Grüne

Renate Künast muss kämpfen

Entweder Regierende Bürgermeisterin oder gar nichts: Die Grünen-Kandidatin fordert Klaus Wowereit heraus. Aber will Berlin grün regiert werden?

Die Repräsentanz des baden-württembergischen „Schraubenkönigs“ Würth thront über dem Wannsee wie ein modernes Schloss. Unter der großen Terrasse zieht sich ein Park am Ufer hin, perfekt gepflegt und voller Kunst. Würth ist Mäzen, seine Repräsentanz lädt regelmäßig zu Veranstaltungen. Dies ist der Ort, an dem Renate Künast, Kandidatin der Berliner Grünen für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, die heiße Phase ihres Wahlkampfs beginnt. Vor 170 Gästen aus Wirtschaft, Politik und Kultur wird sie einen Kurzvortrag über Freiheit halten.

„Fällt Ihnen was auf?“, fragt ihr Sprecher auf der Terrasse die wartenden Journalisten. „Die Strähnchen sind weg.“ Sie wirke seriöser, soll das wohl heißen. Künast, 55 Jahre alt, sieht entspannt aus, sie ist gerade aus in ihrem Häuschen in Schleswig-Holstein zurückgekehrt.

Im Herbst, nachdem die Bundesregierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert hatten, lagen die Grünen in Berlin laut Umfragen bei 30 Prozent der Stimmen, Platz eins in der Wählergunst, acht Punkte Vorsprung vor der SPD. Im November haben die Grünen Künast zur Kandidatin gekürt, auf einer wohlinszenierten Veranstaltung im Stil der Ernennung Obamas. Ihre Rede handelte von „Aufbruch“ und „Verheißung“. Ihre Partei veranschlagte 1,1 Millionen Euro für den Wahlkampf, mehr als je zuvor. Inzwischen stehen die Grünen neun Prozentpunkte hinter der SPD, bei 22 Prozent. Das sind knapp neun Prozentpunkte mehr als bei der letzten Abgeordnetenhauswahl. Die ersten Wahlforscher sagen: Künasts Chancen schwinden.

Die Kandidatin plaudert

Die Kandidatin mischt sich jetzt unter die Gäste, plaudert beim Amuse-Gueule unter Sonnenschirmen mit Prominenten wie Jürgen Engert, dem ehemaligen SFB-Chef, der früheren Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan und deren Mann Peter Eigen, Gründer von Transparency International. Künast ist kleiner, als sie im Fernsehen wirkt, ihre Gesichtszüge sind weicher als auf vielen Fotos. Sie trägt einen pinkfarbenen Blazer zur „Igelfrisur“, ihrem Markenzeichen.

Künast ist bekannt für lautes Auftreten und beißenden Spott gegenüber politischen Gegnern. Jetzt, unter den Sonnenschirmen, macht sie Scherze. Früher habe man die jungen New Yorker bewundert, die mit Jackett und Bügelfalten mit der U-Bahn zur Arbeit fuhren. „Heute sind wir das selbst“ – sie zupft an ihrer schwarzen Hose. Den Satz hört man häufig von ihr. Er ist ihre Überleitung zum Wahlkampfthema Mobilität. Künast schwärmt von der Testfahrt mit einem elektrisch unterstützten Fahrrad durch den Tiergarten. „Pedelec“ heißt es, bei ihr hört es sich an wie „Paddylac“, mit Ruhrpott-Doppel-D. Ruhrpottler fahren nicht Cadillac. Renate Künast stammt aus Recklinghausen, aus einfachen Verhältnissen, wie sie gern betont. Seit 35 Jahren lebt sie in Berlin. „Ich kann mir gut vorstellen, mit so 'nem Ding ins Büro zu fahren“, sagt sie. Die Umstehenden lachen. Man muss kein Wahlforscher sein, um zu sehen, dass zu Künasts Stärken die „Street Credibility“ zählt.

