwickler, Architekten, Beamte und Politiker das Ziel formuliert, Tegel auf „Urban Technologies“ auszurichten, also auf so vielfältige Themen wie Elektromobilität, das Vermeiden und Entsorgen von Abfall, energiesparende Gebäude, intelligent gesteuerte Versorgungsnetze und ökologisch arbeitende Hausgeräte sowie Abwassermanagement.

Aber anders als in Adlershof und Oberschöneweide gibt es in Tegel nichts außer Fläche, ein zunächst für andere Nutzungen untaugliches Gebäude und einen Autobahnanschluss. Schmitz hat deshalb in ersten Überlegungen den Plan entwickelt, die öffentlichen Unternehmen Berlins sowohl als Kunden als auch als Entwickler solcher Technologien nach Tegel zu ziehen. Wenn die kommunalen Konzerne all ihre innovativen Projekte bündelten, ließe sich in Tegel relativ schnell ein Schaufenster für innovative „Urban Technologies“ errichten, hofft Schmitz. Private Firmen und Forscher könnten nachrücken, Berlin könnte sich dort als Stadt der Zukunft präsentieren. Hilfreich wäre es natürlich auch, wenn die in Wedding aus allen Nähten platzende Beuth Hochschule für Technik mit einem Teil ihrer Fakultäten ins alte Flughafen-Terminal ziehen würde. Bislang gibt es darüber keine Entscheidung.

51 Biotechnologie-Firmen in Buch

Wie es aussehen kann, wenn wissenschaftliche Forschung nach einigen Jahren auch wirtschaftliche Effekte zeigt, ist nicht nur in Adlershof, sondern auch in Berlins größtem Biotechnologie-Park in Buch zu besichtigen. Aber im äußersten Norden des Bezirks Pankow stand der Neuaufbau auch auf einer breiten Basis. Buch war mit 5000 Betten größter Klinik-Standort der DDR, Forscher der Akademie der Wissenschaften und der Charité waren dort auch vor dem Mauerfall tätig. Inzwischen sind neue Forschungsinstitute entstanden, das Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin genießt Weltruf. 51 zum Teil schnell wachsende Biotechnologie-Firmen haben die Wirren der Finanzkrise überstanden, einige sind zu groß geworden für den Campus und wollen selbst bauen. Das Strahlentherapie-Unternehmen Eckert & Ziegler, inzwischen auf einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro gewachsen, legte jüngst den Grundstein am Rande des Campus. Die Pharmazeutika-Entwickler von Glycotope, 120 Mitarbeiter, wollen im nächsten Jahr bauen und hoffen darauf, dass die Stadt rechtzeitig Baurecht für ihre Produktionsanlage schafft. Und alle warten darauf, dass ein Autobahnanschluss die Anfahrt zum Campus erleichtert.

An wissenschaftlichem Potenzial mangelt es in Buch nicht. In einem weißen Würfel durchleuchten leistungsstarke Magnet-Resonanz-Tomografen (MRT) Menschen und Tiere bis in kleinste Einzelheit. Die Geräte erzeugen ein fünf Mal so starkes Magnetfeld wie die in normalen Arztpraxen üblichen MRT-Röhren. Der Charité-Arzt Florian von Knobelsdorff und der aus Tschechien stammender Physiker Jan Rieger zeigen dort, was nur an drei weiteren Orten in der Welt möglich ist. „Wir können zum ersten Mal bewegte Bilder vom Herzen aufnehmen“, sagt der Mediziner. Die Physik ist nötig, um die Probleme zu lösen, die das starke Magnetfeld schafft, außerdem muss die Bewegung des Herzens ausgeglichen werden, um die Daten sauber aufzunehmen. Aber es klappt. Deutlich zeigt der Flachbildschirm, wie das Blut des Probanden in die Herzkammern strömt, wie die Herzklappen sich öffnen. Das Ziel sei, direkt in den Herzmuskel schauen zu können, sagt Knobelsdorff.

Ehe dieses Verfahren bei Patienten und nicht nur bei freiwilligen Probanden angewendet werden darf, muss die in Buch entwickelte Hardware zertifiziert werden. Das wird ein paar Monate dauern, sagen die Forscher. „Die Technik wird in einigen Jahren in der Klinik zur Verfügung stehen“, ist von Knobelsdorff überzeugt. Dann wird es darum gehen, aus dieser wissenschaftlichen Weiterentwicklung auch ein Geschäft für Berliner Unternehmen zu machen.

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