Eine „Berliner Göre“ ist sie trotzdem nicht. Künast, Juristin, seit 30 Jahren in der Politik, braucht exakt 15 Minuten, um das Thema Freiheit auf Berlin und die grünen Kernthemen herunterzubrechen: Bildung, Mobilität, Klima, Wirtschaftsförderung. Die Rede hat eine gewisse Fallhöhe, weil der Moderator sie vorher scharf angreift: Die Grünen stünden für eine Gängelung der Bürger, allen voran der Unternehmer. Es nennt es „Paternalismus“. Künasts Gegenrednerin wird ihr „Öko-Egalitarismus“ vorwerfen. Gleichmacherei. Eine Steilvorlage. „Was, bitte, ist an Bildung paternalistisch?“, wird Künast am Schluss fragen. Ihr Gegenüber wird einräumen: gar nichts.

Der Abend endet gut. „Toughe Frau“, sagt eine Architektengattin beim Nachtisch, die Nebenstehenden nicken. Sie kennen Künast als Bundesverbraucherministerin in den Jahren 2001 bis 2005, verantwortlich für so nützliche Sachen wie das Biosiegel. Freiheit, das Thema des Abends, lässt sich hier, mit dem weiten Blick auf den Wannsee, entspannt diskutieren.

Ungemütlich wird es erst ein paar Tage später. „Sind Sie nun für die Legalisierung von Cannabis oder nicht?“, will eine Frau um die 40 wissen, Künast steht am Wahlstand an der Bergmannstraße. Es ist Sonnabend, die erste Runde im Straßenwahlkampf ist ein Heimspiel. In manchen Ecken Kreuzbergs holen die Grünen seit Jahren bis zu 80 Prozent der Stimmen. Am Morgen hat Künast die Direktkandidatin des Wahlkreises am Engelbecken unterstützt. An der Schnittstelle zwischen Kreuzberg und Mitte plant diese ein dreiwöchiges „Klinkenputzen“ in den Plattenbauten. „Wie Barack Obama“, sagt sie. Sie ist 28 Jahre alt und wirkt sehr optimistisch.

Die Frau an der Bergmannstraße dagegen schaut ernst. Hinter ihr steht eine Traube besorgter Menschen. Die Frau reicht Künast das aufgeschlagene Bezirkswahlprogramm der Grünen. Darin steht die Forderung nach dem straffreien „Anbau von bis zu drei Hanfpflanzen auf Friedrichshain-Kreuzberger Balkonen“. In Künasts Programm steht das nicht. Nicht einmal das Wort „Entkriminalisierung“. Sie sagt: „Wir müssen die Menschen befähigen, frei von Abhängigkeit zu leben.“ Die Cannabisfraktion zieht enttäuscht weiter. Am Nebentisch macht die örtliche Direktkandidatin bei Wählern Punkte – wenn auch nicht für Künast: „Ich bin absolut gegen eine grün-schwarze Koalition!“ Künast dagegen hält sich diese Option offen, auch wenn sie sagt, mit der SPD gebe es mehr Übereinstimmungen.

Zu Beginn des Wahlkampfes gab es Zweifel, ob Künast im Klein-Klein der Landespolitik wieder ankommen werde. Es gab Verwirrung, ob sie den Flughafen BER infrage stelle. Sie dementierte. Berlin als Tempo-30-Zone? Abschaffung der Gymnasien? Künast, deren Lieblingswort „Vision“ ist, musste lernen, große Ideen ins Berliner Kiezformat zu bringen.

An der Bergmannstraße bleibt ein Trupp Radfahrer stehen: „Frau Künast! Grüße aus dem Bergischen Land!“ Danach lässt sich ein bayerischer Unternehmer mit ihr fotografieren. Früher sei er CSU-Mitglied gewesen, sagt er, jetzt wähle er grün. Nur eben nicht in Berlin.

Künast steigt in ihr Wahlkampfmobil, die elektrogetriebene Mercedes-A-Klasse E-Cell surrt Richtung Schöneberg. Am Straßenrand drehen sich Leute um. „Kommt cool, das Auto“, sagt Künast, aber sie weiß genau, dass die Menschen sich vor allem nach ihr umdrehen. Wer sie nicht aus der Politik kennt, kennt sie aus Illustrierten. Mindestens zehn ältere Damen haben ihr an diesem Tag zur Hochzeit gratuliert. Künast hat dieses Jahr ihren langjährigen Partner geheiratet, den Strafverteidiger Rüdiger Portius.

Am letzten Stand in der Maaßenstraße in Schöneberg, ihrem Wahlkreis, interviewt sie eine halbe Stunde einen Mann aus Niedersachsen – er bildet Lehrer aus. Künast will wissen, wie man endlich mehr Lehrer nach Berlin bekommt. Sie will immer alles genau wissen.

Das eigene Leben als Managementfrage

Am Sonntag wird ein neues Plakat vorgestellt: „Renate kämpft“. Auf den Pressefotos hebt sie die Hand zum Gruß wie ein kleiner Soldat. Disziplin gehört zu ihren Grundeigenschaften. Das gilt offenbar auch privat. „Aufstehen, Bluse bügeln, für richtige Ernährung sorgen“, so umschreibt sie, was vom 16-Stunden-Alltag im Wahlkampf übrig bleibt. Auch das eigene Leben sei eine Managementfrage: „Ich halte nichts davon, wenn sich Politiker beklagen, sie kämen nicht dazu, sich vernünftig zu ernähren.“ Jetzt, im Wahlkampf, verzichte sie auf Alkohol. Das habe sie „vom Fischer“ gelernt, von Joschka Fischer. Als Entspannung empfiehlt sie eine Shiatsu-Massage. „Das ist wie nach einem wunderbaren Schlaf. Über Nacht hat sich alles sortiert, und nur die wichtigen Aspekte sind übrig. Kennen Sie das?“ Künast mag es, Menschen zu beraten. Da komme die Sozialarbeiterin in ihr durch, sagt sie, wenn sie mit alten Damen am Wahlstand über Rentenfragen spricht oder mit Frauen über Berufschancen. Gern nennt sie ihren eigenen Weg als Beispiel: „Ich hatte ja nicht schon als Kind den Plan, Karriere zu machen. Man darf nie den Berg sehen, sondern muss von Hütte zu Hütte wandern.“

Künast sagt: Sie habe schon als Kind Widerstand gespürt, „wenn man mich im Denken einengen wollte“. Ihre Mutter war Hilfskrankenschwester, ihr Vater stammte von einem Bauernhof in Thüringen, war Kfz-Schlosser und arbeitete als Fahrer. „Er fand, Hauptschule und danach ein feiner Bürojob seien genug für uns Mädchen.“ Künast hat zwei Schwestern und einen Bruder. Die Älteste konnte sich nicht durchsetzen, Künast ertrotzte sich ihren Weg. „Ich nervte monatelang meine Mutter: ‚Ich will, ich kann – aber ich darf nicht!'“ Schließlich überzeugte sie ihre Eltern immerhin von der Realschule. Künast studierte Sozialarbeit in Düsseldorf, mit 21 Jahren zog sie nach Berlin, um Sozialarbeiterin in der JVA Tegel zu werden. Und sie studierte Jura.

„Gesetze sind Weichenstellungen für gesellschaftliche Veränderungen“, hat sie in ihrer Zeit in der Anti-Atomkraft-Bewegung und in der Arbeit mit Drogensüchtigen erkannt. Ab 1985 saß sie für die damalige Alternative Liste als eine der wenigen Frauen im Abgeordnetenhaus. Ihre Themen: Bürgerrechte, Flüchtlingspolitik, Gleichberechtigung. Ihre Waffen: Sachargumente und selbstbewusstes Auftreten. „Grüne Giftspritze“, nannte sie Eberhard Diepgen, damals Regierender Bürgermeister (CDU). „Was Männern als Kompetenz ausgelegt wird, gilt bei Frauen schnell als Härte“, sagt Künast. Und: Ohne die Quote ihrer Partei hätte sie wohl erst später Karriere gemacht. Dafür müsse man sich nicht schämen.

Am Montagabend spricht Künast auf dem überfüllten Marktplatz in Friedrichshagen. Tausende Menschen protestieren gegen die geplanten Flugrouten vom Großflughafen BER aus. Im Vorfeld hat Künast sich mit dem Chef des Umweltbundesamtes getroffen, sich die Chancen der Friedrichshagener auf eine Routenänderung erklären lassen. „Also!“, ruft sie energisch ins Mikrofon, „meinen Respekt!“ Sie lobt die Initiativen und rät ihnen, sich ans Bundesumweltamt zu wenden, statt zu hoffen, dass Klaus Wowereit sich kümmere. Der Brief, den er an den Bundesverkehrsminister schicken wolle, habe die falsche Adresse. „Ich frage mich, was macht er da?“ Doch die Demonstranten wollen keinen Wahlkampf, sondern dass der Flughafen nach Sperenberg verlegt wird. Künast erwidert offen: Sie müsse lügen, wenn sie dazu raten würde. Der Rest geht in Buhrufen unter. „Die verrät die grünen Ideale“, schimpft ein Demonstrant hinterher. Er sei selbst Grünen-Mitglied, sagt er, „noch“. Eine ältere Dame zieht wiederum den Künast-Obama-Vergleich, wenn auch anders. „Ihr wird es gehen wie ihm. Seit er an der Regierung ist, muss er wider die eigene Überzeugung entscheiden.“

Ungeduld in der Stimme

Am Mittwoch steht die Kandidatin in der „grünen Botschaft“ des Landesverbandes in Mitte, wo sie für die Zeit des Wahlkampfes ein kleines Büro hat. Es ist nicht sehr wohnlich. Wird Künast nicht Bürgermeisterin, kehrt sie in die Bundespolitik zurück. Durchs Fenster fällt Sonnenlicht und betont das Blau in Künasts Augen. Sie scheint sich fast nicht verändert zu haben in den drei Jahrzehnten Politik. Die Stimme ist die gleiche, jung und ungeduldig und im Gespräch überhaupt nicht laut. Künast kann sehr charmant sein. Nur: Auf Podien wirkt sie nicht so.

Jetzt aber sprechen wir über ihren politischen Gegner: „Wowereit ist ein charmanter Vertreter Berlins, aber er geht nicht entschlossen ran.“ Über ihren Mann: „Er ist die Person, die ich gern finden wollte im Leben.“ Und über Kochen. Renate Künast ist begeisterte Köchin, enthusiastisch beginnt sie, Rezepte aufzuzählen. Königsberger Klopse, „das Rezept hab ich von meiner Oma“, Thai-Fisch, selbst gemachte Tagliatelle. Den Spaß am Kochen habe sie über die männlichen Mitbewohner ihrer Wohngemeinschaften entdeckt, in denen sie zwölf Jahre lebte.

Vielleicht es ihr deshalb nicht peinlich, die Hausfrau herauszukehren. „Ich bin ja auch so 'ne Blumentante“, sagt sie zum Schluss und tippt auf ihrem Tablet-PC ein Foto an. „Auf meinem Balkon, gucken Sie mal.“ Man sieht: zwei Kakteen. Sehr grün. Und sehr stachlig. Wie Igel. Oder Symbole. „Momentan blühen sie.“ Künast deutet auf zwei zarte Gebilde in Rosa und Weiß. Sie strahlt. Dann muss sie zum nächsten Fototermin für den Wahlkampf.